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Die globale Gesundheitskrise hat Einfluss auf unser Suchtverhalten.
Die globale Gesundheitskrise hat Einfluss auf unser Suchtverhalten.
Bild: shutterstock

Wie sich Corona auf unser Suchtverhalten ausgewirkt hat

Der Drogenhandel florierte trotz Grenzschliessung, mehr Menschen wollten mit dem Rauchen aufhören und mehr Menschen rutschten in die Spielsucht. Das Schweizer Suchtpanorama zeigt, wie sich die Corona-Pandemie auf das Schweizer Suchtverhalten auswirkte.
10.02.2021, 05:04

Noch immer befinden wir uns in einer Ausnahmesituation. Das vergangene Jahr war anders als viele zuvor. Die Corona-Pandemie führte zu grosser Unsicherheit, Einschränkungen im Alltag und schwierigeren Lebensumständen. Die Gesundheitskrise hat auch einen grossen Einfluss auf das Suchtverhalten der Schweizer Bevölkerung, wie das jährliche Schweizer Suchtpanorama von Sucht Schweiz zeigt.

Noch sei schwierig, die genauen Auswirkungen der Pandemie einzuschätzen, sagt Sucht Schweiz-Sprecherin Monique Portner-Helfer. «Klar ist aber, dass die Pandemie einerseits gefährdete Gruppen trifft und andererseits andere Risikogruppen in den Fokus rücken.»

So hat sich Corona auf unser Suchtverhalten ausgewirkt

bild: unsplash

2019 tranken die Schweizerinnen und Schweizer pro Kopf durchschnittlich 7,9 Liter reinen Alkohol. Für das Jahr 2020 gibt es noch keine aktuellen Zahlen. Gefährdet sind gemäss Sucht Schweiz aber vor allem jene Personen, die schon vor der Corona-Pandemie zur Flasche griffen, um Stress zu regulieren oder ihre Stimmung zu heben.

quelle: sucht schweiz/grafik: ohe

Mehr konsumieren würden vor allem Männer und Personen mit einer niedrigeren Bildung und Einkommen, heisst es im Suchtpanorama.

In der Pandemie kommt eine neue Risikogruppe hinzu: Menschen, die am stärksten einem Infektionsrisiko ausgesetzt sind, wie beispielsweise medizinisches Personal und Personal im Transport oder Verkaufswesen. Für sie sei die Corona-Krise besonders belastend, da sie mit den krankheitsbedingten Leid und Todesfällen stärker konfrontiert seien. «Gefährdet sind zudem Menschen, die Covid-Fälle im näheren Umfeld erlebt haben, aber aus Sorge sich selbst anzustecken nicht helfen durften oder konnten», schreiben die Studienautorinnen weiter.

Mit besorgtem Blick schaut Sucht Schweiz auf die Entwicklung der Spielsucht. 2019 trat das neue Geldspielgesetz in Kraft. Es ermöglicht Casinos ihre Spiele auch online anzubieten. «Corona und der Lockdown brachten die idealen Voraussetzungen für den Markt der Online-Geldspiele», erklärt Mediensprecherin Portner-Helfer. «Das ist ein unglückliches Zusammentreffen. Ohne Pandemie hätte sich der Markt wohl anders entwickelt.»

Die schweizerische Gesundheitsbefragung von 2017 zeigte, dass gut drei Prozent der Schweizer Bevölkerung ein exzessives Spielverhalten aufweisen. Die grosse Mehrheit spielt Lotto, macht bei Sportwetten mit oder kauft Rubbellose. Bei den Online-Spielenden berichteten rund 10 Prozent von mittelschweren bis schweren Problemen mit Geldspielen. Davon besonders betroffen sind 18- bis 29-jährige Personen.

Besonders während der Corona-Krise ist der Markt der Online-Spiele gewachsen. Das zeigen gemäss Sucht Schweiz neuere internationale Studien. In Kanada etwa haben die Anbieter von Online-Spielen um 77 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Und das Angebot wird von der Userschaft rege genutzt: Es gibt mehr Personen, die während des Lockdowns das erste Mal ein Online-Angebot nutzten. Und wer schon länger spielte, probierte neue Spiele aus, spielte länger und gab mehr Geld aus. «Spiele mit einem schnellen Spielrhythmus wie Automatenspiele sowie eSport und Online-Poker wurden verhältnismässig häufiger gespielt», schreibt Sucht Schweiz.

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In der Schweiz rührten die Online-Casinos ordentlich die Werbetrommel. Das Werbevolumen für Glücksspiele erfuhr allein im April 2020 eine massive Zunahme. «Diese Entwicklung ist aus Präventionssicht Besorgnis erregend», schreiben die Studienautorinnen. «Die psychologischen Auswirkungen der Corona-Krise könnten das problematische Spiel akzentuieren.»

Ein Viertel der Bevölkerung raucht. Das zeigen Daten der schweizerischen Gesundheitsbefragung aus dem Jahr 2017. Eine genauere Auswertung hat zudem gezeigt, dass vor allem das Shisha-Rauchen stark zugenommen hat.

