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Englands erster grosser MeToo-Skandal: Es geht um einen der reichsten Männer des Landes

Gunda Windmüller / watson.de



Seit die #MeToo-Bewegung ins Rollen kam, wurde schon einigen prominenten Männern sexuelle Belästigung vorgeworfen. In Grossbritannien blieb ein grosser Skandal aus. Doch das hat sich nun geändert.

Was ist passiert?

Los ging es mit drei Buchstaben: NDA.

Die Abfolge steht für «Non-Disclosure Agreement», eine  Stillschweigevereinbarung.

Vergangene Woche hatte der britische Telegraph von Vorwürfen gegen einen «führenden Geschäftsmann» berichtet. Die Vorwürfe sollen so eklatant sein, dass sie die #MeToo-Bewegung neuerlich «anzünden» könnten, wie die Zeitung schrieb.

«Ein bekannter Geschäftsmann hat diese Zeitung daran gehindert, über Vorwürfe gegen ihn zu berichten.»

Doch die Stillschweigevereinbarung hinderte die Zeitung daran, den Namen des Beschuldigten bekannt zu machen.

Ein Gericht hatte die Vorwürfe zwar als «einigermassen glaubhaft» bezeichnet und in Bezug auf das öffentliche Interesse erklärt, der Name dürfe bekannt gemacht werden – doch eine Berufungsinstanz hatte diese Entscheidung wieder kassiert.

Fünf Menschen sollen im Rahmen von NDAs für ihr Schweigen bezahlt worden sein. Die Presse durfte also nicht berichten. Der Name kam dennoch heraus.

Wie das?

Weil ein Labour-Politiker ihn öffentlich gemacht hat.

Anders als Journalisten durfte der das sogar ganz legal, denn in den Kammern des britischen Parlaments gilt das sogenannte «Parliamentary Privilege». Mitglieder des Unter- sowie des Oberhauses geniessen Immunität; selbst dann, wenn sie Dinge äussern, die ausserhalb des Parlaments als beispielsweise Verleumdung geahndet werden könnten.

Lord Hain, der Politiker, der den Namen öffentlich machte

Aufgrund dieses Privilegs hatte sich der ehemalige Labour-Minister Lord Hain in der vergangenen Woche dazu entschlossen, den Namen des «bekannten Geschäftsmannes» zu enthüllen:

«Ich bin von einer Person, die eng mit dem Fall vertraut ist, kontaktiert worden ... und ich empfinde es als meine Pflicht, Philip Green als die Person zu identifizieren.»

Lord Hain im House of Lords

Wie lautet der Vorwurf?

Sir Philip Green werden von mehreren Mitarbeitern sexuelle Belästigung, Mobbing und rassistische Beleidigungen vorgeworfen. Ob es sich hierbei um Frauen und/oder Männer handelt, ist nicht öffentlich bekannt. Nach einem Bericht des Guardian soll Green siebenstellige Summen für Schweigevereinbarungen gezahlt haben. 

FILE - In this file photo dated Wednesday, June 5, 2013, Philip Green speaks during an interview at his new Topshop store in Hong Kong.  British politician Peter Hain has used British Parliament's free-speech guarantee to name the prominent businessman Philip Green, who according to Hain, is facing employee allegations of sexual harassment and racial abuse and previously secured a court order barring the media from revealing his identity. (AP Photo/Kin Cheung, FILE)

Bild: AP/AP

Green selbst weist alle Vorwürfe zurück. In einem Interview mit der Mail on Sunday erklärte er lediglich, er habe mit Mitarbeiterinnen allenfalls harmlose «Neckereien» ausgetauscht. 

Paola Diana, eine #MeToo-Aktivistin, bezeichnete diese Erklärung als «zweite Belästigung»:

«Wenn es wirklich nur Neckereien gewesen wären, hätte er niemals mehrere hunderttausend Pfund an die angeblichen Opfer gezahlt. Dann hätte er gesagt: ‹Lass uns vor Gericht gehen.›»

Paola Diana

Wer ist Sir Philip Green?

Philip Green ist einer der bekanntesten Geschäftsmänner in Grossbritannien. 

