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Russland

Russische Propaganda nach massiven Verlusten: «Leben wird überbewertet»

Nach Rückschlag in der Ukraine: Russische Propagandisten zelebrieren den Tod

Bei einem ukrainischen Angriff an Neujahr starben dutzende – wenn nicht hunderte – russische Soldaten. Es ist einer der grössten russischen Verluste in einem einzigen Kriegsereignis. Dies verleitet russische Propagandisten zu einer neuen Rhetorik: das Feiern des Todes.
04.01.2023, 19:2206.01.2023, 06:30
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In der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar forderte ein ukrainischer Angriff in Makijiwka möglicherweise hunderte von russischen Toten. Während die Ukraine von 400 toten russischen Soldaten sprach, bestätigte Russland zunächst nur deren 63. Am Dienstagabend wurde die Zahl dann nach oben, auf 89, korrigiert.

Laut dem russischen Generalleutnant Sergej Sewrjukow seien die Ukrainer nur auf das nun völlig zerstörte Gebäude aufmerksam geworden, weil die russischen Soldaten ihre Handys benutzt hätten. Die Opfer seien selbst schuld.

Der Generalleutnant bedient sich hier der Rhetorik der Schuldabwälzung. Es ist ein Versuch, den schweren Schlag gegen Russland zu relativieren. Dasselbe versucht auch Kremlpropagandist Wladimir Solowjow. Allerdings schlägt er dafür eine andere Route ein. Im russischen Staats-TV spielt er am Montag den Tod herunter und sagt schlicht:

«Das Leben wird völlig überwertet.»

Solowjows Auftritt im Staatsfernsehen:

Video: twitter/francis_scarr

Er habe mit dem Kriegshelden, dem General Apti Alaudinov, gesprochen. Er habe ihn gefragt: «Fürchtest du dich vor dem Tod?» Daraufhin habe dieser geantwortet, dass er ein religiöser Mann sei und deswegen den Tod gar nicht fürchten könne. Und weiter:

«Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst davor, Menschen zu enttäuschen.»

Solowjow stimmt der Meinung des Kriegshelden zu und knüpft an:

«Warum sollte man sich vor dem Unvermeidlichen fürchten? Ausserdem werden wir in den Himmel kommen. Der Tod ist das Ende eines irdischen Weges und der Anfang eines anderen.»

An wen dieser ganze Monolog gerichtet war, kommt vor allem bei der folgenden Aussage zum Ausdruck:

«Davor Angst zu haben? Und das deine Entscheidung beeinflussen zu lassen?»

Solowjow sorgt sich – um nicht zu sagen, fürchtet sich – offensichtlich davor, dass sich kampffähige Russen von solchen Rückschlägen wie in Makijiwka verunsichern lassen. Schon die Teilmobilisierung war sehr harzig verlaufen und die vielen Todesmeldungen bestätigen die Befürchtung vieler Soldaten, dass sie bloss als Kanonenfutter in die Ukraine geschickt würden.

«Und wenn auch!», denkt sich wohl Solowjow. Mit seinen Aussagen möchte er den Russen den Märtyrertod schmackhaft machen:

«Es lohnt sich nur für etwas zu leben, für das man sterben kann, so sollte es auch sein.»

Witwen-Gruppe stolz auf tote Männer

Bereits gestorben sind die Männer der «Soldaten-Witwen Russlands». Die Frauen der bisher nicht bekannten Gruppe sind stolz auf den Einsatz ihrer verstorbenen Männer, fordern aber weitere Massnahmen von Putin. Ihr Appell verbreitet sich derzeit in den sozialen Medien.

In ihrer Telegram-Gruppe – die erst seit einem Monat existiert – schreiben sie:

«Wir bitten unseren Präsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin, der russischen Armee eine gross angelegte Mobilisierung zu erlauben.»

Zudem soll allen kriegsfähigen Männern das Verlassen des Landes verboten werden. Sie hätten das volle moralische Recht, dies vom Präsidenten einzufordern, so die Gruppe.

«Unsere Männer sind gestorben, um diese Männer zu schützen, aber wer wird uns schützen, wenn sie weglaufen?»

Weiter wünschen sie sich, dass Putin sich an Stalin ein Vorbild nehme. Dieser habe sich nämlich bei seinem Streben nach dem Sieg nicht um irgendwelche Einschätzungen oder die Unzufriedenheit von Dissidenten gekümmert.

Gegenüber Reuters erklären sie, dass sie ihre Arbeit vor etwa zwei Monaten begonnen hätten, um die Frauen von gefallenen russischen Soldaten zu betreuen. Wer aber glaubt, dass der Tod der Männer bei den zurückgebliebenen Frauen Kritik und Wut geschürt habe, irrt sich. Im Gegenteil: Ganz in Solowjows Manier zelebriert die Gruppe den heldenhaften Tod der Soldaten. In ihrem ersten Telegram-Beitrag Anfang Dezember schrieben sie:

«Wir sind die Witwen der russischen Soldaten. Wir sind die Säule des Landes, die die Sache unserer gefallenen Ehemänner weiterführt. Wir sind diejenigen, die ihre Ehemänner nicht feige hinter Kindern und Röcken versteckt haben.»

Die Botschaft von Putins Propagandisten Solowjow und der Witwengruppe ist klar: Der Tod einiger dutzend Soldaten ist noch lange kein Grund, den Krieg infrage zu stellen oder sich vor einem Einsatz zu drücken.

In anderen Worten: Ein Tod für Putins Mission ist eigentlich gar nicht so schlimm.

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Ukrainische Gebirsjäger stürmen russischen Schützengraben
Video: watson
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113 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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In vino veritas
04.01.2023 19:48registriert August 2018
Goebbels würde vor Neid erblassen, wenn er das sehen könnte.

Propaganda hat schon früher funktioniert, warum sollte es heute nicht mehr funktionieren? Schliesslich scheint die Zustimmung für Putin selbst hier im freien Westen in gewissen Kreisen intakt zu sein. Leider ist die Begeisterung nicht gross genug um eine Auswanderung nach Russland zu bewirken.

All die toten Männer. Gefallen in einem sinnlosen Krieg. Wie traurig, obwohl es Angreifer sind.
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beaudulac
04.01.2023 19:42registriert April 2014
wie lange gehts noch, bis wieder orden an kinderreiche mütter verliehen werden? adolf und ceausescu lassen grüssen.
1952
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Greebo
04.01.2023 19:41registriert Mai 2020
Ich versuche mir immer wieder zu sagen, dass mein Mitgefühl nicht nur der Ukraine, sondern auch jenen Menschen in Russland gelten sollte, die gegen den Krieg sind, die gegen ihren Willen eingezogen wurden und nur aus Angst um ihre Familien das böse Spiel mitspielen. Ich sage mir immer wieder, dass sie nicht alle verblendete Kriegstreiber sind. Aber solche Berichte machen es mir sehr schwer. Andererseits... vielleicht ist das genau das Ziel. Also halte ich die kleine Flamme des Mitgefühls, die eben "den anderen" Russen und Russinnen gilt, am Leben. Allen Kriegsgurgeln zum Trotz.
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