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FRANKFURT AM MAIN, GERMANY - APRIL 26:  Gina-Lisa Lohfink poses during the christening ceremony for Partyboat on April 26, 2013 in Frankfurt am Main, Germany.  (Photo by Simon Hofmann/Getty Images)

Vergewaltigungsopfer Gina-Lisa Lohfink.
Bild: Getty Images Europe

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Der Fall Gina-Lisa: Nein, auch diese Brüste sind kein Freipass für eine Vergewaltigung!

Der Fall Gina-Lisa zeigt: Eine Frau gilt immer noch als Freiwild, nur weil sie grosse Brüste hat. Gleichzeitig sollten Frauen endlich damit aufhören, allen gefallen zu wollen. Ein Gastkommentar von unserer Bloggerin Kafi Freitag.



Ich habe vor zwei Tagen einen Facebook-Post verfasst: Darin habe ich mich erstaunt gezeigt, dass sich kein Schwein wirklich über die Vergewaltigung von Gina-Lisa Lohfink empört. Gleichzeitig hatte in den USA der Vater eines jungen Mannes, der eine Studentin vergewaltigte, den Richter gebeten, er möge in seinem Urteil doch milde sein, es seien schliesslich nur 20 Minuten «of action» gewesen, und diese sollten seinem Sohn nicht das ganze Leben zerstören.

Auf den Post habe ich viele Reaktionen erhalten. Ein Facebook-«Freund» kommentierte den Umstand, dass die amerikanische Studentin zum Zeitpunkt der Tat betrunken war, mit den Worten:

«Vergewaltigung stimmt wohl, allerdings einer bis zu Bewusstlosigkeit betrunkenen Frau ... ist das nicht wenigstens Beihilfe zu dieser Tat?»

Ein anderer findet:

«Dass ein Vater die Verbrechen seines Sohnes beschönigt, ist das ein Aufreger? Eltern sollten das Recht haben, ihren Kindern beizustehen, wenn sie Straftaten begangen haben.»

Dass ebendieser Freund als Kind von Schoah-Überlebenden geboren wurde und sich heute stark mit den Verbrechen der Nazis auseinandersetzt, mag in dieser Diskussion vielleicht keine Rolle spielen. Bemerkenswert ist es für mich dennoch.

Wir sind uns vermutlich alle einig darüber, dass ein Kleidungsstück kein Freipass für einen Übergriff darstellt.

Seit Jahren wird dafür gekämpft, dass Frauen, die vergewaltigt wurden, nicht durch ihre Garderobenwahl oder ihr Make-up vom Opfer zur Täterin gemacht werden. Unzählige Artikel haben sich in den letzten Monaten dem Thema «kein roter Pullover ist schuld daran, wenn jemand vergewaltigt wird» gewidmet.

Nur solange die Brüste echt sind? Echt jetzt?

Wir sind uns vermutlich alle einig darüber, dass ein Kleidungsstück kein Freipass für einen Übergriff darstellt. Dass sich jetzt aber niemand wirklich um das Schicksal von Gina-Lisa kümmert, zeigt mehr als deutlich auf, dass der rote Pullover keine Aufforderung darstellt – darstellen darf –, solange er sich über natürlich gewachsene Brüste spannt.

Sobald sich unter dem Gewebe aber ein aufgeblasener Silikonbusen wölbt, der ganz offensichtlich dazu dient, Aufmerksamkeit zu wecken, sieht die Sache etwas anders aus: Dann echauffieren sich selbst weltoffene Feministinnen und erklären in umständlichen Formulierungen, dass sie sich nicht mit Gina-Lisa als Mensch solidarisieren könnten, weil diese Frau ihre Werte der Natürlichkeit und des kostbaren Umgangs mit der Sexualität ja nicht vertrete. Mit Gina-Lisa als Vergewaltigungsopfer würden sie sich allerdings schon identifizieren, da ja keine Frau Freiwild für solch einen Übergriff sein dürfe.

Diese Doppelmoral leistet einen Bärendienst an der Selbstbestimmung von uns Frauen und allen feministischen Errungenschaften. Kein noch so gross aufgepumpter Busen und keine noch so prall aufgespritzten Lippen sind eine Rechtfertigung für eine Vergewaltigung. Keine Frau hat es jemals verdient, schlecht behandelt zu werden, unabhängig davon, ob sie an der Migroskasse im unsäglichen orangen Kitteli arbeitet oder als Pornostar den Arbeitsalltag nackt und liegend bestreitet.

Kein Mensch hat das Recht, sich des Körpers eines anderen Menschen zu bedienen, als sei dieser eine Ware. Selbst dann nicht, wenn dieser Mensch die Phantasien der Männerwelt in dieser Richtung bedient.

Kein noch so gross aufgepumpter Busen und keine noch so prall aufgespritzten Lippen sind eine Rechtfertigung für eine Vergewaltigung.