British businessman Sir Philip Green and British model Kate Moss attend the  Topshop Unique collection during London Fashion Week Autumn/Winter 2014, at the Tate Modern in central London, Sunday, Feb. 16, 2014. (Photo by Jonathan Short/Invision/AP)

Bild: Jonathan Short/Invision/AP/Invision

Aber auch durch seinen privaten Lebensstil weiss Green sich zu inszenieren. Green lebt mit seiner Familie in Monaco (seine Tochter Chloe gehört zum internationalen Jetset), besitzt eine 100 Millionen Pfund teure Jacht und einen Privatjet und zu seinem 50. Geburtstag wurde mit 200 Gästen auf Zypern gefeiert: Rod Stewart gab ein Konzert, serviert wurden 1000 Flaschen Wein, 400 Flaschen Champagner und 40 Kilogramm Kaviar. Green selbst empfing seine Gäste verkleidet als der römische Kaiser Nero. 

Green gilt als umstrittener Geschäftsmann. Schon vor zwei Jahren forderten einige Politiker, ihm den «Sir»-Titel, der ihm 2006 verliehen worden war, wieder abzuerkennen.

Auslöser war ein Skandal um die Einzelhandelskette BHS. Green hatte den maroden Einzelhändler für die symbolische Summe von einem Pfund verkauft – an einen Käufer mit kaum Erfahrung in dem Geschäft. Schon im nächsten Jahr musste BHS Konkurs anmelden, Tausende verloren ihre Jobs, 570 Millionen Pfund fehlten der Pensionskasse des Unternehmens. Nach monatelangen Beschuldigungen schliesslich steuerte Green zumindest 363 Millionen Pfund an die bankrotte Pensionskasse bei.

Greens Luxusjacht wurde damals von einem Comedian in «BHS Zerstörer» umbenannt:

Green hat seit Jahren einen Ruf als Tyrann. Oliver Shah, Journalist und Leiter der Wirtschaftsredaktion der Sunday Times, hatte in seiner Biografie über Green von den Vorwürfen berichtet. Dort bezeichnen ehemalige Mitarbeiter Green als «vulgären Tyrann», der regelmässig junge Angestellte «zum Weinen» gebracht haben soll. Auch der Journalist selbst beschreibt, wie er von Green telefonisch wüst beschimpft worden sein soll.

Und was ist jetzt in Grossbritannien los?

Eine ganze Menge. Am Tag nach der Enthüllung von Green als dem «#MeToo-Skandal-Geschäftsmann» machten alle grossen Tageszeitungen mit der Geschichte auf.

Die «Sun» druckte sogar ein Bild von Green mit Harvey Weinstein und titelte: «#MeTwo».

In den sozialen Medien wird zu einem Boykott von Greens Topshop aufgerufen: 

Ausserdem fordern viele jetzt, dass sich prominente Frauen wie Kate Moss, Naomi Campbell und Gwyneth Paltrow, die mit ihm zusammengearbeitet haben, positionieren. 

Im Zuge des Skandals hat die britische Premierministerin Theresa May bereits eine Initiative auf den Weg gebracht, die NDAs im Zusammenhang mit sexueller Belästigung ungültig machen soll.

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Video: watson/gunda windmüller, lia haubner

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • River 30.10.2018 18:18
    Highlight Highlight Es ist mir eh schleierhaft, wie solche Abkommen legal sein können. Zahlungen an die Medien scheinen normal zu sein?
  • Hillbilly 30.10.2018 12:32
    Highlight Highlight Ich bon verwirrt. Gehört jetzt Chloe zum internationalen oder zum britischen Jetset? ;)
  • Grave 30.10.2018 12:15
    Highlight Highlight Bei #metoo gehts doch immer nur um die reichen wo man noch ein bisschen was abzwacken kann, arme schlucker werden nie erwähnt...
    • sealeane 30.10.2018 12:34
      Highlight Highlight Der arme schlucker kann sich auch nicht frei kaufen.. Oder teure anwälte leisten die das opfer unter druck setzen..
      Klsr gibt es auch belästigung auf jedem Niveau. Aber gerade das Verhalten von öffentlichen Personen hat signal wirkung.. Ergo ist es wichtig das diese auch nicht davon kommen. Dann hat auch der "arme schlucker" nicht dad gefühl damit durch zu kommen..
      Ich persönlich finde solche arrangements solten verboten werden.. Den sie sorgen für eine zweiklassen geselschafft.
    • Charlie B. 30.10.2018 12:39
      Highlight Highlight Weil arme schlucker kein so hohes Schweigegeld bezahlen können nehme ich an.

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