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Hunde im Krieg – von lebenden Bomben zu tapferen Helfern

Hunde im Krieg – von lebenden Bomben zu unabdingbaren Helfern

Hunde spielen in Kriegen seit jeher eine zentrale Rolle. Die Vierbeiner dienten als Spione, Wächter und Sanitäter – oder wurden als lebendige Bomben ins Feld geschickt. Heute setzt man auserwählte Hunde in Kriegsgebieten als Spürhunde ein – doch die Hürden dafür sind gross.
03.03.2023, 10:2504.03.2023, 15:48
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Selbst wenn die russischen Truppen komplett aus der Ukraine abziehen, eine Bedrohung bleibt bestehen: Minen.

Das Land ist übersät damit. In Flüssen, Wäldern, am Strassenrand oder auf Spielplätzen. Die Regierung in Kiew schätzt, dass rund 40 Prozent der Ukraine vermint sein könnten. Besonders mit Minen verseucht seien der Süden und der Osten – über Hunderte Kilometer erstreckt sich ein Minengürtel.

Die weltweit grösste Organisation für Minenräumung, Halo Trust, spricht vom grössten Sprengstoffproblem des 21. Jahrhunderts. Denn die Sprengkörper können die Zivilbevölkerung und Tiere durch Explosionen verletzen oder gar töten, wenn sie bewegt werden.

Die Räumung von Minen dauere selbst bei einem raschen Kriegsende Jahre. Weltweit sind Minen aufgrund von Kriegen und Konflikten heute noch in bis zu 60 Ländern und Gebieten vergraben. Zu den am meisten mit Minen verseuchten Ländern zählen: Afghanistan, Äthiopien, Bosnien und Herzegowina, Irak, Jemen, Kambodscha, Kroatien, Türkei sowie die Ukraine.

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Sirajuddin Afghanmal, ein afghanischer Polizeibeamter, entdeckt und entfernt Landminen, Juli 2017.Bild: EPA

Das afghanische Entminungsprogramm zählt zu den umfangreichsten überhaupt. Doch das Programm zur Minenräumung in Afghanistan läuft diesen Monat aus – obwohl noch immer zahlreiche Sprengkörper unter der Erde liegen. Und so sterben oder verletzen sich noch heute jedes Jahr Tausende Menschen in Afghanistan aufgrund von Minen. Experten haben darum eine Fristverlängerung bis mindestens 2028 beantragt.

Eine zentrale Rolle bei der Räumung von Minen spielen: Hunde. Ausgebildete Spürhunde erschnüffeln und lokalisieren Sprengstoff. Seit Mitte der 90er-Jahre werden Hunde dafür ausgebildet – der Begriff «Minenhund» existiert allerdings schon weit länger.

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Die deutsche Hündin Fanny sucht nach eventuellen Minenfeldern in der Nähe von Kandahar, Afghanistan, Dezember 2022.Bild: AP

Minenhund – ein Homonym

Als Minenhunde – auch bekannt als Panzerabwehrhunde – bezeichnete man Hunde, die insbesondere von der Roten Arme im Zweiten Weltkrieg als tierische Bomben verwendet wurden. Den Hunden schnallte man Sprengstoff auf den Rücken, der mit einem Knickzünder versehen war. Meist schickte man die Hunde unter die Panzer des Gegners.

Das Problem: Die Hunde konnten die Panzer nicht unterscheiden. Die Minenhunde sprengten oftmals die eigenen Panzer in die Luft. Aufgrund dieser Unzuverlässigkeit setzte man später auf Panzerwaffen.

Insbesondere im Zweiten Weltkrieg sind sogenannte Minenhunde von der Roten Armee benutzt worden, um die Panzer der Wehrmacht zu bekämpfen.
Insbesondere im Zweiten Weltkrieg sind sogenannte Minenhunde von der Roten Armee benutzt worden, um die Panzer der Wehrmacht zu bekämpfen.bild: gemeinfrei

Leider markierte der Zweite Weltkrieg nicht das Ende von Minenhunden für militärische Zwecke. Dokumentiert ist der Einsatz von mit Sprengstoff beladenen Hunden auch im Syrienkrieg.

Minen(spür)hunde in Kriegsgebieten

Heute spielen Hunde eine grosse Rolle in Kriegsgebieten. Sprengstoffexperten setzen bei der Minenräumung auf die Nasen von ausgebildeten Hunden. Mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn spüren sie selbst unterirdische Sprengkörper auf, die von Maschinen oftmals nicht entdeckt werden.

Die professionellen Schnüffler sind weltweit in mit Minen verseuchten Gebieten im Einsatz – selbst die kleinsten. Einer der derzeit bekanntesten Spürhunde ist: Patron.