Dennoch gehört genau das immer noch zum Leben einer Frau – und es wird von der Gesellschaft stillschweigend akzeptiert, ja sogar weitergetragen: Praktisch jede erlebt mindestens einmal in ihrem Leben einen sexuellen Übergriff. In meinem Freundeskreis gibt es keine einzige Frau, die nicht Opfer eines mehr oder weniger schweren sexuellen Übergriffs wurde. Ich selber erlebte den ersten in sehr jungen Jahren.

Warum hat niemand mit mir darüber geredet?

Es war ein Jugendlicher, der mich unter einem Vorwand mit in den Wald nahm. Ich kannte ihn, er war ein ganzes Stück älter als ich und ich himmelte ihn heimlich an, ich vertraute ihm. Im Wald angekommen, verlangte er von mir, dass ich mich ausziehe und ihn anfasse. Ich hatte keine Ahnung, was da vor sich ging, aber ich wusste, dass es nicht ok war. Trotz seiner Drohung, mir was anzutun, wenn ich davon erzähle, rannte ich nach Hause und sagte es meiner Mutter. Sie informierte die Eltern des Jungen.

Die Tatsache, dass es mir passiert ist, finde ich weniger schlimm: Ich hatte mich zur Wehr gesetzt, mir ist nichts passiert, ich habe dieses Erlebnis gut überwunden. Bemerkenswert finde ich vielmehr, dass danach nie mehr über den Vorfall gesprochen wurde. Niemand hat mir je gesagt, dass ich keine Verantwortung und keine Schuld dafür trage und dass ich richtig gehandelt habe. Es wurde einfach totgeschwiegen. 

Die Art und Weise, wie darüber NICHT geredet wurde, hinterliess bei mir viel grössere Narben, als es der versuchte Übergriff jemals tat.

Warum wollen wir immer noch allen gefallen?

Und damit zurück zum Fall Gina-Lisa: Die Art und Weise, wie über Gina-Lisa als Frau und nicht über die Tat geredet wird, ist symptomatisch für den Umgang unserer Gesellschaft mit solchem Missbrauch.

Dabei müssten wir bereits bei unseren Kindern ansetzen. Wir müssen mit unseren Töchtern reden und ihnen vermitteln, dass sie immer und überall Nein sagen dürfen und dabei niemandem gefallen müssen. (Es fängt übrigens damit an, dass wir unsere Kinder zu einem «Danke» nötigen, wenn sie etwas in die Hand gedrückt bekommen – egal, ob sie es wollten oder nicht.)

Niemand hat mir je gesagt, dass ich keine Verantwortung und keine Schuld dafür trage und dass ich richtig gehandelt habe. Es wurde einfach totgeschwiegen.

Wir müssen mit unserem Verhalten ein Vorbild sein und uns immer wieder überlegen, welches Bild wir – insbesondere als Frauen – vermitteln. Denn noch immer sind viele Frauen darauf bedacht, den Männern zu gefallen. Noch immer machen sich Frauen kleiner, sobald ein Mann den Raum betritt. Solange wir immer von allen gemocht und geliebt werden wollen, sind wir nicht imstande, unsere Grenzen zu verteidigen.

Wir Mütter müssen unsere eigenen Glaubenssätze knallhart reflektieren und wo nötig revidieren. Die Väter müssen aber auch damit aufhören, ihren kleinen süssen Töchtern wie Lolitas aus der Hand zu fressen. Solange wir unsere Mädchen in hübsche Kleidchen stecken und ihnen die Haare zu süssen Zöpfen flechten, damit sie der Welt gefallen und Komplimente einheimsen, machen wir sie zu einer Ware, deren Wert von Aussen bestimmt wird.

Frauen, hinterfragt euer Verhalten endlich!

Gleichzeitig müssen wir unsere Söhne in die Pflicht nehmen und ihnen vorleben, wie man diese Grenzen respektiert. Wenn man einen Vergewaltiger zum Sohn hat und diesen vor dem Richter in Schutz nimmt, hat man vermutlich lange vorher gravierende erzieherische Fehler begangen.

Das Denken, das immer noch in vielen männlichen Köpfen steckt, wird schnell sichtbar, wenn man als Frau in einem Lokal an einer Horde angetrunkener Männer vorbei zur Toilette gehen muss. Viel schlimmer aber sind die subtilen Nötigungen, denen man als Frau im Berufsalltag begegnet. Die Anzüglichkeiten, die ich während meiner KV-Lehre und später während meiner Tätigkeit im Private Banking der UBS von Nadelstreifen-Trägern erlebte, gehen auf keine Kuhhaut.

Diese von Männern gegenseitig geduldete und sogar kultivierte Abschätzigkeit gegenüber Frauen ist weit verbreitet und wird selbst von vielen Frauen nicht hinterfragt. Wir müssen jetzt dagegen ankämpfen. Heute und hier.

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