Wirtschaft
International

Musk entlässt die Hälfte aller Twitter-Mitarbeitenden

Musk entlässt die Hälfte aller Twitter-Mitarbeitenden – das könnte ein Nachspiel haben

Es war schon länger angekündigt, nun ist es Realität: Tausende Twitter-Mitarbeitende werden ihren Job verlieren. Der Entscheid sorgt bei der Belegschaft für Bestürzung – und bei Musk vielleicht bald zum nächsten Gerichtsprozess.
04.11.2022, 13:1104.11.2022, 17:37

Die trockene Vorankündigung

Lange brodelte die Gerüchteküche rund um die erwarteten Entlassungen bei Twitter. Am 20. Oktober berichtete die Washington Post, dass Tesla-Gründer Elon Musk 75 Prozent aller Arbeitskräfte bei Twitter entlassen wolle. Eine Woche später aber soll der neue Twitter-Besitzer gemäss Bloomberg zu Angestellten gesagt haben, dass dies nicht der Plan sei.

Trotz aller Beschwichtigungen seitens Musk, Fakt ist: Die Entlassungen haben begonnen. Auch wenn die genaue Zahl der Betroffenen noch immer nicht bekannt ist, dürften insgesamt 3'500 Mitarbeitende ihren Job verlieren.

Am Donnerstag erhielten alle Mitarbeitenden die Unheil verkündende Nachricht, die schlicht an «Team» adressiert war.

Darin heisst es, dass die weltweite Belegschaft reduziert werden müsse, um Twitter auf einen gesunden Pfad zu bringen, was ein schwieriger Prozess sei. Und weiter:

«Wir sind uns bewusst, dass dies viele Personen betreffen wird, welche wertvolle Beiträge bei Twitter geleistet haben. Diese Massnahme ist leider notwendig, um den Erfolg des Unternehmens auch in Zukunft sicherzustellen.»

Alle Mitarbeitenden würden per E-Mail über den Entscheid informiert werden. Eine unpersönliche Geste, welche Twitter mit der örtlich verteilten Belegschaft und schneller Kommunikation begründet. Um 9 Uhr PST (17 Uhr Schweizer Zeit) sollen alle Mitarbeitenden eine E-Mail erhalten.

Diejenigen, die bleiben dürften, erhielten die Nachricht über ihre Twitter-E-Mail-Adresse, der Rest über die persönliche E-Mail-Adresse.

Um die Sicherheit der Mitarbeitenden, des Twitter-Systems und der Nutzerdaten zu schützen, würden alle Büros vorläufig geschlossen werden. Darum der Aufruf an die Arbeitskräfte:

«Wenn Sie gerade in einem Büro oder unterwegs ins Büro sind, gehen Sie bitte nach Hause.»

In der Nachricht wird kurz die schwierige Herausforderung für alle Mitarbeitenden angesprochen, bevor im nächsten Satz daran erinnert wird, keine vertraulichen Firmeninformationen zu verbreiten – weder in den sozialen Medien noch mit der Presse.

Die Nachricht endet mit dem Satz:

«Wir sind dankbar für Ihren Beitrag bei Twitter und für Ihre Geduld, während wir diesen Prozess durchlaufen.»

Am Schluss endet die Nachricht ebenso trocken, wie sie begonnen hat:

Thank you. Twitter
Bild: twitter

Die vorzeitigen Entlassungen

Die Bestürzung bei den Mitarbeitenden ist gross. Schon kurz nach der Vorankündigung am Donnerstagabend gab es erste Anzeichen für Entlassungen. Dies, noch bevor die Mitarbeitenden überhaupt ihre offiziellen Kündigungsschreiben per E-Mail erhalten hatten.

So konnten sie sich plötzlich nicht mehr mit ihrer Twitter-E-Mail-Adresse einloggen und wurden von Slack (einem Chat-Dienst für Unternehmen) ausgesperrt:

«Hat es schon begonnen? Schöner Entlassungs-Abend!»

Auch dieser User erfuhr auf unschöne Weise von seiner bevorstehenden Entlassung. Es sehe nicht vielversprechend aus, twitterte er um 3 Uhr nachts. Er könnte sich nicht mehr in seine E-Mails einloggen.

Die Entlassungen würden von Osten nach Westen verlaufen, sagte gemäss Business Insider eine Person bei Twitter. Das heisst, Twitter-Mitarbeitende in London erfuhren als Erste von ihrem Schicksal. Dann folgten diejenigen in New York und zuletzt diejenigen im grössten Twitter-Knotenpunkt, Kalifornien.

Das rechtliche Nachspiel

Die Twitter-Übernahme durch Elon Musk ging letzte Woche plötzlich und überraschend über die Bühne. Doch für die betroffenen Mitarbeitenden kommen die Entlassungen nicht nur plötzlich und überraschend, sondern auch einschneidend. Auch wenn schon seit längerem Entlassungen befürchtet worden waren, erfuhren die Betroffenen erst in letzter Minute von der schlechten Neuigkeit.

