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Charles III., die Krönung und der Koh-i-Noor: Das Blut der Kronjuwelen

LONDON, ENGLAND - MAY 27: Queen Elizabeth II proceeds through the Royal Gallery before the State Opening of Parliament in the House of Lords at the Palace of Westminster on May 27, 2015 in London, Eng ...
Die Frisur sitzt. Die Krone auch. Queen Elizabeth II. 2015 mit der Imperial State Crown.Bild: Getty Images Europe

So viel Blut klebt an den britischen Kronjuwelen

An seiner Krönung wird Charles zwei Diamanten mit grosser Vergangenheit tragen. Der berühmte Koh-i-Noor wurde von der Zeremonie ausgeschlossen. Weil er zu schmerzhafte Erinnerungen an die koloniale Unterdrückung Indiens provoziert.
20.04.2023, 10:0420.04.2023, 12:53
Simone Meier
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Als der 15-jährige Duleep Singh vor ihr steht, seufzt die 35-jährige Queen Vicoria: «Diese Augen und diese Zähne sind zu schön!» Victoria hat Duleep Singh, den letzten Maharadscha der Sikh und Sohn des «Löwen von Punjab», bereits vor fünf Jahren vom Thron gestossen und seine Mutter, die für den Minderjährigen die Regierungsgeschäfte führte, ins Gefängnis geworfen.

Sie hat den Buben ins Exil geschickt und einem fundamentalchristlichen britischen Militärarzt zur Umerziehung überlassen, sein Reich, den Punjab, annektiert und das grosse Symbol der Macht der Maharadschas, den Koh-i-Noor-Diamanten, an sich gerissen. Seither gilt der Stein als Inbegriff der erfolgreichen britischen Expansionspolitik.

Dennoch fühlt Victoria ein diffuses Mitleid mit dem «armen, entmachteten indischen Prinzen», wie sie ihn nennt. Bei seinem Besuch 1854 lässt sie ihn von Franz Xaver Winterhalter, dem Lieblingsporträtisten aller Royals von Russland bis Grossbritannien, in einer prächtigen höfischen Fantasiemontur malen. Auf dem Bild trägt er einen Perlenschmuck mit einem Porträt der Kaiserin von Indien. Victoria.

Duleep Singh, 1954
Winterhalters Porträt des 15-jährigen Duleep Singh.Bild: Franz Xaver Winterhalter via wikipedia

Zum Trost – oder um ihn erneut zu demütigen – zeigt die siegreiche Queen Duleep Singh den Koh-i-Noor. Der Prinz dürfte schockiert gewesen sein, denn der Stein, der jahrhundertelang 186 Karat (37,2 Gramm) schwer gewesen war und den sein Vater in ein Armband gefasst trug, wiegt jetzt noch 108,93 Karat (21,786 Gramm).

Der «Berg des Lichts» ziert einen Sarg

Victoria hat den ungewöhnlichen Stein, der auch heute noch die älteste dokumentierte Geschichte eines Diamanten erzählt, zurechtgestutzt wie ihre Kolonien. Aus einem unregelmässig geformten, funkelnden und mythenumwobenen Schmuckstück, das zum ersten Mal um 1300 erwähnt wurde, ist ein ovales, nach «europäischer» Façon zurechtgeschliffenes Juwel geworden. Victoria trägt es als Brosche.

Queen Victoria mit dem Koh-i-Noor-Diamanten
Winterhalters Porträt der Queen Victoria mit dem zur Brosche gefassten Koh-i-Noor.Bild: Franz Xaver Winterhalter via wikipedia

Wie der Koh-i-Noor wird Duleep Singh zum exotischen Schmuckstück am Hof der Queen. Später heiratet er eine Missionarin, macht riesige Schulden, bleibt ein Leben lang unglücklich. Seine Töchter werden in England zu bedeutenden Suffragetten.

Nach Victorias Tod, 1901, wird der Diamant in die Krone von Queen Alexandra gesetzt, 1911 in die Krone von Queen Mary und 1937 schliesslich in die Krone von Queen Elizabeth, der Queen Mother, wo er heute noch ist. Einen ihrer letzten grossen Auftritte hatte die Krone mit dem «Berg des Lichts», wie der Diamant übersetzt heisst, auf dem Sarg der Queen Mother 2002.

