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Der alte Mann im zerstörten Aleppo: Die schöne Geschichte hinter diesem traurigen Bild



Ein alter Mann in Socken und Sandalen sitzt in seinem ausgebombten Schlafzimmer in Aleppo, raucht Pfeife und hört Musik aus einem Grammophon. Das Bild, das ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP kürzlich schoss, wird tausendfach geteilt und bewegt die Menschen auf der ganzen Welt. «Ein Roman in einem Bild», kommentiert jemand auf Twitter

Ein Beitrag geteilt von AFP Photo (@afpphoto) am

«Roman» ist in der Tat eine treffende Formulierung. Das ist die Geschichte hinter dem Bild:

Der abgebildete Mann heisst Mohammed Mohiedin Anis, ist 70 Jahre alt und wohnt im ehemals von Rebellen kontrollierten Ostteil Aleppos, der im Dezember von den Regierungstruppen zurückerobert wurde und nun in Schutt und Asche liegt. «Er war ein reicher Mann», sagt AFP-Fotograf Joseph Eid, der das berühmte Bild geschossen hat. «Er spricht fünf Sprachen, studierte Medizin, arbeitete in Italien und besass eine Kosmetikfirma

Beleg für seinen Reichtum ist Anis' Oldtimer-Sammlung, darunter amerikanische Klassiker wie Buick, Cadillac, Chevrolet, Hudson und Mercury. Von seinen ursprünglich 30 Autos wurden in den Kämpfen viele zerstört oder gestohlen. Einmal wollten Rebellen ein Luftabwehr-Geschütz auf seinen 1958er-Chevrolet montieren. Nachbarn gelang es, sie davon abzuhalten. «Ich liebe Autos, sie sind wie Frauen – schön und stark», sagt Anis mit einem Lächeln.

Bild

Mohammed Mohiedin Anis und seine kriegsversehrten Oldtimer (09.03.2017).  screenshot via youtube/afp news agency

AFP hatte Anis im Januar 2016 besucht, als in Aleppo noch heftige Kämpfe wüteten, und berichtete über den Mann und seine Oldtimer. Vergangene Woche schickte die Nachrichtenagentur ein neues Team in die Stadt, um herauszufinden, wie es ihm seither ergangen war. Nach einigem Herumfragen standen sie schliesslich vor seinem Haus: «Seine Autos waren zerstört und sein Haus teilweise eingestürzt», sagt AFP-Fotograf Joseph Eid gegenüber der «Washington Post». Mit wenig Hoffnung klopften sie an die Tür. Zu ihrem Erstaunen machte Anis auf.

Der alte Mann bat die Journalisten herein und zeigte ihnen seine Wohnung. «Wir sahen all die Antiquitäten, die Sammlungen und seine Besitztümer», erinnert sich Eid. Und Anis sagte: «Nichts wird mich davon abhalten, all dies wieder aufzubauen und wieder zu leben. Ich wurde hier geboren und hier werde ich sterben.» In diesem Moment habe er realisiert, dass es nicht mehr um Autos, sondern den Lebenswillen eines alten Mannes gehe, sagt Eid.

Sie fragten ihn, wo er schlief, und Anis zeigte es ihnen. Sein Schlafzimmer glich einem Trümmerfeld, die Fenster zerborsten und die Mauern am Bröckeln. Der alte Mann setzte sich auf sein Bett, daneben stand ein altes Grammophon. «Funktioniert es noch?», fragte der Videomann scheu. «Ja, natürlich, ich zeige es euch. Moment! Ich kann nicht Musik hören, ohne mir eine Pfeife anzuzünden», erwiderte Anis. So tat er es, drehte an der Kurbel und Musik erfüllte den Raum. Eid beobachte die friedvolle Szene, eingerahmt von den Zerstörungen des Krieges. Dann drückte er ab.

Bild

AFP-Fotograf Joseph Eid. bild via twitter

Der in Beirut wohnhafte Fotograf konnte das Foto in den Tagen danach nicht vergessen. Dass es so viele Leute berührt, überrascht ihn nicht, auch wenn er es nicht erwartete. «Ich glaube, die Leute haben genug Gewalt und genug Krieg gesehen. Das Bild sagt etwas aus über das menschliche Dasein.» Joseph Eid sieht aber auch Hoffnung: «Okay, wir hatten Zerstörung. Jetzt ist Zeit für Musik.»

Bericht über Mohammed Mohiedin Anis

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Video muss direkt auf Youtube angesehen werden. Video: YouTube/AFP news agency

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7
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    Alle Leser-Kommentare
  • Watcher 16.03.2017 22:37
    Highlight Highlight Der Krieg der USA ums Erdöl...
  • Denverclan 15.03.2017 16:10
    Highlight Highlight Am Ende ist alles relativ, wir kommen nackt auf die Welt und wir gehen ohne Etwas von derselben. Dazwischen ist es Glücksache wo und wie und wann wir leben. Vor dem Leben und nach dem Leben.....ist es Nacht oder Tag, ist es Liebe oder Hass, ist es bunt oder fade....? Wir müssen nicht über das Leben klagen sondern so leben, dass es für unser Umfeld und uns stimmt, das kann ansteckend wirken und würde der gesamten Menschheit helfen, wenn sich jeder daran halten würde. Anstand, Respekt und Mitgefühl.....fast paradiesisch! Im Spiegel sieht man die Wahrheit und die Arbeit die es zu bewältigen gilt.
    • Menel 15.03.2017 17:52
      Highlight Highlight Wahre Worte! Danke!
  • Wenn Åre = Are dann Zürich = Zorich 15.03.2017 15:49
    Highlight Highlight Es gibt im Krieg keine Gewinner, nur Verlierer
    • Raphius 15.03.2017 15:57
      Highlight Highlight Doch, Rüstungsfirmen sind Gewinner.
    • Romeo Anderes 15.03.2017 18:02
      Highlight Highlight BRAVO .Damit ist alles gesagt.leider.
    • Saraina 15.03.2017 21:20
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