Rosalía war im Hallenstadion «hot for God» und göttlich
Gibt es hier auch Hot Dogs? Das frage ich mich angesichts des Merchandising-Stands vor dem Hallenstadion, wo T-Shirts mit dem Aufdruck «Hot for God» verkauft verkauft werden. Der Stand versprüht ein bisschen Freikirchen-Feeling. Aber ich weiss ja, worauf ich mich bei Rosalía einlasse: auf eine dunkelblütige spanische Katholizismus-Show. Auf ein Karfreitagsgebet, auf Christus' diamantene Tränen, auf mystiszistische Verschmelzungs-Fantasien, auf einen Mikrophonständer, der von Spaniens berühmtester Kirche, der Sagrada Familia, inspiriert wurde, auf einen Orchestergraben, der einem Kirchenschiff nachempfunden wurde.
Rosalías Gott ist kein lieber Gott, er ist auf alttestamentarische Art gewalttätig, ist übergriffig, seine Liebe tut fast immer weh, das ist keine Wellness-Beziehung, das ist ein Kampf, ein Ringen, Lust, Blut, Dornen. «I fuck you til you love me», heisst es in «Berghain», jenem Song, den man nicht Song nennen kann und der im vergangenen November über die Welt kam wie ein laut gefluchter Segen, eine kreative Eruption, ein Stück Techno-Kunst-Oper, sperrig und eingängig in einem, eine wundersame Grenzüberschreitung. Die Welt staunte. Da war sie endlich: die europäische und intellektuelle Antwort auf den Zuckerglitzerpop von Taylor Swift und Sabrina Carpenter.
Im Hallenstadion findet sich wie erwartet viel spanische Community. Alle singen hier jedes Wort mit. Und zwar in jeder Sprache. Kein Text ist zu surreal verschroben (der «Blei-Teddybär» aus «Berghain» ist schon hart an der Grenze), keine Melodie zu komplex, um nicht gefeiert zu werden. Junge Pärchen singen gemeinsam das gespenstische «Porcelana» oder das hymnische «Divinize», als handelte es sich um die Begleitmelodie ihres ersten Dates. Sie schreien: «Rosiiiiiii!» Sagen immerzu: «Sie ist so hübsch! SO hübsch!»
Ist sie auch. Eine überirdisch schöne Frau, sie leuchtet, sie ist entspannt, es gelingt ihr, für ihre anspruchsvolle Musik den heiterstmöglichen Rahmen zu schaffen, schäkert mit dem Publikum, erzählt vom «Zurisee», an dessen Ufer sie am Sonntagmorgen nach einem aufregenden Tourstart in Lyon und Paris und voller Lampenfieber wieder zu sich gefunden habe. Simuliert mit einer «zufällig» ausgesuchten Zuschauerin ein lustiges Beichtstuhl-Gespräch, lässt sich von ihren Tänzerinnen und Tänzern veralbern, schwärmt vom Schweizer Wein, vom Käse und der Schoggi, lobt «Zuri» für seine Energie. Rosalía, ein globaler Superstar, der verschwenderisch viel Herzlichkeit und Nahbarkeit verströmt.
In einer Umziehpause sucht keine Kiss Cam, sondern eine Art Cam nach Menschen im Publikum, die bekannte Figuren aus der Kunstgeschichte nachstellen sollen. Die von einer Rentnerin restaurierte spanische Jesusfigur findet die überzeugendsten Nachahmer.
Rosalía beginnt ihr viertes Konzert der «Lux»-Tour als zarte, puderrosa Ballerina, die Bühne ist ganz schlicht, zwei Treppen, ein Mond, viel Ocker, es könnte hier auch gleich «Dune – das Musical» starten, doch das wäre zu harmlos, es muss schon «Sexo, Violencia y Llantas» (Sex, Gewalt und Autoreifen) sein, ihr erst poetisches, dann störrisches Bekenntnis, dass selbst sie die Liebe zur Welt über die Liebe zu Gott stellt.