FILE - In this April 5, 2002 file photo, The Koh-i-noor, or "mountain of light," diamond, set in the Maltese Cross at the front of the crown made for Britain's late Queen Mother Elizabe ...
Der Koh-i-Noor (vorne unten Mitte) dekoriert in der Krone der Queen Mother 2002 deren Sarg.Bild: keystone

Der Wert des Koh-i-Noor ist nicht bestimmbar. Schätzungen bewegen sich zwischen 140 und 400 Millionen Pfund.

Ist Camillas Verzicht auf den Diamanten Heuchelei?

Camilla hätte die Krone der Queen Mother nun zur Krönung am 6. Mai tragen sollen, doch Indien schaltete sich ein und monierte, dass das Zurschaustellen des Koh-i-Noors (den in den letzten Jahrzehnten wechselweise seine früheren Besitzerländer Indien, Pakistan, Afghanistan, der Iran und auch die Taliban zurückverlangten) allzu schmerzhaft auf die konfliktreiche gemeinsame Vergangenheit hinweisen würde. Camilla wird deshalb wieder die Krone von Queen Mary tragen, die 1937 mit einem Ersatzdiamanten versehen wurde.

In Indien wird Camillas Ausweichmanöver als Heuchelei gewertet. Ein Kommentar im «Indian Express» forderte, dass sie den Stein ruhig für alle sichtbar tragen solle, quasi als walk of shame. Dafür solle Grossbritannien besser ganz andere Dinge zurückgeben, die unter der Kolonialherrschaft zerstört worden seien: Würde, Wirtschaft, Infrastruktur.

Bildnummer: 60100530 Datum: 01.01.1900 Copyright: imago/United Archives International Symbols of Imperial Majesty: The Royal Crowns and Sceptre - St. Edward s crown (top left); The Imperial State Crow ...
Die Krone der Queen Mary – hier noch samt Koh-i-Noor. Sie unterscheidet sich mit ihren acht Bögen deutlich von der ähnlichen Krone der Queen Mother (vier Bögen).Bild: imago stock&people

Der Diamanten- hat den Sklavenhandel abgelöst

Noch über Queen Victorias Tod hinaus wird in Afrika der Zweite Burenkrieg (1899 – 1902) ausgetragen. Er endet damit, dass die Burenstaaten Transvaal und Oranje-Freistaat Grossbritannien einverleibt werden. Jetzt, da Grossbritannien sich nicht mehr am früher so lukrativen Sklavenhandel bereichern darf, will es die Gold- und Diamantvorräte der beiden mineralienreichen Staaten für sich nutzbar machen.

The Queen Mother', 1937, (1951). Portrait of Mary of Teck (1867-1953) in the robes she wore at the coronation of her son George VI. From "The Queen Mother", by Marion Crawford ("Cr ...
Wie auf diesem Bild der Queen Mary zu sehen ist, lassen sich die Bögen samt Samthaube auch aus der Krone entfernen.Bild: Hulton Archive

1905 wird in der südafrikanischen Premier Mine nur neun Meter unter der Erdoberfläche der bis heute grösste Diamant der Welt gefunden. Er wiegt 3106 Karat (621.2 Gramm) und wird nach dem Besitzer der Mine Cullinan getauft. Damals ist er 150'000 Pfund wert. Heute würde sein Wert etwa 380 Millionen Pfund betragen.

Zuerst wird er in Südafrika ausgestellt, dann schickt ihn die Premier Mine nach England, in der Hoffnung, einen Käufer zu finden. Um den kostbaren Transport zu tarnen, reist eine wertlose Kopie des Steins auf einem schwer bewachten Schiff und unter grosser öffentlicher Aufmerksamkeit nach England. Der echte Stein wird unterdessen unauffällig mit der ganz normalen Post nach London geschickt. Doch dort interessiert sich niemand dafür, und die Regierung von Transvaal beschliesst, ihn King Edward VII. als Unterwerfungsgeste der neuen Untertanen zum Geburtstag zu überreichen.

