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Was gerade in Aleppo passiert, ist «schlimmer als Auschwitz» – warum wir uns schämen werden



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Wie aus einem Computerspiel, doch es ist tödliche Realität: Kampfszene in Aleppo. screenshot

Henryk M. Broder ist ein äusserst streitbarer Mann. Wird etwa eine Hühnerfarm mit einem KZ verglichen, ist demjenigen eine Breitseite des jüdischen Journalisten gewiss. Und dieser Deutsche hat sich nun zur Lage in Aleppo geäussert. Er schreibt in der Welt:

«Für mich ist Aleppo schlimmer als Auschwitz.»

ARCHIV: Der Journalist und Autor Henryk M. Broder posiert bei einem Photocall zur Fernsehreihe

Journalist Henryk M. Broder. Bild: AP dapd

Auschwitz sei Vergangenheit, gut dokumentiert und könne sich nicht wiederholen, erklärt Broder. Aleppo sei aber nun mal Gegenwart: «Das Morden und Sterben wird live übertragen. Keiner wird sagen können, das Schlachtfest habe unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden», hält er uns den Spiegel vor.

«Aleppo geschieht vor unseren Augen – schämt euch!»

Alles bloss markige Worte? Mitnichten! Die Lage in der einstigen Wirtschaftsmetropole sei «katastrophal», warnt die UNO: In der Stadt gibt es seit vier Tagen kein Wasser mehr. Strom gibt es nur selten – und das bei Temperaturen von bis zu 40 Grad. In den von «Rebellen» kontrollierten Stadtgebieten sind 275'000 Menschen eingeschlossen, im Grossraum Aleppos sind zwei Millionen von den schweren Gefechten betroffen.

UNO fordert 48-stündige Feuerpause für Aleppo

Die Vereinten Nationen haben erneut eine 48-stündige Feuerpause in der Stadt Aleppo für humanitäre Hilfeleistungen gefordert. Mitarbeiter der Hilfsorganisationen könnten aufgrund der schlechten Sicherheitsbedingungen nicht zur Stadt vordringen, wie UNO-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien sagt. «Sie sind mutig, aber sie wollen keinen Selbstmord begehen – wir müssen ihre Sicherheit gewährleisten», so O'Brien am Dienstag bei einem Treffen des UNO-Sicherheitrats in New York. (gin/sda/dpa)

Die Assad-Truppen hatten Mitte Juli die Rebellenviertel komplett eingeschlossen, doch gelang es radikalislamischen Aufständischen kürzlich, den Belagerungsring wieder zu durchbrechen. Nun drohen die von der Regierung gehaltenen Bezirke im Westen von der Aussenwelt abgeschnitten zu werden. Zumindest gelang es der Regierung jüngst, über eine Strasse im Norden einen Konvoi mit Hilfsgütern in die Stadt zu bringen.

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Propaganda-Video der syrischen Regierung. YouTube/South Front

Zeichen setzen: Arzt geht mit Frau und Baby zurück

Und die humanitäre Lage wird immer prekärer – nicht zuletzt, weil immer wieder Spitäler bombardiert werden. Ein besonderer Lichtblick für die Eingeschlossene war deshalb die Ankunft syrischer Ärzte aus Grossbritannien: Einer von ihnen, Hamza al-Khatib, nahm seine Frau mitsamt Baby auf die gefährliche Reise zurück in die umkämpfte Stadt. Ein Film des britischen Senders «Channel 4» gibt einen Eindruck davon, was in Syrien gerade passiert.

Es ist, wie Broder gesagt hat: Wir sind bei dieser Belagerung mehr oder weniger live dabei. Etwa durch Drohnenvideos aus dem Krisengebiet, die wirken, als kämen sie aus einem Computerspiel, die aber tödliche Realität sind. Hier etwa sieht man den Beschuss eines Hauses durch Panzer der Aufständischen-Koalition.

Das Video zeigt noch eine weitere Geissel dieses Krieges: Es wurde von Fatah al-Scham gemacht, die früher unter dem Namen al-Nusra-Front firmierte. Es handelt sich also um Propaganda der Islamisten, die wie andere «Rebellen» gegen die Truppen Assads kämpfen. 