Ähnlich wie beim Alkoholkonsum hatte auch der Stress einen Einfluss darauf, wie oft die Schweizer Bevölkerung Tabak konsumierte. Junge Raucherinnen und Raucher, Menschen mit psychischen Problemen oder Schwierigkeiten in der Beziehung rauchten häufiger. «Mehr Stress bedeutet mehr Tabakkonsum», schreiben die Studienautorinnen.

quelle: sucht schweiz/grafik: ohe

Einen positiven Effekt hatte der Corona-Virus dennoch: Weil als Raucherin oder Raucher das Risiko grösser ist, einen schweren Covid-Verlauf zu haben, waren mehr Menschen motiviert, mit dem Rauchen aufzuhören. Über 17 Prozent hätten während des Lockdowns einen Rauchstopp ausprobiert. 4,6 Prozent hörten wirklich auf zu rauchen, schreiben die Studienautorinnen. Von den täglichen Rauchenden gaben 15 Prozent an, dass sie während dem Lockdown den Konsum erhöhten. 8 Prozent rauchten weniger.

Durch rund ein Dutzend Todesfälle in den letzten drei Jahren ist besonders der Mischkonsum von Medikamenten bei Jugendlichen in den Fokus gerückt. Studienergebnisse dazu fehlen bislang. Man weiss nur, dass der Medikamentenkonsum bei den Buben in den letzten 15 Jahren zugenommen hat. Namentlich erwähnt werden Beruhigungsmittel wie Xanax, opioidhaltige Schmerzmittel oder Hustensirupe mit Codein oder Dextromorphan.

quelle: sucht schweiz/grafik: ohe

Besonders Codein geriet immer wieder in die Schlagzeilen. Die internationale Hiphop-Szene besang «Purple Drank», den Mix aus Hustensaft und Limonade in diversen Lieder. Wie gross der Einfluss der Musik auf das Verhalten von Jugendlichen sei, könne derzeit nicht abgeschätzt werden, schreiben die Studienautorinnen einerseits. Andererseits heisst es aber auch: «Es kann davon ausgegangen werden, dass musikalische Vorbilder einen Einfluss auf Konsummuster von Jugendlichen haben.»

Sucht Schweiz kritisiert, dass der Bundesrat den Mischkonsum der Jugendlichen bislang nicht besonders kümmert. «Das jetzt dringend nötige engmaschige Monitoringsystem fehlt gänzlich», heisst es im Bericht.

2019 nutzten 89 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren das Internet mehrmals pro Woche. Je jünger die befragten Personen sind, desto häufiger sind sie online. Bei den 14 bis 49-Jährigen gaben rund 97 bis 99 Prozent an, mehrmals pro Woche im Netz zu surfen.

Besonders bei den Jugendlichen nahm die Zeit, die sie am Handy verbringen während der Corona-Krise deutlich zu. Das zeigte die James-Studie, die kurz nach dem nationalen Lockdown im Frühling 2020 durchgeführt wurde. Die Digitalisierung hatte besonders während des Lockdowns zahlreiche positive Auswirkungen: Man tauschte sich online aus, traf Freunde im Netz.

quelle: sucht schweiz/grafik: ohe

Doch mit der erhöhten Nutzung steigt auch das Risiko eines problematischen Verhaltens bis hin zum Kontrollverlust. Besonders Inhalte, die das Belohnungszentrum im Gehirn ansprechen, sind heikel. Dazu gehören Games, soziale Medien, Online-Shopping oder Online-Pornografie.

Eine gute Entwicklung brachte die Pandemie aber mit sich: Weil sich die sozialen Kontakte viel mehr vor den Computer- und Handybildschirm verschoben, schrumpfte der digitale Graben zwischen Alt und Jung, heisst es im Sucht Schweiz-Bericht.

Cannabis, Kokain, Heroin: Punkto Konsum ist es im vergangenen Jahr zu keinen nennenswerten Veränderungen gekommen, schreibt Sucht Schweiz. Spannend sei hingegen die Logistik hinter dem Drogenhandel gewesen, heisst es im Bericht. Illegale Drogen legen zum Teil Tausende von Kilometern zurück.

quelle: sucht schweiz/grafik: ohe

Die Pandemie hatte geschlossene Grenzen, reduzierter Mobilität, Versammlungsverbote und höhere Polizeipräsenz im öffentlichen Raum zufolge. Auswirkungen auf den Drogenhandel hatten diese Sicherheitsmassnahmen nicht. Der Betäubungsmittelmarkt konnte problemlos mit den Einschränkungen umgehen. Mit Ausnahmen einzelner Regionen, wo das Cannabis teilweise knapp wurde, waren die Drogen ohne wesentliche Preis- und Qualitätsveränderungen erhältlich. Das zeigte die Studienserie einer Allianz von Westschweizer Organisationen, die im Frühling 2020 durchgeführt wurde.

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