Effekte werden hier nicht eingespielt, sondern auf der Bühne hergestellt: Ein gerafftes Tuch, etwas fallender Goldstaub oder Papierschnee genügt völlig, denn der Schnee fällt nicht nur einfach so, er fällt auf eine Glasscheibe, eine Kamera filmt Rosalías Gesicht durch die Scheibe, sie wird zum Mädchen, das im Winter aus dem Fenster schaut. Ganz einfach, ganz analog und dank der Leinwände zu beiden Seiten der Bühne überaus wirkungsvoll. Einzig Björks Stimme in «Berghain» wird eingespielt.
Alles ist schlicht, geschmackvoll, reduziert, keine Paillette weit und breit. Die Kostüme sind von Ann Demeulemeester, der Grande Dame des dekonstruktivistischen belgischen Modedesigns, die Choreografien vom französischen Tanzkollektiv (La)Horde, das 2025 in die Liste der 100 wichtigsten Kulturschaffenden der Welt Einzug hielt. Alles hier schreit Kunst. Und ist eine Feier der Künste: Ballett, Oper, Pop, Techno, Flamenco, Mode, Lyrik, bildende Kunst. Wie man daraus etwas mischen kann, das zum totalen Mainstream-Erfolg wird, ist Rosalías Geheimnis. Vielleicht ist es die hohe Emotionalität, mit der sie ihre hohe Kunst anreichert. Ihre Lieder liegen wie rohe Herzen vor uns.
Tour-Impressionen von (La)Horde
Die 33-jährige Katalanin ist überwältigend: Stimmlich kann sie – alles. Die italienische Arie «Mia Cristo piange diamanti», zu der ihr eine Träne über die Wange rinnt, ist eine mühelose und überaus berührende Anbetung in mehreren Oktaven. Anderes ist ganz zart und vergnügt («Sauvignon Blanc»), wieder anderes ein Sturm, «Berghain» ein Triumph. Tanzen kann sie ebenfalls alles. Ein bisschen klassischer Spitzentanz, eine gefährliche Mischung aus Flamenco und Irish Dance – und natürlich die mitreissende Techno-Erweiterung von «Berghain», die neulich an den Brit Awards Premiere hatte.
Mehrfach verwandelt sie sich vom unschuldigsten Engel in ein diabolisches Unterweltwesen, mal flirtet sie charmant, mal ist sie voller aggressiver Erotik. Auch die Kostüme changieren zwischen Ballerina, Nonne, frivolem Nachtclubtier samt Geweih und Lady im Abendkleid.
Bilder aus dem Hallenstadion
Schliesslich wird sie zu einem geflügelten Wesen, das erst an Ikarus erinnert, der zur Sonne fliegen wollte und vom Himmel fiel. Dann verklingt der letzte Ton und Rosalía stürzt sich rücklings von der Bühne, fällt ins Nichts: Es ist der Todessturz von Natalie Portman in «Black Swan» und nur eines von unzähligen Kunst- und Popkultur-Zitaten, die ganz unaufdringlich zu einem geschmeidigen Ganzen gefügt wurden. Als Zugabe gibt's noch die innig strahlende Todesfantasie «Magnolias», dann verschwindet sie in einem leuchtenden Feuerball.
Was war das jetzt? Auf jeden Fall eine Art Wunder. Erhaben, erhebend, eine konstante, berückende, entzückende Grenzerfahrung. Eine Entführung aus dieser schweren Welt in ein verspieltes, belebendes, gelegentlich wütendes Paradies. Himmlisch und höllisch. Wir haben gerade eine Künstlerin erlebt, die ganz klar ist in ihrer Anspruchshaltung an sich selbst und an uns, sie verlangt viel. Und sie gibt noch mehr: eine Performance, die in jedem Moment ganz tief erfahrbar ist. Kunst in ihrer besten Form. Ein Geschenk. Gott mag eine kollektive Fiktion sein. Rosalía ist göttlich.
Unter diesem Link findet sich ein Mitschnitt des ganzen Konzerts aus Paris vom 18. März.
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