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Fritz Lang «The Woman in the Window» (1944)

Dieser Filmtitel von 1944 wurde jetzt zum Titel des gerade angesagtesten Thrillers. Bild: imdb

Das ist Dan, er ist bipolar und der beste Lügner der Literaturgeschichte

Die Geschichte hinter «The Woman in the Window» von A. J. Finn ist mindestens so spektakulär wie das Buch.



Dan Mallory ist bezaubernd. Entzückend. Umwerfend. Kurz: charming. Alle sagen das. Selbst seine Eltern und sein Bruder Jake. Dabei hat er seine Mutter mehrfach öffentlich an Krebs sterben lassen. Und seinen Bruder in den Suizid geschickt. Die Hunde seiner Eltern getötet. Vater und Mutter voneinander getrennt.

Allerdings nicht in der Realität. In der Realität gehts Bruder und Hunden prächtig, und die Eltern sind quicklebendig und seit Jahrzehnten zusammen. Und alle lieben Dan. Was einigermassen erstaunlich ist.

Dan Mallory aka A.J. Finn «The Woman in the Window»

Das ist Dan Mallory. Herzig. Er kann keinem Stofftier was zu Leide tun. Bild: via instagram/ajfinnbooks

Denn Dan Mallory ist krank. Leidet unter einer bipolaren Störung. Die allerdings erst 2015 erkannt wurde und seither behandelt wird. Mit Elektroschocks und Ketamin. Unter dem Einfluss der Störung wurde er zum «Con Man», zum charmanten, gerissenen Betrüger. Die Amerikaner lieben den Con Man, Leonardo DiCaprio spielt einen in «Catch Me If You Can». Mallory erfindet sich mehrere Uniabschlüsse und einen Doktortitel, wird Lektor bei grossen Buchverlagen in London und New York, wo er seinen Job offenbar so perfekt macht, dass er zuletzt 200'000 Dollar verdient.

Alle sind von ihm begeistert, die Autoren, die Verleger, er zieht Bestseller an Land und wirkt rundum wie eine höchst inspirierende Droge. Sein Lieblingsbuch: «The Talented Mr. Ripley» von Patricia Highsmith. Der smarte literarische Con Man schlechthin.

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Und das ist Mallorys Vorbild: Der hochtalentierte Mr. Ripley. bild: imdb

Dass sich im Büro einer Chefin plötzlich seltsame Becher mit Urin finden; dass Dan vorgibt, Bücher – etwa von J. K. Rowling oder Tina Fey – betreut zu haben, obwohl er damit nie in Berührung kam; dass seine Mutter mehr als einmal an Krebs stirbt; dass er selbst behauptet, einen Gehirntumor zu haben, der ihm noch spektakuläre zehn Jahre Zeit lässt; dass er wegen dieses Tumors in die Schweiz reist und Dignitas besucht; dass er ebenfalls wegen dieses Tumors plötzlich nicht mehr zur Arbeit kommt, weshalb sein Bruder Jake seine Korrespondenz macht und zufälligerweise den gleichen Stil hat wie Dan; dass sich dieser Jake kurz nach der wundersamen Genesung von Dan umbringt – all dies und noch viel mehr fällt keinem auf.

«Ich habe es auf beiden Seiten des Atlantik geschafft. Ich bin wie Adele»

Dan Mallory

Nichts davon stimmt. Der «New Yorker» hat alle befragt*, Eltern, Universitäten, Verlage, Autorinnen, Jake, die Dignitas. Dan war ein Fiction-Fabrikant im ganz grossen Stil. Der virtuose Organisator der Unwahrheit. Ein Leben als Literatur. Zu Schaden gekommen ist dabei niemand. Und jetzt unterhalten sich alle bestens. Denn Dan Mallory ist inzwischen selbst prominent, selbst Autor des Weltbestsellers: «The Woman in the Window». Es wird Anfang 2018 unter dem Pseudonym A. J. Finn veröffentlich (auf Deutsch erscheint es unter dem gleichen Titel). A. J. wie Dans Cousine Alice Jane. Finn wie seine französische Bulldogge.

