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Warum man Prinz Harrys Gejammer (ein wenig) verstehen kann

FILE - Britain's Prince William and Britain's Prince Harry walk beside each other after viewing the floral tributes for the late Queen Elizabeth II outside Windsor Castle, in Windsor, Englan ...
Einst unzertrennlich, jetzt verfeindet: William und Harry bei einem Auftritt nach dem Tod der Queen.Bild: keystone
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Warum man Harrys Gejammer (ein wenig) verstehen kann

Prinz Harry rechnet mit einem Buch und in Interviews mit seiner Familie ab. Das wirkt unappetitlich, doch er ist auch Opfer eines anachronistischen Konzepts namens Monarchie.
09.01.2023, 19:4511.01.2023, 02:28
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Henry Mountbatten-Windsor, der Allgemeinheit bekannt als Prinz Harry, sorgt für Wirbel. Wieder einmal. Erst kürzlich jammerten er und Ehefrau Meghan in einer Netflix-Doku, wie schwer ihnen seine Familie mitgespielt hatte, allen voran der ältere Bruder William. Jetzt jammert er weiter, in seinen Memoiren mit dem Titel «Spare» und in mehreren TV-Interviews.

Ich habe weder das Netflix-Spektakel gesehen noch das Buch gelesen, das offiziell am Dienstag erscheinen wird. Und ich habe keine Sympathien für das Konzept Monarchie, aber die britischen Royals bieten zugegeben eine gute Show, eine saftige Reality-Soap. Eine gewisse Faszination ist mit dieser anachronistischen Institution verbunden.

Man kann die weltweite Beachtung, auf die Harrys und Meghans Rundumschlag – für die sie nebenbei bemerkt Dutzende Millionen Dollar (oder Pfund) einsacken dürften – stösst, nachvollziehen. Auch wenn das permanente Gejammer, die bis zum Exzess zelebrierte Selbstinszenierung als Opfer eines «unmenschlichen» Systems, irritiert und nervt.

Dasein auf der Ersatzbank

Ein wenig aber kann man Harry auch verstehen. Er wurde in dieses System hineingeboren und von Beginn an in ein Korsett gezwängt. Seit seiner Geburt am 15. September 1984 war er dazu bestimmt, «The Spare» zu sein, der «Reservist» für den Königsthron. Er war zu einem Dasein auf der Ersatzbank verdammt und konnte kein halbwegs normales Leben führen.

Mit der Rolle als royale Nummer 2 hatten sich schon andere schwergetan, etwa Margaret, die Schwester der verstorbenen Queen Elizabeth. Erst wurde ihr die Heirat mit Peter Townsend, der Liebe ihres Lebens, verboten, weil er als geschiedener Bürgerlicher weder für das Königshaus noch für die anglikanische Kirche eine akzeptable Partie war.

Eine tragische Figur

Später flüchtete Margaret in eine glücklose Ehe mit dem Fotografen Tony Armstrong-Jones. Sie führte ein unstetes Leben mit viel Alkohol und zahlreichen Affären. Als sie 2002 mit 71 Jahren starb, galt sie als tragische Figur. Denn als Schwester der Monarchin hatte sie nie eine echte Chance, ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen.

epa07093953 (FILE) Britain's Prince Harry (L) and his fiancee Meghan Markle (R) pose during a photocall after announcing their engagement in the Sunken Garden in Kensington Palace in London, Brit ...
Harry und Meghan bei ihrer Verlobung 2017. Sie soll von den Royals nie richtig akzeptiert worden sein.Bild: EPA/EPA

Prinz Harry hat mehrfach versucht, aus dem Korsett auszubrechen, als Soldat mit zwei Einsätzen in Afghanistan, wo er laut seinen Memoiren 25 «Feinde» getötet hatte. Der grösste Schritt war die Heirat mit der US-Schauspielerin Meghan Markle, Tochter einer Afroamerikanerin. Sie wurde laut seiner Darstellung vom Haus Windsor nie richtig akzeptiert.

Versöhnung schwer vorstellbar

Die heftigsten Vorwürfe richten sich gegen Bruder William und seine Frau Kate, was eine tragische Dimension hat. Denn die beiden Brüder galten nach dem ebenso tragischen Tod von Mutter Diana lange als unzertrennlich. Jetzt scheint das Tischtuch zwischen ihnen unwiderruflich zerschnitten zu sein. Eine Versöhnung ist schwer vorstellbar.

