Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Der «Grosse Kanton» kommt morgen auf Staatsbesuch zum «Kleinen Bruder»



Mehr als 300'000 Deutsche leben in der Schweiz, manchmal gibt es Reibereien mit den Eidgenossen. Beide Seiten pflegen ihre Vorurteile. Dabei läuft es in Wirklichkeit ziemlich gut. Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warb vor seinem Staatsbesuch am Mittwoch und Donnerstag gegenüber SRF darum, die EU nicht als Feindesland zu betrachten.

epa06681613 German President Frank-Walter Steinmeier (R) and his wife Elke Buedenbender (L) visit a comprehensive school in Dortmund, Germany, 20 April 2018.  EPA/FRIEDEMANN VOGEL

Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Buedenbender. Bild: EPA/EPA

Nichts pflegt der Durchschnittsbürger so gerne wie seine Vorurteile. Der Schweizer an sich ist in den Augen vieler Deutscher oft spiessig, verschlossen, langsam und steht auf Schokolade und Käse. Für Schweizer wiederum sind Deutsche oft Besserwisser, dominant und hochnäsig, und mögen Dackel, Wurst und Vereinswesen.

«Fränkli» ist nicht Schweizerdeutsch

Dabei klappt es beim direkten Aufeinandertreffen eigentlich immer ganz gut mit der Sympathie. Und trotzdem: So manches bleibt schwierig. Von dem besonderen Verhältnis kann sich der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seinem Staatsbesuch in der Schweiz diesen Mittwoch und Donnerstag ein Bild machen.

Wo der Spass für die Schweizer aufhört: wenn ihr Land als «kleiner Bruder» Deutschlands bezeichnet wird. Sie kontern dann mit der Bezeichnung «der grosse Kanton», als sei Deutschland nur ein Teil der Eidgenossenschaft. Noch schlimmer: wenn Deutsche ein verniedlichendes «-li» ans Ende eines Wortes hängen und meinen, das sei dann Schweizerdeutsch. Etwa «Fränkli» statt Franken bei der Währung. 

«Wir sind uns sowas von ähnlich»

«Wir sind uns eigentlich sowas von ähnlich, auch was Klischees wie Pünktlichkeit, Gründlichkeit, Sauberkeit betrifft», diagnostizierte der Winterthurer Kabarettist Viktor Giacobbo einmal in einem Interview mit der «Badischen Zeitung» von Freiburg im Breisgau.

Vielleicht deshalb die kleinen Reibereien. «Die Deutschschweizer haben einen immerwährenden Minderwertigkeitskomplex und auch ein bisschen Angst gegenüber den Deutschen: Die reden schneller und geschliffener und sagen immer, was sie wollen», meinte Giacobbo.

Gefühlte germanische Invasion

Vor ein paar Jahren gab es richtig Zoff. Weil Zehntausende Deutsche jedes Jahr in die Schweiz zügelten, angezogen von hohen Schweizer Löhnen. Dort wurden sie als Billiglöhner beschimpft, weil sie für weniger Geld arbeiteten als Schweizer. Nicht nur in der Boulevardpresse durften sich Schweizer dann Luft machen über die gefühlte germanische Invasion.

«Wenn es nur noch deutsche Serviertöchter hat, deutsche Ärzte, ich in den Schweizer Bergen nur noch von Deutschen bedient werde, fühle ich mich nicht mehr daheim», regte sich die SVP-Politikerin Natalie Rickli 2012 im «Blick» auf. «Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse.»

Ein Werbespot spaltet Deutschland

Video: watson

«Günstigste Gelegenheit, einen Deutschen zu treten»

Ein Autovermieter wartete unter einem Foto mit deutschen Nobelkarossen mit dem Werbespruch auf: «Die günstigste Gelegenheit, mal einen Deutschen zu treten.»

Die Gratiszeitung «20 Minuten» fand 2013 in einer Umfrage unter 6000 Teilnehmern heraus, dass zwar 43 Prozent der Schweizer «mehr oder weniger ausgeprägte Sympathie» für die nördlichen Nachbarn bekunden. Aber ein knappes Drittel auch genau das Gegenteil. Umgekehrt bescheinigten zwei Drittel der Deutschen den Schweizern, sehr angenehme Zeitgenossen zu sein.

«Nein, Deutschland, ich werde meinen Dialekt nicht ablegen»

Video: watson/Bianca Xenia Jankovska, Emily Engkent

Gemeinsam herzlich lachen

Die Stimmung rief sogar Universitätsforscher auf den Plan. Thomas Köllen, deutscher Wissenschaftler, der an der Universität Bern arbeitet, befragte Deutsche in der Schweiz und kam 2015 zu dem Schluss: «Viele Deutsche nehmen im Schweizer Alltag eine gewisse antideutsche Grundstimmung wahr.» Zehn bis 15 Prozent der Befragten fühlten sich wegen ihrer Nationalität ungerecht behandelt.

An den Zahlen habe sich nichts geändert, sagt Köllen nach einer neuen Befragung, deren Ergebnisse noch nicht veröffentlicht sind. «Das ist kein Grund für Alarmismus, aber das Thema spielt eine Rolle.»

So ganz schlimm kann das Problem aber nicht sein. Mehr als 300'000 Deutsche leben in der Schweiz, etwa 90'000 Schweizer in Deutschland. Beim direkten Kontakt wird über die gängigen Pauschalurteile meist gemeinsam herzlich gelacht.

21 schlechte deutsche Wortwitze, auf die wir fast ein bisschen neidisch sind

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

US-Polizisten töten Schwarzen vor laufender Kamera

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

2 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2

«In 2 bis 3 Wochen sind Intensivstationen voll»: Task Force fordert diese 10 Massnahmen

Martin Ackermann, Leiter der Science Task Force, spricht am Freitagnachmittag Klartext: Gemäss ihren Szenarien sind die Plätze auf den Intensivstationen spätestens am 18. November voll – wenn sich an der Zunahme nicht grundsätzlich etwas ändert.

Die Task Force rechnet konkret mit drei Szenarien für die Belegung der Intensivstationen (blau, rot und gelb). Im roten Szenario entwickeln sich die Einweisungen in die Intensivstationen wie aktuell, das heisst, dass sie sich innert sieben Tagen verdoppeln. Das blaue Szenario geht von 5 Tagen aus, beim gelben sind es deren 10.

Es zeigt sich, dass die Intensivstationen im schlechtesten Fall etwa am 5. November ausgelastet sein werden, im besten berechneten Fall am 18. November:

Die Berechnungen …

Artikel lesen
Link zum Artikel