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Schlagstöcke in Barcelona – weshalb die Separatisten bereits jetzt schon gewonnen haben

Die spanische Polizei versuchte die Abstimmung über die Unabhängigkeit mit Gewalt zu stoppen. In Barcelona ging es vielerorts auch ohne Gewalt.

Pascal Ritter, Barcelona / nordwestschweiz



Es ist mucksmäuschenstill vor dem Schulhaus an diesem Sonntagmorgen um 6 Uhr. Es regnet in Strömen. Unter einem Dach von Regenschirmen stehen Hunderte Menschen dicht an dicht.

Manche haben die ganze Nacht und den vorherigen Tag in der Schule Reina Violant verbracht, die sich in Barcelonas Stadtviertel Gracia, einer Hochburg der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, befindet. Ein Gericht hatte das Referendum vom Sonntag über die Sezession von Spanien verboten. Die Polizei verlangte nach den Schlüsseln der Schulhäuser, damit sie nicht als Wahllokale dienen können.

Daraufhin entstand dort rege Betriebsamkeit. Yoga-Stunden, Tischtennisturniere, Chorproben oder Paella-Essen wurden als Ausrede dafür gebraucht, warum man die Schlüssel unmöglich abgeben könne. An der Primarschule Reina Violant übten sich Kinder am Samstag im Bau von Menschentürmen, ein typischer Akrobatiksport in Katalonien. Um 6.30 Uhr Getuschel in der Gasse. Gerüchte kursieren: Die Polizei sei auf dem Weg. Die Eltern bringen ihre Kinder nach Hause.

«Votarem, votarem!»

Eine Stimme sagt per Megafon, die Abstimmung finde statt. Es fehlen nur noch drei Freiwillige. Voraussetzungen sind ein Smartphone und ein Ladekabel. Am Freitag hatte die spanische Polizei das Kommunikationszentrum der Regionalregierung gestürmt, um die elektronische Auszählung der Stimmen zu verhindern.

Per Whatsapp kommt die Nachricht, die Polizei wolle auch die Leitungen der Schulen kappen. Vor ein paar Tagen noch konnte man sich auf einer Website für den Whatsapp-Informationsdienst anmelden, mittlerweile wurde sie von der spanischen Justiz gesperrt. Es kann sich nur noch anmelden, wer das Codewort «Democràcia» an eine deutsche Handynummer schickt. Die Nummer macht die Runde.

Um 6 Uhr in der Früh warteten Hunderte im strömenden Regen vor der Schule Reina de Violant, um an der Urne hoffentlich zum letzten Mal ihre Stimme für die Unabhängigkeit einzuwerfen. Video: © Janine Gloor

Als die Stimme aus dem Megafon verstummt, wird es laut in der Gasse. «Votarem, votarem!» Wir werden abstimmen. Und dann erklingt aus tausend Mündern die katalanische Nationalhymne. Und die hat es in sich. «Einen guten Hieb mit der Sichel» wünscht der Refrain den «Verteidigern des Vaterlandes». Pathos, Patriotismus, Blut und Boden. Für weniger waren die Katalanen gestern Sonntag nicht zu haben.

Ein Sieg für die Separatisten

Das Tor zur Schule geht auf. Alte und Versehrte zuerst, dröhnt es aus dem Megafon. Doch vorher noch die Journalisten. Die Katalanen wissen: Sie brauchen jetzt die internationale Aufmerksamkeit. Sie brauchen neue Partner, wenn sie sich von Spanien abwenden. Die Welt soll sehen, dass die Region reif ist, einen eigenen Staat zu gründen.

Noch tags zuvor prägte das eng gestreifte Rot und Gelb der katalanischen Flagge die Strassen. Am Abstimmungssonntag sind sie verschwunden. Als Bürger wollen sie zur Urne gehen und nicht als Aktivisten. Niemand soll am Abstimmungssonntag verschreckt werden. Denn auch jede Nein-Stimme ist jetzt eine Stimme für die Unabhängigkeit. Denn das Ja steht fest, wichtig ist nur noch die Stimmbeteiligung. Je höher sie ist, desto weniger kann Madrid, kann Brüssel das Referendum ignorieren.

Der Sonntag verlief aus Sicht der Separatisten nach einer perfekten Dramaturgie. Als Held inszenierte sich Carles Puigdemont, der Präsident der katalanischen Regionalregierung. Als die Polizei das Wahllokal seiner Gemeinde schloss, gab er seine Stimme in der Nachbargemeinde ab. Den Bösewicht gab der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy, der sich nicht entblödete, seine Guardia Civil auf Senioren einprügeln, Wahlurnen beschlagnahmen und das Internet zensieren zu lassen. Flankiert wurde er von einer Handvoll spanischer Loyalisten, die in Barcelona mit einem alten Banner der Franco-Diktatur marschierten.

Spanish riot police swings a club against would-be voters near a school assigned to be a polling station by the Catalan government in Barcelona, Spain, Sunday, Oct. 1, 2017. Spanish riot police have forcefully removed a few hundred would-be voters from several polling stations in Barcelona. (AP Photo/Manu Fernandez)

Die Polizei hielt sich gestern nicht zurück. Bild: AP/AP

Und so stand die katalanische Unabhängigkeitsbewegung als Siegerin fest, bevor die Stimmen ausgezählt waren. Wusste sie vorher knapp die Hälfte der Stimmberechtigten hinter sich, trieb ihr die Repression der Zentralregierung nun jene in die Arme, die einfach nur Demokratie gut finden. Als Bilder von prügelnden Polizisten und blutüberströmten Bürgern die sozialen Medien fluteten, war der Sieg perfekt. Denn sie liefern im Nachhinein die Begründung für das Referendum: Der Zentralstaat unterdrückt die Region wenn nötig mit Knüppeln und mit Gummigeschossen.

Der Moment von Edith Gracia

Doch bevor Präsident Puigdemont seinen Zeigefinger Richtung Madrid erheben und seine Hand in Richtung Europäische Union ausstrecken konnte, kam der Moment von Edith Gracia. Die 78-Jährige durfte in der Schule Reina Violant als erste Frau abstimmen. Genüsslich steckt Edith Gracia den Umschlag in den Schlitz der Plastikurne mit dem Streifenlogo der Regionalregierung. Sie lässt das Stimmkuvert los und schickt vor Freude mit beiden Händen Küsse in die Kameras. Als sie von der «Nordwestschweiz» angesprochen wird, zeigt sie auf ihre Identitätskarte, die sie wegen der Registrierung zur Stimmabgabe noch in der Hand hält.

Bild

Über der spanischen Flagge steht der Name Edita statt Edith. Die Schergen der Franco-Diktatur duldeten nur spanische Namen. Die katalanische Sprache und Kultur wurde unterdrückt. Viele Katalanen wollen durch einen Bruch mit Madrid auch endlich die Zeit zwischen 1939 und 1975 hinter sich lassen. «Es war immer mein Traum, über die Unabhängigkeit abzustimmen», sagt Gracia. Als sie aus dem Schulhaus tritt, bilden die Wartenden eine Gasse. Applaus. (aargauerzeitung.ch)

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Video: srf

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