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Auf der Suche nach Minen – Spürhund Patron bei Entminungsarbeiten auf dem Flugplatz Gostomel in der Nähe von Kiew, Mai 2022.Bild: keystone

Der Jack Russell Terrier hat in der Ukraine bereits Hunderte von Minen ausfindig gemacht – und damit wohl zahlreiche Leben gerettet. Im letzten Jahr ist er aufgrund seines besonderen Einsatzes in der Armee vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj für seinen «selbstlosen Einsatz» ausgezeichnet worden.

Selbst bei der Auszeichnung des Filmhundes des Jahres, dem «Palm Dog Award», erhielt der Vierbeiner 2022 einen Ehrenpreis. Persönlich entgegennehmen konnte Patron die Auszeichnung aber nicht – der Landminenschnüffler hat nämlich viel zu tun.

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Präsident Wolodymyr Selenskyj ehrt den kleinen Vierbeiner Patron.Bild: keystone

Nur die besten Schnüffler werden zu Minenspürhunden

Patron ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Hunden und Menschen bei der Minenräumung ist. Doch die Ressourcen sind beschränkt. Alle Gebiete der Welt von Minen zu befreien, nimmt viel Zeit und Geld in Anspruch. Die Anforderungen, um seinen Hund zum Minenspürhund auszubilden, sind hoch, die Ausbildung ist zeitintensiv. Und nicht jeder Hund ist der Aufgabe als Sprengstoffschnüffler – geschweige denn als Minenaufspürer – gewachsen.

Die Spürhunde folgen bei der Suche nach Minen einem Sprengstoffgeruch im Umkreis von 10 Metern. Dabei werden sie im Normalfall an einer langen Leine gehalten. Wenn sie fündig werden, setzen sie sich neben die Fundstelle.

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Die Hündin Fanny und ihr Hundeführer Haniif Ullah bei einer Minenräumung in Kandahr, Afgahnistan, im Dezember 2022.Bild: AP
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Ein Hund schnüffelt den Boden nach Minen ab – während einer Trainingseinheit im Ausbildungszentrum der deutschen Minenräumorganisation Mine Detection and Dog Center (MDC) in Kabul am 05. Januar 2001.Bild: EPA AFPI

«Die Hunde müssen aktiv sein und Lust am Suchen haben», sagt Andrea von Siebenthal vom Genfer Internationalen Zentrum für Humanitäre Minenräumung (GICHD) gegenüber dem Magazin TierWelt. Im besten Fall riechen die Hunde Sprengstoff auf sieben bis acht Meter Entfernung. Nur die besten Hunde würden für die Suche von Minen ausgewählt werden.

Minen – illegale Waffen
Das Völkerrecht und die Genfer Konventionen definieren zwischen legalen und illegalen Waffen. Waffen werden dann als verboten deklariert, wenn bei ihrem Einsatz nicht zwischen Zivilisten und Soldaten unterschieden werden kann. Minen, Gas oder Streubomben sind verbotene Waffen, da sie, sobald sie eingesetzt werden, Zivilisten und Soldaten unterschiedslos treffen.

Die Sprengstoffschnüffler der Schweiz

Sprengstoffspürhunde aus der Schweiz werden präventiv bei Grossanlässen wie etwa der Street Parade oder bei Interventionen eingesetzt. Permanent im Einsatz sind die Hunde an den internationalen Flughäfen. Auch bei Haus- und Fahrzeugdurchsuchungen schnüffeln die Hunde nach Sprengstoff.

1999 ist die Schweizer Gesellschaft SMEDDS (Swiss Mine & Explosives Detection Dogs Society) gegründet worden – eine Organisation von erfahrenen Diensthundeführern der Armee und der Polizei, die weltweit an Entminungsprojekten beteiligt ist – allerdings (noch) nicht in der Ukraine.

An interior ministry sapper defuses a mine on a mine field after recent battles in Irpin close to Kyiv, Ukraine, Tuesday, April 19, 2022. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
Ein ukrainischer Minenspezialist entschärft eine Mine in Irpin, Ukraine, April 2022.Bild: AP

Dennoch hilft die Schweiz der Ukraine indirekt bei der humanitären Minenräumung, indem sie ukrainische Spezialisten zu Ausbildungskursen einlädt. Insgesamt ist die Schweiz an fünf Minenräumprogrammen der UNO beteiligt – und stellt jährlich 18 Millionen Franken für die Beseitigung von Minen bereit.

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14 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Rethinking
03.03.2023 11:34registriert Oktober 2018
Was Tiere nicht alles für uns tun…
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Schnouz
03.03.2023 11:50registriert September 2022
Hunde leisten immer "selbstlosen Einsatz"!
Symbiose oder Skrupellosigkeit sind des Menschen Reaktion.
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Bäretätzli
03.03.2023 11:38registriert Oktober 2021
Einer von unzähligen Bereichen, wo Hunde eine unersetzbare Hilfe sind. Ich wünschte, der Gesellschaft wäre das mehr bewusst.
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