The Cullinan diamond found at the Premier Diamond mine , near Pretoria , South Africa on the evening of 26 Januaary 1905 A handful worth a million : the diamond in the hands of Mr Walter Brunton , one ...
Dies ist der gesamte Cullinan Diamant kurz nach seinem Fund 1905 in der Premier Mine in der Nähe von Pretoria.Bild: imago stock&people

Der König denkt sich, mehr ist mehr, und lässt den Stein in 105 Stücke spalten, 9 grosse und 96 kleine. Die beiden grössten werden erneut zu einer Brosche, doch die ist viel zu schwer. 1911 wird der grösste – Cullinan I oder Great Star of Africa – in das königliche Zepter von 1611 eingefügt. Der zweitgrösste – Cullinan II oder Lesser Star of Africa – wird Teil der ebenfalls 1611 gefertigten Imperial State Crown.

Mar. 20, 1953 - Alterations To The Imperial State Crown.. Preparing For Coronation of Queen Elizabeth. Alterations are being carried out to the famous Imperial State Crown - the crown that Her Majesty ...
1. Vor der Krönung der Queen 1953 muss die Imperial State Crown abgeändert und gereinigt werden. Der Cullinan II wird unter dem grossen Rubin (in der Hand des Goldschmieds) wieder eingefügt werden.Bild: imago stock&people
Bildnummer: 60011160 Datum: 01.01.1900 Copyright: imago/United Archives International
Alterations being made to the Imperial State Crown The Second Star of Africa cut from the Cullinan Diamond and wh ...
2. Hier der Cullinan II.bild: imago/ united archives international

Die Krone fällt zusammen «wie ein Pudding»

Die Arbeitsbedingungen in den afrikanischen Diamantminen sind eine Katastrophe, die schwarzen Minenarbeiter gelten kollektiv als kriminell, müssen sich täglich einer Leibesvisitation aussetzen und werden in mit Stacheldraht umzäunten Lagern gehalten, die sie während ihrer vertraglichen Einsätze nicht verlassen dürfen. Die weissen Minenarbeiter geniessen dagegen viele Freiheiten.

Jun 05, 1953 London, UK QUEEN ELIZABETH after her coronation on June 2nd 1953 wearing the Imperial State Crown which contains the sapphire of St. Edwards Rose cut and the Stuart sapphire amongst other ...
Die frisch gekrönte Queen Elizabeth II. mit der Imperial State Crown, dem Zepter und dem Reichsapfel.Bild: www.imago-images.de

Beide Steine werden an der Krönung von Charles dabei sein. Die Imperial State Crown wird er – mit Ausnahme jenes Moments im Krönungszeremoniell, wo ihm die 2,5 Kilo schwere, goldene St. Edward's Crown kurz aufgesetzt wird – auf dem Kopf tragen, das Zepter in der Hand.

Die Imperial State Crown musste übrigens 1845 ganz neu zusammengeflickt werden: Während der Parlamentseröffnung fiel sie von ihrem Kissen, «es war alles zerdrückt und zerquetscht wie ein Pudding, der in sich zusammengefallen war», schrieb Queen Victoria. Duleep Singh hätte dies gewiss gerne gesehen. Doch der letzte Maharadscha war da erst sieben Jahre alt.

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100 Kommentare
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Eul doch
20.04.2023 09:45registriert Oktober 2015
Es wird viel über den Wert der Diamanten, wie sie verkleinert wurden und wer sie getragen hat geschrieben, aber wieviel Blut denn jetzt daran klebt wird irgendwie nicht beantwortet. Nur ein kleiner Nebensatz wie die Schwarzen als kriminell betrachtet und für die Arbeit eingesperrt wurden.
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Schiints me seits
20.04.2023 09:21registriert Juli 2019
"So viel Blut klebt an den britischen Kronjuwelen" - ich empfehle einen Besuch beim Urologen.
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El_Chorche
20.04.2023 09:41registriert März 2021
Nicht vergessen, dass Könige irgendwann einfach mal Kriegsherren waren, die mal fanden, so ich bin jetzt König.

Das waren nie die Nettesten oder liebsten Herrscher, sondern immer nur die Schlimmsten der Schlimmen.

Die Windsors sind auch nur an der Macht, weil sie via Kriegen, Intrigen oder Zweckheiraten die anderen Familien ausgestochen haben.
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Bist du ein Touri-Proll? Pasta mit dem Messer, Cappuccino am Nachmittag und so?
Machst auch du die Italiener hässig? Arrabiato?

Schnell über die Alpen – und schon hat man Mittelmeerklima! Und erst noch kulturelle Sehenswürdigkeiten! Und dieses feine Essen noch dazu!

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