Das ist gemäss kalifornischem Arbeitsrecht gar nicht erlaubt. Wie Arbeitsrechts-Anwältin Lisa Bloom auf Twitter schreibt, hätte Twitter seine Arbeitskräfte 60 Tage vor der Massenentlassung benachrichtigen müssen. Dies sei nicht geschehen.

Der Zweck des sogenannten WARN-Gesetzes sei es, den Entlassenen Zeit zu geben, um ihre nächsten Schritte zu planen.

Was blüht Elon Musk nun mit diesem Gesetzesbruch? Bloom gibt Aufschluss darüber:

«Arbeitgeber wie Twitter, die gegen das WARN-Gesetz verstossen, müssen mit zivilrechtlichen Strafen in Höhe von 500 Dollar/Tag pro Verstoss rechnen. Bei Tausenden von Mitarbeitern könnte dies von Bedeutung sein, wenn auch vielleicht nicht für Elon.»

Im Falle eines Gesetzesbruches erhielten die entlassenen Mitarbeitenden eine Entschädigung in Form einer Lohnnachzahlung. Twitter müsste zudem auch für die medizinischen Kosten der Arbeitnehmenden haften, die durch einen Sozialplan abgedeckt gewesen wären.

Lisa Blooms Tweets kommen einem echten Test für Elon Musks angekündigte «Free Speech» gleich. Bloom schwante nach der Veröffentlichung ihrer Tweets nichts Gutes:

«Wir werden sehen, wie lange Twitter meine Beiträge oben lässt. Wenn sie heute Abend vor den Entlassungen gelöscht werden, bedeutet es, dass sie das erwähnte Gesetz kannten und dass sie lieber mich bestrafen, als das Gesetz zu befolgen.»

Noch sind ihre Beiträge zu sehen. Ebenso wie diejenigen hunderter entlassener Mitarbeitender ...

Die emotionalen Reaktionen

So verabschiedet sich zum Beispiel ein Mitarbeiter, der zuvor für die Tweets des offiziellen Twitter-Accounts zuständig war. Er könne diesen Tweet nicht mehr tweeten (zumindest nicht offiziell), sagt er zu seinem letzten Beitrag, aber hier sei der letzte Tweet seines Teams:

«Tschüss an buchstäblich alle.»

Unter dem Hashtag #OneTeam bedanken sich die Mitarbeitenden gegenseitig für die gute Zeit, die sie gemeinsam bei Twitter hatten. So auch dieser User:

«Während meiner Zeit bei Twitter habe ich bei einem Feuer alles verloren. Niemand drängte mich zurück zur Arbeit. Mitarbeitende versammelten ihre Teams, um ein GoFundMe für mich und meine Katze zu starten. Mein Manager gab mir einen diskreten Bonus und entschuldigte sich dafür, dass es nicht mehr war. Ich werde nichts davon vergessen. #OneTeam.»

Er sei nicht mehr länger ein «Tweep», schreibt ein anderer User und benutzt dabei eine gängige Selbstbezeichnung für Twitter-Mitarbeitende. Er habe jeden einzelnen Moment geliebt und mit einer herausragenden Gruppe von talentierten Menschen zusammengearbeitet und von ihnen gelernt.

Die Reaktion der «Tweeps» sei derart überwältigend gewesen, dass Slack ausser Gefecht gesetzt worden sei, schreibt diese Userin:

«Die Tatsache, dass die Tweeps nach Ankündigung der Entlassungen als Erstes so viele Herz-Emojis auf Slack schickten, dass es kaputtging, sagt alles, was niemand sonst über diesen Ort weiss.»

Elon Musks Reaktion

Welche Reaktion? Der Twitter-Besitzer hat sich bisher nicht offiziell zur Thematik geäussert. Auf seiner Plattform war er trotzdem aktiv, wo er ganz andere Probleme zu haben scheint:

«Wieso ist Smalltalk überhaupt legal!?»
«Tiny Talk ist ein Gespräch, das so klein ist, dass es sich so anfühlt, als käme es aus dem eigenen Kopf.»

Eine offizielle Stellungnahme steht noch aus.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Warum Trump jetzt Staatspropaganda macht
Der hohe Dieselpreis lässt die Republikaner um ihr Überleben kämpfen.
Dass Donald Trump weder Skrupel noch Scham kennt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Trotzdem schafft es der US-Präsident immer wieder, erneut zu schockieren. Jüngstes Beispiel ist ein Wahl-TV-Spot, der am Wochenende auf Fox News, während der Satire-Sendung «Saturday Night Live» und während verschiedener Football-Spiele ausgestrahlt wurde.
Zur Story