Leben
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Patrick Reiser hat klare Vorstellungen vom Leben. Bild: instagram/patrick.reiser

Interview

Natural-Bodybuilder Patrick Reiser: «Ich will 130 Jahre alt werden»

Patrick Reiser wurde mit Instagram- und YouTube-Videos über Krafttraining im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt. Mit uns spricht er über Glück, Anfänger, die zu viel trainieren und seine Vorstellung von einem guten und gesunden Leben.



Wie oft trainierst du pro Woche?
Momentan 5 mal pro Woche für jeweils 2 Stunden. Das ist viel, aber ich möchte 2020 nochmals an einem Natural-Bodybuilding Wettkampf teilnehmen.

Deine Diagnose für die Gesellschaft lautet, dass viele Menschen heutzutage keine echte Richtung im Leben haben. Dein Lösungsansatz ist, dass wir alle Tag für Tag im Gym «pumpen», um alles aus uns herauszuholen. Ist das ernst gemeint?
Die Leute müssen zuerst etwas verstehen: Glück, Zufriedenheit und Erfolg können wir nur in uns selbst finden. Viele suchen draussen danach. Sie sollten den Blick aber besser nach innen wenden. Sport, wie Yoga oder auch Krafttraining, kann ein Werkzeug sein, sich mehr mit seinem Körper auseinanderzusetzen.

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Glück und Zufriedenheit kann nur in einem selbst entstehen, meint Patrick Reiser. Bild: instagram/patrick.reiser

Das widerspricht sich doch mit der Tatsache, dass gerade Krafttraining viele wegen des äusseren Erfolgs betreiben.
Klar. Ich wollte früher auch den Frauen gefallen. Aber irgendwann lernt man dazu und die Perspektive ändert sich. Ich sehe den Körper als eine Ansammlung von Nahrung. Diese Nahrung kommt aus der Erde und genau so haben wir unseren Körper nur von der Erde geliehen. Unser Körper hat nur eine Richtung und das ist jene in Richtung Grab. Unser Körper wird wieder zu Erde werden. Und genauso ist unser Geist eine Ansammlung von Sinneseindrücken. Solange wir existieren sammeln wir.

Das tönt ziemlich esoterisch ...
Moment, jetzt kommt der Punkt: Krafttraining erlaubt einen Zugriff auf diese Existenz. Man erfährt, dass man seinen Körper verändern kann. Und man lernt daraus, dass man auch seinen Geist verändern kann. Denn Körper und Geist stehen in Wechselwirkung miteinander. Diese Erkenntnis ist unglaublich wertvoll.

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Patrick Reiser trainiert für einen Wettkampf. Bild: instagram/patrick.reiser

In den sozialen Medien und auch in vielen deiner Beiträge entsteht oft der Eindruck, dass für einen Mann ein muskulöser Körper die Voraussetzung für ein erfülltes Leben ist. Ist das nicht schädlich?
Klar sieht man etwa auf Instagram viele trainierte Körper. Aber eines muss man sich dabei vergegenwärtigen: Sich mit anderen zu vergleichen ist das Tor zur Unzufriedenheit. Dennoch ist ein gesunder Körper natürlich vorteilhaft für ein erfülltes Leben. Insofern ist der Fitnesswahn von der Richtung her schon gut, zumal besser als Alkohol oder Rauchen. Wichtig ist einfach, dass man sich bewusst wird: Das Leben ist ein Marathon, kein Sprint. Jeder muss sein eigenes Tempo gehen! Jeder soll sein eigenes Körpergefühl entwickeln. Daraus ergeben sich noch weitere Vorteile.

Welche?
Oft führt der sportliche Ehrgeiz auch zu einer Auseinandersetzung mit der Ernährung. Viele Leute wissen zwar, dass sie bei ihrem Auto Bleifrei 95 tanken müssen, aber sie haben keine Ahnung was für Treibstoff sie ihrem Körper zuführen müssen. Das ist fatal! Das lernt man nicht in der Schule. Optimal und vor allem langfristig funktionieren wir nur mit einer guten Ernährung. Ich selber habe das Ziel 130 Jahre alt zu werden und in diesem Alter noch top fit im Gym zu trainieren. Und ich weiss, das ist absolut möglich.