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«Astounding. Thrilling. Amazing.» Was soll man da noch sagen, wenn es Gillian Flynn sagt? bild: amazon

Okay, ein bisschen klingt Finn auch wie «Flynn», also wie Gillian Flynn, die Bestbestseller-Autorin, die «Gone Girl» geschrieben und damit einen irren Girl-Trend in der Krimiliteratur (etwa «Girl on a Train») losgetreten hat. Und deren früherer Roman «Sharp Objects» von HBO mit Amy Adams in der Hauptrolle zur grandios pervers-beklemmenden Miniserie gemacht wurde. Und wer spielt wohl die Hauptrolle in der Verfilmung von «The Woman in the Window», die im Herbst in die Kinos kommt? Amy Adams.

Finns Thriller ist grossartig: Die Psychologin Anna hat sich nach einem schweren Autounfall in ihrem Haus verschanzt und widmet sich ganz dem Alkohol und den Nachbarn. Seit dem Unfall leidet sie unter Agoraphobie und kann sich nur noch in geschlossenen Räumen bewegen. Mann und Tochter sind ausgezogen, sie telefonieren täglich. Psychologische Beratung macht Anna jetzt online, vor allem aber beobachtet sie die Familie vis-à-vis. Und glaubt einen Mord zu sehen.

Amy Adams «The Woman in the Window»

Amy Adams beim Dreh von «The Woman in the Window». Bild: imdb

Die Ermordete heisst Jane Russell. Wie der Filmstar. Denn Anna ist süchtig nach alten Filmen. Weshalb der Titel des Buchs auch dem gleichnamigen Film von Fritz Lang aus dem Jahr 1944 entlehnt ist. Einem Pionierfilm des Film noir. Inhaltlich haben Finn und Lang allerdings nichts miteinander zu tun, es geht einzig um das atmosphärische Zitat. Aber macht nichts. Finns «Woman» ist stilistisch nicht wirklich hervorstechend, eher solide, aber irrsinnig clever gebaut und operiert mit unglaublich überraschenden und also befriedigenden Plot-Twists.

«Nichts gibt einem so viel Kraft wie für den eigenen Vorteil zu arbeiten.»

Dan Mallory

Gefragt, wieso er seinen Roman nicht rezeptgemäss «The Girl in the Window» getauft habe, antwortet Mallory, dass er die Masche, erwachsene Frauen als Girls zu bezeichnen, diskriminierend fände, und dass er auch nicht gern als Boy bezeichnet werden möchte. Auf Gillian Flynn angesprochen, sagt er, natürlich wäre sein Erfolg ohne sie nicht möglich, niemand habe sich vor «Gone Girl» richtig für psychologische Thriller mit Frauen in der Hauptrolle interessiert. Er kann das gut. Er sagt immer genau das, was sein Gegenüber am liebsten hört.

In der Werbebroschüre von «The Woman in the Window» steht, dass der Autor 15 Jahre unter schweren Depressionen gelitten habe und unter einer bipolaren Störung leide. So lässt sich trefflich für den Roman um eine psychisch angeschlagene, als Zeugin eines Verbrechens nicht wirklich verlässliche Heldin werben. Und nach der «New Yorker»-Recherche erklärt Mallory alle seine Verfehlungen damit. Befragte Ärzte zweifeln allerdings daran, dass sich eine bipolare Störung so derart praktisch und konsequent zum eigenen Karriere-Vorteil nutzen lasse, wie Mallory das getan haben will. Ob da nicht eine Prise zu viel Kalkül in der «Krankheit» ist.

