Leben
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Jessica Halsem-Bantoft Witwe

Bild: unsplash/facebook montage

«Wie kann man denn mit 29 Jahren zweimal Witwe sein?» Das geht. Leider

Julia Dombrowsky / watson.de



«Waaas? Dabei bist du noch so jung?!»

So reagiert eigentlich jeder, der Jessica Halsem-Bantoft nach ihrem Liebesleben fragt. Denn die Britin ist schon zum zweiten Mal Witwe – und dabei noch nicht einmal 30 Jahre alt. «Die Leute reagieren immer geschockt und sagen dann, ich sähe zu jung aus, um Witwe zu sein», erzählt sie watson.de. Doch der Tod kommt eben manchmal unerwartet früh und schlägt durchaus auch zweimal zu. 

Bei Jessica war es zuerst der Vater ihrer drei Kinder, der 2014 tödlich verunglückte. Danach verliebte sie sich in einen Mann, der 2018 an Krebs starb. Diesmal konnte sie zumindest bei ihm sein, als er ging. «Es war trotzdem nicht leichter. Beide Abschiede waren fürchterlich», sagt sie.

Ihren ersten Mann Jason kannte Jessica schon seit ihrer Kindheit. Aus Freundschaft wurde Liebe und 2010 war sie zum ersten Mal von ihm schwanger.

Das Paar aus Lancashire heiratet 2013. Jason arbeitet als Elektriker, Jessica kümmert sich um die – inzwischen zwei – Söhne Toby und George (heute acht und fünf). Ein drittes Kind ist im Anmarsch, als es am 28. August abends um neun Uhr an der Tür klingelt. Zwei Polizisten teilen Jessica mit, dass Jason einen tödlichen Stromschlag auf der Arbeit erlitten hat. Mit gerade einmal 24 Jahren kommt er ums Leben

Jason und Jessica bei der Taufe

«‹Kann nicht sein›, das war mein erster Gedanke», erinnert sich Jessica an diesen Moment. «Ich war schwanger, wie konnte das passieren?! Und wie sollte ich das unseren Söhnen erklären? Ich war komplett ratlos.»

Schwanger, zwei Kleinkinder und dann auch noch plötzlich Witwe – Jessica ist 25 Jahre alt und überfordert. Sie trauert, muss sich aber auch um die Söhne kümmern. Noch dazu vermisst sie ihren Mann. «Besonders schlimm war es während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett mit Barnaby. Es fühlte sich so ungerecht an, dass Jason seinen jüngsten Sohn nicht treffen durfte. Er war ein fantastischer Vater und er wäre so toll mit ihm gewesen», sagt sie. 

Der Tod wird umgangen

Sie sucht sich ein Netzwerk an Witwen, um über ihre Trauer zu sprechen. Denn wie sie feststellt, kann nicht jeder mit ihrer Geschichte umgehen: «Die Leute reagieren ziemlich seltsam auf mich! Da niemand weiss, was man sagen soll, tendieren die Menschen dazu, das Thema Tod lieber total zu umgehen.»

Nicht so Tom. Der Mann, dem sie zwei Jahre später begegnet, als er ihren Garten aufmotzen soll. Er ist der erste Mann, der Jessica wieder zum Lachen bringt und er ist der erste, dessen Einladung zu einem Date sie annimmt. 

«Es war toll, wie ,normal' ich mich mit ihm gefühlt habe. Er hat mir gezeigt, dass ich nicht an der Witwenschaft zerbrochen war.»

Jessica zu watson.de

Dass er jahrelang an mehreren Lymphomen litt, erzählt Tom ihr gleich bei der ersten Verabredung im Pub. Krebs also. «Ich hatte Panik. Wie doll es wehtat, Jason zu verlieren, wusste ich ja schon und ich hatte das Gefühl, ich könne diesen Schmerz nicht noch einmal durchmachen», sagt sie. Jessica ist besorgt, lässt sich aber darauf ein. «Damals gab es ja gute Heilchancen.» Es hiess, dass der Krebs zurückkäme, sei absolut unwahrscheinlich: bei maximal fünf Prozent.

Tom und Jessica

Das Paar geniesst seine Liebe. Tom kommt super mit den Jungs seines Vorgängers klar, ohne dabei übergriffig zu sein. «Er war brillant mit ihnen», sagt Jessica. Doch dann sind die Tumore doch wieder da. Und diesmal sind sie tödlich.  

