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Wie Belgien zur Drehscheibe für Terroristen wurde

Vor 20 Jahren wurde bei einer Razzia in Belgien das erste Dschihad-Dokument in Europa entdeckt. Bis heute hat Belgien sein Terroristen-Problem nicht in den Griff gekriegt. Wie kann das sein?



Es ist erst wenige Tage her, seit Europas meistgesuchter Terrorist, Salah Abdeslam, im Brüsseler Stadtteil Molenbeek gefasst wurde. Ein Erfolg, gewiss. Aber er liess viele Fragen offen. Und er provozierte auch Kritik. Die belgische Zeitung De Standaard etwa bezeichnete es als «beunruhigend», dass Abdeslam so lange unentdeckt bleiben konnte. «Es wäre weniger peinlich für die Fahnder gewesen, wenn Abdeslam in Syrien aufgetaucht wäre», kommentierte das Blatt.

In this Friday, March 18, 2016 photo made available Monday March 21, an unidentified man believed to be connected to key suspect in the November 2015 Paris attacks Salah Abdeslam, is detained by police during a raid in the Molenbeek neighborhood of Brussels, Belgium. Abdeslam was arrested Friday March 18, in Molenbeek after a four-month manhunt, and investigators are known to be still hunting for other suspects on their wanted list.(AP Photo/Zouheir Ambar)

Salah Abdeslam, Europas meistgesuchter Verbrecher, wird im Stadtteil Molenbeek verhaftet.
Bild: Zouheir Ambar/AP/KEYSTONE

Noch deutlicher wurde der französische Abgeordnete und ehemalige Anti-Terror-Richter Alain Marsaud. Dass Abdeslam sich so lange versteckt halten konnte, sei «kein grosser Erfolg für die belgischen Geheimdienste», so Marsaud. «Entweder war Salah Abdeslam sehr schlau, oder die belgischen Dienste sind Nullen – was wahrscheinlicher ist.»

Man kann sich nur denken, was jetzt auf die belgischen Ermittlungsbehörden niederprasseln wird. Nur wenige Tage nach Abdeslams Verhaftung treffen die Terroristen Belgien ins Herz. Zwei Selbstmordattentäter sprengen sich im Brüsseler Flughafen in die Luft. Eine weitere Explosion ereignet sich in einer U-Bahn-Station. Wie kann das passieren? 

500 Kämpfer aus Belgien in Syrien

Das Land hat seit längerem ein Problem mit islamischen Extremisten. Und das dürfte nicht nur daran liegen, dass die Radikalen die zentrale Lage des Landes so schätzen.

Die Zahl der Menschen, die als Dschihadisten nach Syrien gezogen sind, ist in Belgien im Verhältnis zur Bevölkerungsgrösse so hoch wie wohl in sonst keinem europäischen Land: Nach Schätzungen von Sicherheitsbehörden stammen rund 500 Kämpfer in dem Krisengebiet aus Belgien, das etwa elf Millionen Einwohner zählt. Und einige kehren zurück, weiter radikalisiert durch den Krieg.

Islamistische Rekrutierer erreichen nach einhelliger Meinung von Experten vor allem junge Männer, die keine Ausbildung haben, keinen Job und die für sich keine Perspektive sehen. Viele Muslime beklagen, sie würden in Belgien ungleich behandelt, etwa wenn sie sich für einen Job bewerben.

Molenbeek gilt als Islamisten-Hochburg

Das ist nicht erst seit gestern so, doch Belgien gelingt offensichtlich noch immer viel zu selten, muslimische Migranten und deren in Belgien geborene Kinder zu integrieren.

Die Probleme zeigen sich geradezu beispielhaft in jenem Stadtteil Brüssels, in dem sich der meistgesuchte Terrorist Europas offenbar wochenlang verstecken konnte: In Molenbeek leben rund 95'000 Menschen, mehr als ein Viertel der Einwohner hat keinen belgischen Pass. Die Arbeitslosenquote beträgt rund 30 Prozent. Schon im Jahr 2006 hatten Ermittler eine Razzia im Islamischen Zentrum von Molenbeek durchgeführt, auch damals ging es um Anti-Terror-Ermittlungen.