Die US-amerikanische Schauspielerin Jane Russell, in ihrem Filmdebuet 'The Outlaw', mit deutschem Titel 'Geaechtet', von Regisseur Howard Hughes aus dem Jahr 1943. Die Filmdiva feiert am Mittwoch, 21. Juni 2006, ihren 85. Geburtstag. (KEYSTONE/AP Photo)

Die echte Jane Russell. Bild: AP RKO

Und auch nach der Diagnose bleiben noch Unklarheiten: Wieso etwa gibt es zwischen «The Woman in the Window» und dem Roman «Saving April» von Sarah A. Denzil, der bereits im März 2016 erschien, Dutzende von Überschneidungen? Und ziemlich viele mit dem Film «Copycat» (1995) von Jon Amiel? Wie weit ist dies ein Plagiatsfall? Mallory gibt sich rätselhaft: «Es heisst oft, dass gute Schriftsteller leihen, grosse aber stehlen», zitiert er T.S. Eliot.

«Er ist ein absolut perfekter Sohn. Er hat seine Fehler wie wir alle, aber er ist ein aussergewöhnlicher junger Mann.»

Dans Vater über Dan

Nur eine ist ihm im Lauf der Jahre auf die Schliche gekommen. Die Krimiautorin Sophie Hannah. Mallory betreut sie als Lektor, sie hecken den Plan aus, dass Hannah im Geiste von Agatha Christie deren Figur Hercule Poirot weiterschreiben soll. Beide sind voneinander begeistert, aber Hannah glaubt Dans Krebsgeschichte nicht und überlegt, einen Privatdetektiv auf ihren Lektor anzusetzen.

Fritz Lang «The Woman in the Window» (1944)

Weil's so schön ist, noch einmal. Wieso, lest ihr gleich im Text. Bild: imdb

Dem «New Yorker» gegenüber bestreitet sie, diesen Plan verwirklicht zu haben, es sei reiner Zufall, dass sie zur gleichen Zeit einen Detektiv auf etwas ganz anderes angesetzt habe. Wie auch immer: Im Poirot-Fall «Closed Casket» («Der offene Sarg») erfindet sie einen Con Man, der rückblickend zu hundert Prozent mit Mallory identisch ist. Er lektoriert den Text und hat grosse Freude daran. Hannah schreibt noch eine Con-Man-Erzählung, wieder ist ihr Protagonist leicht als Mallory zu enttarnen, sie tauft in Tom Rigbey – fast ein Tom Ripley.

Es ist nicht wirklich ein Krimi, den uns Mallory da mit seinem Leben liefert, aber eine grosse, ungemein unterhaltsame Kriminalkomödie. Eine multimediale Selbstausbeutung, wie man sie noch selten gesehen hat. Von unverfrorener Genialität. Und welcher Film stellt sich ganz unerwartet nach mehreren seltsam ungelenken Twists als Kriminalkomödie heraus? Kein anderer als Fritz Langs «The Woman in the Window».

*Spoiler Alert: Bitte lest den hervorragenden Text im «New Yorker» nur, wenn ihr den Roman schon kennt, sie verraten dort die ganze Handlung.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 24.02.2019 21:27
    Highlight Highlight Es könnte sein, dass Dan Mallory eine Erfindung ist von A. J. Finn, oder umgekehrt. Es gibt Schriftsteller und Dichter, die aus ihren Biographien und ihren Erlebnissen Literatur machen. Das heisst, ihre Autobiographien und ihre Ich-Erzählungen sind komplett erfunden. Aber genau darum sind sie umso wahrer. Beispiele: Jean Genet, Henry Miller, Charles Bukowski, Emma Amour, Karl May, Andy McNab.