Jessica hat das Verzweifeln schon lange aufgegeben. So gut sie kann, steht sie Tom bei, heiratet ihn am Klinikbett in einem Latzhosenkleidchen. Innerhalb weniger Tage verschlechtert sich der Zustand ihrer zweiten grossen Liebe dramatisch, am 8. Januar 2018 stirbt Tom. Seine Hand in ihrer. «Er hat sogar noch während der Krebsbehandlung gescherzt, konnte jedem Lebensmoment Komik abgewinnen», sagt Jessica. «Am meisten vermisse ich tatsächlich Toms Witze.»

Zwei grosse Lieben gefunden. Zwei grosse Lieben verloren. Ist das nun Pech oder Glück? Letzteres, findet Jessica. Sie hatte zu viele Momente voller Liebe, als dass sie sich selbst bemitleiden könnte.

«Klar, es endete in Liebeskummer, aber selbst mit meinem Wissen von heute, würde ich keine Sekunde eintauschen.»

Jessica

Für Tom nimmt sie sich alle Trauerzeit, die sie braucht, setzt sich selbst kein Limit, «weil ich schon beim ersten Mal gelernt hatte, dass das Unsinn ist». Ihre Familie hilft der nun wieder Alleinerziehenden im Alltag sehr. Ihr Vater spielt das Taxi für ihre Jungs und nimmt ihr das Trio auch eine Nacht die Woche ab, damit Jessica mal ausschlafen kann. Zwei Männer wurden ihr zwar genommen, doch drei Jungs wurden ihr geschenkt. Auch so könnte man es sehen.

Gut gelaunte Jungsbande: Toby (8), Barnaby (3) und George (5)

Im Gegensatz zu vielen Erwachsenen haben die Brüder keine Berühungsangst mit dem Tod. «Die wollten alles wissen», sagt Jessica. «Meine zuerst ausweichenden Antworten machten sie nur neugieriger. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass ich ihnen echte Antworten geben sollte. Dabei ging es zum Beispiel um die Frage, was mit dem Körper passiert, wenn er stirbt oder wie ein Krematorium funktioniert. Ich habe ihnen die Fakten gegeben – kindsgerecht natürlich.» 

Alleinerziehende 3-fach-Mama

Die kleine Familie rappelt sich langsam wieder auf. Jessica wünscht sich eigentlich nur noch, dass ihr Leben mal etwas ruhiger wird, ihre Jungs sorglos aufwachsen und sich nicht alleine fühlen. 

«Ich wünsche mir, dass sie begreifen, wie unheimlich doll sie geliebt werden, und dass die zwei Männer, die sie verloren haben, ihnen für immer irgendwie erhalten bleiben.»

Jessica zu watson.de

Sie selbst hat eine Methode gefunden, sich dieses Gefühl zu bewahren: Das Hochzeitsarmband von Tom und der Ehering von Jason hängen heute nebeneinander über ihrem Bett.  

Mit Zeichen statt mit Worten kommunizieren

Video: srf

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16Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • gumsula 07.09.2018 16:47
    Highlight Highlight Das tut mir unendlich leid. Schon nur der Gedanke daran, dass man eine nahstehende Person verliert ist zwar der Lauf des Lebens aber dennoch unfassbar traurig. Dann noch der Ehemann in einem so jungen Alter, schwanger und schon mit zwei kleinen Kindern. Die ganze Geschichte nochmals durchleben würde mir wahrscheinlich die letzte Kraft kosten. Die Frau hat meinen Respekt für ihre Stärke. Schön verliert sie nicht die Freude - und dies gerade für die Kinder und sich selbst.
  • Grave 07.09.2018 12:02
    Highlight Highlight Okay worklich sehr traurig was ihr geschehen ist. Aber was soll das ? Warum muss man das veröffentlichen ?
    Ich meine es gibt noch millionen andere menschen auf dieser welt mit ähnlichen, wenn nicht sogar noch schlimmeren schicksalen und von denen liest man nichts.
    Und was mich noch viel mehr stört ist diese möchtegern anteilnahme von so vielen welche sie nicht im geringsten gekannt haben und spätestens in zwei tagen die ganze geschichte sowiso wieder vergessen haben.
    aber hauptsache noch ein paar "likes" einsacken...
    • LIARO 07.09.2018 21:36
      Highlight Highlight Ach, Du kennst Sie Persönlich?
      Dann kann ich dein Kommentar verstehen..
      Sonst nicht!
    • Seraohara 08.09.2018 09:44
      Highlight Highlight Anstatt dich zu hinterfragen was der bericht soll und den menschen die ihre anteilnahme zeigen zu verurteilen,solltest du einmal mehr durch diesen bericht dein leben wertschätzen und dankbar sein und hoffen dass dir selbst sowas nicht wiederfährt!!
      Eine tragische geschichte die aber trotz allem zeigt dass das leben weitergeht und ich zihe meinen hut wie die junge frau damit umgeht... und genau deswegen ist der bericht wichtig,er macht mut für all jene die trauriges erlebten!!
  • Dumdidum 07.09.2018 07:58
    Highlight Highlight Alle bisherigen Kommentare drücken bedauern und gute Bekundungen aus, könnten sich die Blitzer bitte zu Wort melden und erklären, was das Geblitze soll wenn jemand Anteil nimmt?