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Patrick Reiser will dank guter Ernährung und Training 130 Jahre alt werden. Bild: instagram/patrick.reiser

Viele Anfänger sehen sich auf Instagram täglich Bilder von Bodybuildern wie dir an, können aber Botschaften wie «no pain, no gain» schlecht differenzieren. Amateursportler laufen deshalb Gefahr, zu oft und zu hart zu trainieren. Wo sollten Amateursportler die Grenze ziehen?
Ich selber empfehle Anfängern maximal 3 mal pro Woche zu trainieren. Und das mit einem Ganzkörpertraining. Bei der Intensität richte ich mich nach der RPE Skala. Anfänger und Amateursportler sollten eine Intensität von 8 auf der RPE Skala nie überschreiten. Ausserdem gilt immer Technik vor Gewicht! Zu viel Gewicht ist ein sinnloses Ego-Game und zerstört eher die Gesundheit als sie zu fördern.

RPE Skala

Die RPE Skala basiert auf dem subjektiven Belastungsempfinden. Kommt es zum Muskelversagen entspricht das dem höchsten Wert von 10. Wäre noch eine weitere Wiederholung möglich entspricht das dem Wert 9. Wären noch zwei weitere Wiederholungen möglich liegt man beim Wert 8.

Was sagst du zu jemandem, der 4-5 harte Trainigs pro Woche absolviert und in jedem Satz bis zum Muskelversagen geht. Sollte man das nicht den Leistungssportlern überlassen?
Ein so übermässiges Trainieren hat nichts mit Leistungssport zu tun. Jedes Mal bis zum Muskelversagen zu trainieren ist sehr schlecht. Man sollte sich bei der Intensität wirklich an der bereits erwähnten RPE Skala orientieren.

Warum ist das den meisten Anfängern und Amateuren nicht bewusst?
Anfänger denken, mehr ist gleich mehr. Das ist nicht so. Regeneration und Pausen sind in diesem Sport extrem wichtig, da erst in der Regeneration selbst der Muskel wächst.

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Er gebe immer sein Bestes, meint Patrick Reiser.  Bild: instagram/patrick.reiser

Du sagst 4-5 harte Trainigs pro Woche sind zu viel und Anfänger denken fälschlicherweise «mehr ist mehr», obwohl Pausen und Regeneration extrem wichtig sind. Dennoch trainierst du selber 5 mal pro Woche für 2 Stunden. Wie geht das zusammen?
Diese Empfehlungen gelten für Anfänger mit weniger als einem Jahr Trainingserfahrung sowie Amateursportler, nicht für Profis.

Wie kann sich ein Amateursportler davor schützen, ins Übertraining zu kommen?
Ein Amateur sollte zwingend Deloads oder Trainingspausen einlegen. Ein Deload-Training heisst, dass der Sportler für eine Woche die Intensität und das Volumen auf 50 Prozent reduziert. Wenn etwa fürs Bankdücken 4 Sets zu 8 Wiederholungen mit 100 kg vorgesehen sind, werden in der Deload-Woche nur 2 Sets zu 8 Wiederholungen mit nur 50 kg ausgeführt. Solche Deloads müssen systematisch in einen Trainingsplan eingebaut werden. Für Anfänger empfehle ich alle 8 Wochen eine Deload-Woche. 

Bleiben wir bei überrissenen Leistungsidealen. Du selbst sagst oft, man soll in jeder Sekunde des Lebens sein Maximum geben. Ist das nicht eine Illusion? Machst du nie Pausen?
Doch. Aber ich gebe immer 100 Prozent. Wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, gebe ich ihr meine ungeteilte Aufmerksamkeit und Energie. Das gleiche gilt, wenn ich arbeite oder mit dir hier spreche. Und wenn ich eine Pause mache, dann mache ich 100 Prozent Pause.

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Patrick Reiser gibt auch in Pausen sein Maximum. Bild: instagram/patrick.reiser

Viele Leute versuchen, immer alles zu geben, scheitern dabei aber auch regelmässig. Scheiterst du nie?
Klar. Scheitern gehört zum Leben. Wichtig ist, dass man sich bewusst wird, dass man scheitert. Merkt man, dass man wenig Energie hat, bringt es einen in die Position etwas zu ändern.

Und was machst du, wenn du wenig Energie hast?
Es gibt verschiedene Massnahmen. Dazu gehören sicher Wasser trinken, Schlafen und Meditieren. Es ist aber auch wichtig zu spüren, wann man eine Pause braucht und sich zurückziehen muss. Oder wann es Zeit ist, Ferien zu machen. Aber wenn einmal nichts mehr geht, gibt es einen Nummer-1-Tipp.

Der wäre?
80 Prozent der Menschen haben zu wenig Energie, weil sie nicht richtig atmen. Wir atmen pro Tag etwa 2 Millionen Liter Luft ein. Wenn wir nicht richtig atmen, fehlt uns der Sauerstoff im Hirn. Viele Leute atmen zu flach, etwa weil sie gestresst sind. Wer also kurzzeitig Energie braucht, der sollte sich mit geradem Rücken hinsetzen, die Augen schliessen und tief und bewusst in den Brustkorb atmen. Durch die Nase einatmen und durch den Mund ausatmen, 10 Minuten lang. Man wird schnell feststellen, wie sich der Atem normalisiert und die Energie zurückkehrt.