    Aber danke für den Tipp, das Buch werde ich mir beschaffen. Ich bin Fan von dieser Art Literatur.
  • myso 24.02.2019 15:21
    Highlight Highlight Für Aussenstehende ist das immer interessant und spannend....
    Ich bin mit einem bipolaren Bruder aufgewachsen. Heute als Erwachsene habe ich so wenig Kontakt wie möglich. Keine medikamentöse Behandlung hat bis jetzt längere Zeit gewirkt.
    Ich habe einfach keine Lust und Kraft zuzuschauen, wie er sein Leben und die der Menschen in seinem Umfeld manipuliert und kaputtmacht. Auch wenn er wegen seiner Krankheit vielleicht nicht voll Schuldfähig ist.
    Vielleicht bin ich herzlos, aber ich kann echt nicht empfehlen so jemanden in sein Leben zu lassen, egal wie charmant und faszinierend er sein mag.
  • LeChef 24.02.2019 15:08
    Highlight Highlight Klingt für mich eher nach einer narzisstischen oder dissozialen Persönlichkeitsstörung, als nach einer bipolaren Störung.
  • salamandre 24.02.2019 14:53
    Highlight Highlight schöner Bericht.. danke
  • lilie 24.02.2019 14:35
    Highlight Highlight Das ist eine sehr spannende und faszinierende Geschichte.

    An der Diagnose zweifle ich allerdings sehr. Menschen mit bipolarer Depression sind häufiger und länger depressiv als manisch. Und die manische Phase ist umso kürzer, je heftiger sie ist.

    Leider ist das so eine "Mode-Diagnose", die gerne und oft vergeben wird, wenn sie eigentlich gar nicht zutrifft, weil sie als "kreativ" und weniger stigmatisierend gilt als einige andere Diagnosen.

    Korrekt ist es allerdings nicht und auch unfair den echten Betroffenen gegenüber.
    • Couleur 24.02.2019 15:04
      Highlight Highlight Nur weil Sie hier das typische Verlaufsbild der Bipolaren Erkrankung beschreiben, heisst dies nicht, dass er die Erkrankung nicht hat. Sie werden wohl selbst wissen, dass es da verschiedene Verlaufsformen und Subtypen gibt.

      Das er wohl schwer erkrankt ist, ob es sich nun um die bipolare oder eine andere psychische Erkrankung handelt ist für mich nicht entscheidend, ist kaum anzuzweifeln. Oder würden Sie freiwillig und ohne Grund Elektroschock- und Ketamintherapien mit sich machen lassen?
    • Leela 24.02.2019 15:59
      Highlight Highlight wohl eher pseudologia phantastica
    • lilie 25.02.2019 08:01
      Highlight Highlight @Couleur: Was ich tun würde oder nicht, ist unerheblich, da es ja nicht um mich geht. Ketamin wird auch als berauschende Droge benutzt, also gibts ja Leute, die das Zeug freiwillig schlucken.

      Dass er eine Elektroschocktherapie gemacht hat, ist zudem fast ausgeschlossen, da dies aus ethischen Gründen nicht mehr angewandt wird.

      Viel wahrscheinlicher ist, dass es eine Elektrokrampftherapie war, die heute unter Vollnarkose und mit Muskelrelaxantien durchgeführt wird.

      Und ja, ich kenne Leute, die sich lieber an eine solche Maschine anhängen lassen als eine Psychotherapie zu machen.
  • Snowwhitey 24.02.2019 14:04
    Highlight Highlight Ich habe Mühe zu glauben dass es sich dabei um eine bipolare Störung handeln soll.
  • Triple A 24.02.2019 13:13
    Highlight Highlight Na, der scheint ja 100% in die schöne neue Fake-Welt zu passen.

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Nach «Dumbo» bringt Disney dieses Jahr zwei weitere Klassiker als Life-Action-Filme zurück auf die Grossleinwand: «Aladdin» und «The Lion King». Nun wurde auch zu «Der König der Löwen» der erste Trailer geliefert.

Die Simba- und Nala-Fans müssen sich allerdings noch ein wenig gedulden. Der Streifen soll am 18. Juli 2019 in die Deutschschweizer Kinos kommen.

(sim)

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