Der Kontakt zur Familie ist offenbar vollständig abgebrochen. «Ich will meinen Vater zurück. Ich will meinen Bruder zurück. Momentan erkenne ich sie nicht wieder», sagte Harry dem britischen Fernsehsender ITV. Genauso würden die beiden aber wohl ihn derzeit nicht wiedererkennen, räumte er ein. Was einiges aussagt über das Innenleben der Windsors.

Gefühlskalt und konfliktscheu

Sie sind berüchtigt für ihre Gefühlskälte, die Vater Charles in einem Vieraugengespräch mit Harry sogar eingeräumt haben soll. Und die verstorbene Queen wurde zwar für ihr Pflichtbewusstsein verehrt, doch sie war auch konfliktscheu, wie seit ihrem Ableben zunehmend eingeräumt wird. Was die innerfamiliären Probleme verschärft hatte.

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Der niederländische König Willem Alexander als moderner «Velo-Monarch».Bild: www.imago-images.de

Letztlich aber ist die Monarchie das Problem. Sie passt je länger, desto weniger zu einer freien, demokratischen Gesellschaft, in der Selbstverwirklichung einen hohen Stellenwert hat. Den Königshäusern auf dem europäischen Kontinent gelingt die Anpassung an die Moderne mal mehr (Niederländer und Skandinavier), mal weniger (Belgien, Spanien) gut.

Erfolgreiche «Fahrradmonarchien»

Erstere werden von den Briten gerne als «Fahrradmonarchien» verspottet, eine Anspielung auf die veloverrückten Holländer. Und auch in diesen Ländern gibt es republikanische Bestrebungen. Aber vielleicht schaffen sie es mit ihrer relativen Volksnähe, die verstaubte Institution einer vererbten Regentschaft im 21. Jahrhundert zu bewahren.

Die britischen Royals werden wohl nicht aufs Velo steigen. Vermutlich würde dies von einer traditionsbewussten, an Pomp und Prunk hängenden Bevölkerung kaum akzeptiert. Auswege gibt es trotzdem. So hatte Prinzessin Anne, bekannt als fleissigstes Mitglied der «Firma», den angebotenen Adelstitel für ihre beiden Kinder Peter und Zara abgelehnt.

Die Royal Family verschlanken

Sie sind zwar aufgrund ihrer Abstammung in der Thronfolge aufgeführt, führen aber eine bürgerliche Existenz. König Charles plant ohnehin, die Royal Family zu verschlanken. Entferntere Verwandte wie die Kents und die Gloucesters sollen nicht mehr dazugehören, sondern nur die direkten Angehörigen des Monarchen samt Angetrauten.

Keinen Platz mehr hat es für den in Ungnade gefallenen Prinzen Andrew. Und für Harry, der mit Meghan und den beiden Kindern Archie und Lilibet in die USA ausgewandert ist. Ob sie an der Krönung von Charles III. am 6. Mai teilnehmen werden – eine Einladung wurde offenbar verschickt –, weiss Harry laut dem ITV-Interview noch nicht.

Vielleicht ist irgendwann eine Versöhnung möglich. Und vielleicht können sich Harry und Meghan ein neues Leben aufbauen, ohne ständig ihre Opferrolle auszuschlachten. Denn irgendwann verliert jede Soap ihren Reiz, wird sie nur noch peinlich. Denn allzu viel Mitleid darf der im «goldenen Käfig» geborene Henry Mountbatten-Windsor nicht erwarten.

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90 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Leica
09.01.2023 20:23registriert Februar 2020
Aufgrund der aufgeführten Gründe habe ich vollstes Verständnis für Harrys Entscheidung, aus dem royalen Zirkus auszusteigen. Warum er dann aber über seine Familie höchst detailliert in aller Öffentlichkeit auspackt, ist einfach nur würdelos.
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G3r1
09.01.2023 20:07registriert August 2016
Können wir bitte einen No-Harry-Knopf haben, wie wenn Fussball ist? Merci tuusig :-)
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Garp
09.01.2023 20:57registriert August 2018
Die Nr. 1 zu sein ermöglicht auch kein freies Leben.

Man kann froh sein nicht als Royal geboren zu sein.

Können wir mit dem Thema nun hier abschliessen?
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