Für viele Radikale ist der Bezirk nur eine Zwischenstation. Sie würden die Anonymität von Orten nutzen, die fast ausschliesslich von Muslimen bewohnt sind.

Bilder: Terroranschlägen in Brüssel

Auch der Terrorist Mehdi Nemmouche, der 2014 bei einem Anschlag auf das jüdische Museum vier Menschen tötete, hielt sich in Molenbeek auf.

Das erste Dschihad-Dokument in Europa

Hinweise, dass Belgien ein Problem mit Terroristen hat, gibt es allerdings schon viel länger. Vor 20 Jahren wurde bei einer Razzia gegen die radikal-islamische Groupe Islamique Armé (GIA) unter anderem ein arabisches Dokument gefunden: Es gilt als das erste Dschihad-Manual, das in Europa gefunden wurde.

Die Wichtigkeit Belgiens für Terroristen zeigte sich am 9. September 2001 erneut. Zwei Tage vor den Anschlägen von 9/11 wurde Kommander Ahmded Shah Massoud – The Last Man Standing gegen die Taliban – von zwei Terroristen getötet. Die Terroristen reisten mit belgischen Pässen nach Afghanistan.

Bis heute hat Belgien seine Probleme mit den Terroristen nicht in den Griff bekommen. Der ehemalige Anti-Terror-Richter Alain Marsaud sagte erst vor wenigen Tagen mit Blick auf die Verhaftung von Abdeslam in Molenbeek, die Belgier hätten sich naiv verhalten und zugelassen, dass sich «ein terroristisches Vipernnest» in ihrem Land entwickelt habe – «obwohl sie die Gefahr kannten». (meg/spon)

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    Alle Leser-Kommentare
  • URSS 23.03.2016 08:15
    Highlight Highlight Ja wie kann das sein?
    Anscheinend verstehen die Europäer immer noch nicht, das unter ihren Augen ein brandgefährliches Gemisch am entstehen ist das weitgehendst toleriert wird .
    Dabei haben diese Gruppierungen nichts anderes im Sinn als das die schwarze Flagge überall in Europa hängt, und das demokratische Justizsystem durch die Willkür der Scharia ersetzt werden soll.Wie das funktioniert hätte, zeigte die Algerische FronteIslamiqueSaudite FIS Fast hätte es funktioniert.
    Natürlich ist Europa nicht islamisch. Keiner der 500 Millionen Europäer will eine islamische Lebensweise noch die Scharia .
  • PHG 22.03.2016 17:49
    Highlight Highlight Entscheidend scheint mir zu sein, dass Belgien im Innern sehr zerstritten ist und die Belgier selbst auf Identitätssuche sind. Das fördert die Bildung von Parallelgesellschaften und behindert die Integration. Auch Flamen und Wallonen Leben aneinander vorbei. Alleine in Brüssel gibt es 6 Polizeidepartemente (vor kurzem noch 16), die teils mehreren Bezirken unterstellt sind. Den nationalen Institutionen wird misstraut und sie sind entsprechend wenig handlungsfähig. Ich denke das alles ist auch mit ein Grund, warum Belgien das Problem nicht in den Griff kriegt.
  • nick_the_greek 22.03.2016 15:16
    Highlight Highlight Leider geht der Artikel überhaupt nicht auf das ein, was im Titel angesprochen wird, nämlich wieso ausgerechnet Belgien zur Drehscheibe für Terroristen in Europa wurde. Wäre sehr interessant das etwas genauer zu untersuchen.
  • dracului 22.03.2016 12:52
    Highlight Highlight Man bedenke auch, dass sich Flamen und Wallonen seit Jahren nicht auf einen gemeinsamen Regierungskurs einigen können. Wenn die Regierung mit sich selber beschäftigt ist, kann viel Unkraut wachsen ...
    • Yayoer Yoe 22.03.2016 13:08
      Highlight Highlight hätte man nicht besser sagen können.
  • tomtom1 22.03.2016 12:46
    Highlight Highlight Und da ist es wieder: "doch Belgien gelingt offensichtlich noch immer viel zu selten, muslimische Migranten und deren in Belgien geborene Kinder zu integrieren."