Rebel fighters gather in an artillery academy of Aleppo, Syria, August 6, 2016. REUTERS/Ammar Abdullah

«Rebellen» bei einer Lagebesprechung am 6. August in Aleppo. Bild: AMMAR ABDULLAH/REUTERS

Der eine ist des anderen Terrorist ...

Auf der Gegenseite wird die syrische Armee am Boden von unter iranischem Kommando stehenden irakischen und afghanischen Kämpfern und Milizionären der schiitischen Hisbollah unterstützt. Hinzu kommt massive Luftunterstützung von Russland

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Ein russisches Video zeigt einen aktuellen Bombenangriff auf Aleppo. YouTube/loner loneranger

Und wer sind nun die Guten? Die Islamisten ja wohl nicht. Vielleicht die Russen? Denen wird gerade vorgeworfen, sie setzten international geächtete Brandbomben ein, wie der Telegraph berichtet. Der Hisbollah wird seit jeher Terrorismus vorgeworfen. So wie die Türkei den Kurden Terrorismus vorwirft.

... oder anders: Der Teufelskreis

Die USA unterstützen «Rebellen», die anscheinend Kinder köpfen, während die Briten eigene Truppen nach Syrien geschickt haben, die ebenfalls die «Rebellen» unterstützen, aber auch gegen den «IS» und Fatah al-Scham vorgehen sollen, die auch gegen Assad und Co. kämpfen. Und wenn Russland wieder bombardiert, macht die Fatah al-Scham ein Drohnenvideo, das dann von der britischen «Daily Mail» verbreitet wird.

Die Fatah al-Scham alias Ex-Nusra-Front bezieht ihre Gelder laut «Independent» aus Saudi-Arabien, dem guten Verbündeten der USA. Womit wir wieder am Anfang wären.

Syria Democratic Forces (SDF) fighters walk with people that fled their homes due to clashes between Islamic State fighters and Syria Democratic Forces (SDF) towards safer parts of Manbij, in Aleppo Governorate, Syria, August 7, 2016. REUTERS/Rodi Said

Kämpfer der kurdisch-dominierten «Demokratische Kräfte Syriens» (SDF, gegründet 2015) begleiten Flüchtlinge .  Bild: RODI SAID/REUTERS

Das ist das Problem dieses Konflikts: Er ist extrem unübersichtlich und vielschichtig. Wer die Guten sind, ist nicht ohne Weiteres festzumachen. Wer die Verlierer sind, ist dagegen sonnenklar: die Zivilisten. Kinder, Frauen, Männer, Alte.

A girl stands near Syria Democratic Forces (SDF) fighters on a damaged street in Manbij, in Aleppo Governorate, Syria, August 7, 2016. REUTERS/Rodi Said

Kind in Manbij im Gouvernement Aleppo am 7. August. Bild: RODI SAID/REUTERS

Die USA setzen Hunderte Millionen Dollar ein, um die «Rebellen» zu unterstützen. Grossbritannien hat mittlerweile Bodentruppen in dem Land. Wir sehen alle zu, wie das einst kulturell reiche Syrien dem Erdboden gleichgemacht wird und Menschen sterben. Womit wir wieder bei Henryk M. Broder wären.

Was wäre denn seine Lösung für diese Tragödie? Der Autor bleibt sich treu, konsequent, streitbar:

«Niemand soll sich später darauf berufen, er habe nichts mitbekommen oder es sei unmöglich gewesen, das Geschehen mit militärischen Mitteln zu stoppen, so als wäre die NATO ein Traditionsverein, der Trachtenkapellen zu Volksfesten entsendet.»

Henryk M. Broder in der Welt.

Ein Eingreifen der NATO wäre immer noch ein Krieg gewesen, der Tod und Zerstörung bedeutet hätte. Vielleicht wäre von dem alten Syrien zumindest ein Stückchen übrig geblieben. Doch in Libyen, wo es ähnliche Konstellationen gegeben hat und wo NATO-Staaten bombardierten, herrscht mittlerweile bekanntlich auch nicht gerade Frieden.

So oder so, unbestritten bleibt Broder bei: Das Morden geht weiter. Und wir sehen zu. Er hat sicherlich Recht: Wir werden uns schämen müssen.

Kinder in Kriegsregionen

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