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Patrick Reiser beim Meditieren. Bild: instagram/patrick.reiser

Wovor hast du Angst?
Angst machen wir uns nur selber. Angst existiert nur in unserem Kopf. Wir machen uns Sorgen über ein künftiges Ereignis, das noch gar nicht eingetroffen ist. Für Angst bin ich also selber verantwortlich. Wenn ich einmal Angst empfinde, dann nutze ich diese als Motivation, indem ich mich auf die andere Seite der Angst, nämlich das Glück fokussiere. Wir alle kennen es aus der Schule. Vor einem Vortrag hat man Angst. Aber wenn wir durch die Angst hindurchgehen und der Vortrag vorüber ist, dann sind wir glücklich.

Du betonst oft die Wichtigkeit einer Morgenroutine. Wie sieht deine aus?
Ich stehe ohne Wecker auf, wegen dem Biorythmus. Dann dusche ich kalt, auch im Winter. Das gibt mir extrem viel Energie. Dann ist es sehr wichtig, die Flüssigkeit auszugleichen, die wir über die Nacht verloren haben. Deshalb trinke ich mindestens einen halben Liter Wasser. Das ist das wichtigste. Dann baue ich meistens noch 20 Minuten Meditation ein. Schliesslich schreibe ich noch von Hand alle meine wichtigsten Ziele nieder, jeden Tag. Durch dieses tägliche Visualisieren werden sie mir erst richtig bewusst und verschaffen mir täglich Antrieb. Und erst dann, eine Stunde nach dem Aufstehen schalte ich mein Handy ein, niemals vorher.

Warum schaltest du dein Handy erst später ein?
Es gib Leute, die greifen am Morgen als erstes zu ihrem Smartphone und konsumieren unbewusst News oder Social Media. Wenn man sich nun vorstellt, dass unser Geist ein Papierkorb ist, dann erlauben diese Leute jedem, seinen Abfall in diesen Papierkorb zu werfen. Ich will mich bewusst und wachen Geistes dafür entscheiden, Social Media zu nutzen.

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Patrick Reiser verbindet Bodybuilding- mit Yogaposen. Bild: instagram/patrick.reiser

Und wie sieht deine Abendroutine aus?
Ich gehe meine Termine vom nächsten Tag durch und visualisiere meine Ziele für jeden einzelnen Termin. Eine Stunde vor dem Einschlafen schalte ich dann mein Handy aus. Danach dimme ich alle Lichter um mich herum. Licht ist der grösste Schlafkiller überhaupt. Früher war es für uns Menschen nach dem Sonnenuntergang einfach dunkel und wir konnten auf natürliche Weise einschlafen. Heute haben wir überall Licht. 

Wann hast du das letzte mal Alkohol getrunken?
Schon länger her. Vielleicht vor einem halben Jahr mal ein Glas Wein. Ich bin ein «Fühler». Mein Körper signalisiert mir, was ihm gut tut und was nicht. Ich finde das wichtig. Aber viele spüren sich nicht oder hören nicht auf ihren Körper.

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Patrick Reiser ernährt sich aus Überzeugung rein pflanzlich. Bild: instagram/patrick.reiser

Du ernährst dich seit 3 Jahren vegan. Warum?
Ich habe früher viel Fleisch gegessen, auch weil ich den Mythos geglaubt habe, dass man für den Muskelaufbau Fleisch essen muss. Ich habe mich dann informiert. Unter dem Aspekt der eigenen Gesundheit, des Tierleids und der Klimaschädlichkeit der Massentierhaltung machte der Konsum tierischer Produkte für mich irgendwann keinen Sinn mehr.    

Und dann hast du von einem Tag auf den anderen umgestellt?
Ich dachte, ich mache mal einen Monat vegan und schaue was geht. Nach diesem Monat habe ich mich extrem gut gefühlt. Ich war fit, wach und energiegeladen. Für mich war sofort klar, dass ich das durchziehe und direkt vegan werde. Als ich nach 3 Monaten wieder einmal Fleisch probiert habe, musste ich feststellen, dass es mir überhaupt nicht gut tat. Mein Körper brauchte viel länger, um das Fleisch zu verarbeiten und es schmeckte mir auch nicht mehr wirklich. Nun ernähre ich mich seit 3 Jahren komplett pflanzlich und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

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