    "Wir" sind also schuld, weil "wir" uns zu wenig angestrengt haben diese Leute zu integrieren.

    • aye 22.03.2016 13:48
      Highlight Highlight Erfolgreiche Integration setzt unter anderem die Verhinderung von Parallelgesellschaften voraus. Dazu gehört, keine Enklaven zuzulassen, sondern die Menschen über die Städte verteilt anzusiedeln (z.B. über Verfügbarkeit günstiger Wohnungen in allen Quartieren). Ausserdem ist ein sicherer Arbeitsplatz wichtig, da dieser soziale Sicherheit und Selbstverwirklichung ermöglicht.

      Beides ist in Molenbeek mit 25% Ausländern und 30% Arbeitslosen offensichtlich schief gelaufen. Natürlich ist es wichtig, dass sich Ausländer integrieren wollen, aber einige Voraussetzungen müssen auch gegeben sein.
    • aye 22.03.2016 14:02
      Highlight Highlight Integration ist nunmal kompliziert. Damit sie funktioniert müssen Migranten ihre Sprache und Kultur teilweise aufgeben und die ihrer neuen Heimat übernehmen, der Staat und die Gesellschafft müssen für Chancengleichheit, gute Durchmischung mit der Bevölkerung und Offenheit gegenüber Andersartigem sorgen. Beides hört sich einfacher an als es in Wirklichkeit ist.

      Bei so hohen Anforderungen die Diskussion auf ein einfaches "wir machen alles richtig, die anderen sind schuld" zu reduzieren bringt uns nicht weiter - egal von welcher Seite das geschieht.
    • Failai 22.03.2016 14:42
      Highlight Highlight @aye Als Immigrant seine eigene Kultur aufzugeben wie du sagst,das nennt sich Assimilation und ist nicht das gleiche wie Integration ;) Bei Integration geht es darum das neue Land, die Gesetze und Bräuche usw zu respektieren&die Sprache zu beherrschen damit man Teil der Gesellschaft werden kann. Aber sicher nicht geht es darum die eigene Kultur aufzugeben. Ausserdem braucht es für eine erfolgreiche Integration nicht nur Immigranten die bereit sind dies zu tun sondern auch eine willkommende Gesellschaft,welche ihnen Möglichkeiten bietet. Integration ist ein Zusammenspiel.
    Weitere Antworten anzeigen
  • John Smith 22.03.2016 12:13
    Highlight Highlight Die mit dem Wort Integration umgegangen wird erinnert mich an Kommunismus. Ihre Anhänger behaupten stets, dass sie noch nie richtig angewendet wurde. Würde man bloss einmal 'richtige' Integration betreiben oder 'richtigen' Kommunismus einführen, könne man die Vorzüge geniessen.
    • saukaibli 22.03.2016 12:30
      Highlight Highlight Mit dem Unterschied, dass Integration im Gegensatz zum Kommunismus auch wirklich funktionieren kann. Kommunismus kann nur in einer Diktatur "funktionieren", was man ja in allen ehemals kommunistischen Ländern gesehen hat. Leider wollen rechte Politiker anstatt Integration lieber Diktaturen und Unterdrückung und da momentan die europäische Politik einen Rechtsrutsch erlebt, wird diese Generation noch lange unter fehlender Integration von Imigranten leiden.
    • DerTaran 22.03.2016 14:21
      Highlight Highlight Ich finde eigentlich, das gerade in der Schweiz die Integration bisher gut geklappt hat. Eine Gettobildung muss verhindert werden, das ist schon die halbe Miete.

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