    Auch von meiner Seite und dies für jeden Menschen der sowas oder ähnliches durchmachen muss: von Herzen mein tiefempfundenes Beileid, viel Mut und Kraft.

    Mögen die Seeligen in Frieden Ruhen
  • DomKi 07.09.2018 00:16
    Highlight Highlight Diese Aussage finde ich faszinierend: "Im Gegensatz zu vielen Erwachsenen haben die Brüder keine Berühungsangst mit dem Tod". Jeder wird einmal sterben, aber in der heutigen Gesellschaft will niemand über den Tod reden geschweige denn darüber was danach kommt. Die Wissenschaft sucht das Leben zu verlängern oder ältere Menschen möchten jünger aussehen. Dabei ist der Tod oder so etwas Natürliches und wir sollten darüber frei reden können.
    • gumsula 07.09.2018 16:51
      Highlight Highlight Ich kann problemlos darüber sprechen jedoch: Es beginnt sich bei mir im Kopf bei solchen Gesprächen einfach eine Spirale zu drehen die sich vorstellt, wie schlimm es sein würde, wenn ich jemanden aus meinem nahen Umfeld verlieren würde. Gerade denke ich, dass es mir den Boden unter den Füssen wegziehen würde und ich vor allen gehen möchte, um so einen schlimmen Schmerz nie verarbeiten zu müssen. Deshalb sprech ich lieber weniger drüber und befass mich damit wenn es dann halt natürlicherweise mal leider passiert..Blitzt nur.
  • giandalf the grey 06.09.2018 23:18
    Highlight Highlight Es kann so verdammt schnell gehen. Ich hatte eine Lehrerin, die ihren Mann anfang dreissig, hochschwanger an einem 23. Dezember in einer Lawine verlor. Am 24. musste sie die Leiche identifizieren. Sie erzählte das unserer Klasse im Januar des ersten Jahres in dem sie uns Unterrichtete, weil sie sich dafür entschuldigen wollte, dass sie sich vor Weihnachten so komisch au geführt hat. Ganz abgesehen vom Mitleid, dass wir natürlich alle hatten, hat es sie unglaublich menschlich gemacht, dass sie uns das so offen erzählte. Ich hatte vor wenigen Lehrern so viel Respekt wie vor ihr.
  • BaBa17 06.09.2018 22:36
    Highlight Highlight Und genau solche Lebensgeschichten rücken das eigene Lebensbild in die richtige Bahn. Leider läuft nicht alles so wie man sich das gewünscht hätte. Ich wünsche Ihr und alle die ähnliches durchmachen müssen/ mussten ganz viel Kraft!9
  • Mimimimi^2 06.09.2018 21:43
    Highlight Highlight Wow, was für eine starke Frau! Ich wünsche ihr uns ihrer Familie viel Liebe, Kraft, Glück und Humor! Und dass sie ohbe Tragödien weiter leben dürfen <3
  • Olmabrotwurst vs. Schüblig 06.09.2018 21:06
    Highlight Highlight Puuuuuh.... Harte Lektüre
  • Weninumewüsst 06.09.2018 20:56
    Highlight Highlight Zwei Mal in härtester Weise mit dem Tod konfrontiert. Doch in dem letzten Foto und mit ihren Worten strahlt sie eine Lebenslust aus, welche einige in ihrem Leben nie erreichen werden. Ich hoffe das sie diese niemals verliert. Diese ist ein Geschenk für sie und all die Menschen die sie umgeben.
    Approve your history, it's a part of your eternity
  • Macrönli 06.09.2018 20:53
    Highlight Highlight Meine Güte...so so so ungerecht!Ales erdenklich Gute der Familir und ruhige Zeiten!
  • Snowy 06.09.2018 20:27
    Highlight Highlight Das Leben kann so verdammt ungerecht sein!
  • Zanzibar 06.09.2018 20:23
    Highlight Highlight Unglaubliche Tragödie. Mir kamen die Tränen beim lesen. So viel Leid muss man erstmal aushalten😢
  • nokom 06.09.2018 20:12
    Highlight Highlight Diese Frau ist unglaublich stark!

Warum klassische Musik der geilste Shit ever ist

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