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Energie

Umfrage zur Stromversorgung: Die Schweiz will die Energiewende

ZUR EIDGENOESSISCHEN ABSTIMMUNG VOM 21. MAI 2017 UEBER DAS ENERGIEGESETZ STELLEN WIR IHNEN ZUM THEMA WINDENERGIE FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG – L'eolienne "Adonis" est photogra ...
Eine Windturbine in Charrat (VS). Im Prinzip wäre eine Mehrheit dafür, in der Realität sieht es oft anders aus.Bild: KEYSTONE

Die Schweiz will die Energiewende – aber nicht um jeden Preis

Der Ausbau der erneuerbaren Energien stösst in der Schweiz auf grosse Zustimmung. Dies zeigt eine Umfrage der Strombranche. Wenn es konkret wird, nehmen die Vorbehalte jedoch zu.
01.06.2023, 05:2001.06.2023, 15:22
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Die Schweiz hat die kalte Jahreszeit gut überstanden. Eine drohende Energiekrise konnte vor allem dank milder Temperaturen verhindert werden. Dennoch mussten die Stromkunden je nach Versorger teilweise happige Preiserhöhungen verkraften. Die offizielle Energiepolitik der Schweiz stösst trotzdem oder gerade deshalb nach wie vor auf grosse Zustimmung.

Dies zeigt eine am Mittwoch veröffentlichte Umfrage des Instituts GFS Bern im Auftrag des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Demnach sind 59 Prozent der Bevölkerung mit der aktuellen Energiepolitik eher oder sehr einverstanden. Das sind sogar drei Prozent mehr als bei der identischen Befragung, die vor einem Jahr durchgeführt wurde.

Dieser Befund stützt die offizielle Stossrichtung, die einheimische Stromversorgung mit erneuerbaren Energien zu fördern und die Abhängigkeit vom Ausland zu reduzieren (rund 70 Prozent des Schweizer Energiebedarfs werden importiert, vor allem in Form von Erdöl und Erdgas). Für 68 Prozent der Befragten geht die Energiewende in der Schweiz viel zu langsam.

Skepsis gegenüber Erneuerbaren

Dies bedeutet Rückenwind für den Mantelerlass, der sich derzeit in der parlamentarischen Beratung befindet und einen massiven Ausbau der Stromproduktion aus Sonne, Wasser und Wind anstrebt. Allerdings zeigen sich hier auch gewisse Widersprüche: 63 Prozent glauben, dass die Erneuerbaren «bei Weitem» nicht ausreichen, um den Strombedarf zu decken.

Besonders skeptisch ist nicht überraschend die Anhängerschaft der SVP unter den rund 1000 Stimmberechtigten, die an der Umfrage teilgenommen haben. 53 Prozent lehnen die energiepolitische Stossrichtung der Schweiz ab. Die SVP bekämpft derzeit auch das Klimagesetz, über das am 18. Juni abgestimmt wird, als «Stromfresser-Gesetz».

Abstriche beim Umweltschutz

Damit trifft sie einen Nerv, denn die Versorgungssicherheit geniesst bei der Bevölkerung absolute Priorität. Strompreis und Klimaschutz sind sekundär. 63 Prozent der Befragten wollen Natur und Landschaft nicht kompromisslos dem Ausbau der erneuerbaren Energien opfern, doch 59 Prozent sind zu «deutlichen Abstrichen» beim Umweltschutz bereit.

ARCHIV --- ZUR MELDUNG, DASS DER STROMMARKT AB 2018 VOLLSTAENDIG GEOEFFNET WERDEN SOLL, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Eine Steckdose, aufgenommen im August 2002, in Zuerich. Am 2 ...
Die Versorgungssicherheit hat für die Bevölkerung absolute Priorität.Bild: KEYSTONE

Die weitaus grösste Akzeptanz geniessen Solaranlagen auf Gebäuden und Fassaden, sie werden von 97 Prozent befürwortet. Selbst Windkraft kommt auf 76 Prozent Zustimmung. Auch die SVP-Anhänger sind zu 65 Prozent dafür, und 56 Prozent aller Befragten wären grundsätzlich bereit, ein Windrad auf einem Hügel vor dem eigenen Haus zu akzeptieren.

Neue AKW nicht mehrheitsfähig

Der Verdacht drängt sich auf, dass dies vor allem auf Stadt- und Agglobewohner zutrifft. Auf dem Land dürfte der Widerstand grösser sein. Das zeigte sich in Hagenbuch, einer SVP-Hochburg in der Region Winterthur. Letzte Woche stimmte die Gemeindeversammlung für einen Mindestabstand von 1000 Metern zwischen Wohnhäusern und Windrädern. Der Gemeinderat wollte «nur» 700 Meter.

Das zeigt, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien leichter gesagt als getan ist. Das betrifft auch alpine Solaranlagen oder neue Stauseen im Rückzugsgebiet der Gletscher, die in der Umfrage klar befürwortet werden. Der Bau neuer AKW aber ist nicht mehrheitsfähig, trotz des in letzter Zeit verstärkten Lobbying vonseiten der Befürworter.

Im Zweifel für Rappenspalter

Im Prinzip wäre die Bevölkerung bereit, sich die Energiewende etwas kosten zu lassen. Allerdings hat ein bezahlbarer Strompreis für signifikante Minderheiten unter den Anhängern der bürgerlichen Parteien sowie den Bewohnern ländlicher Regionen Priorität. Und das Nein zum CO₂-Gesetz belegte, dass im Zweifelsfall oft die Rappenspalter-Mentalität gewinnt.

Wenn die Schweiz für ein Stromabkommen Zugeständnisse machen muss, nimmt die Zustimmung ab.
Wenn die Schweiz für ein Stromabkommen Zugeständnisse machen muss, nimmt die Zustimmung ab.

Ähnlich widersprüchlich ist die Haltung zu einem Stromabkommen mit der EU. Satte 73 Prozent der Befragten würden ein solches begrüssen. Wenn die Schweiz dafür jedoch Kompromisse – etwa ein Rahmenabkommen – eingehen muss, sinkt die Zustimmung auf 54 Prozent. Vor allem die FDP- und SVP-Anhängerschaft ist in diesem Fall klar dagegen.

ETH zeigt Machbarkeit

Die im April durchgeführte GFS-Umfrage zeigt insgesamt ein zwiespältiges Bild. Die Schweizer Bevölkerung will die Energiewende, und zwar schneller als bisher. Aber sobald es konkret wird, drohen Stolpersteine aller Art. Die Schmerzgrenze sei «noch nicht erreicht», liess sich VSE-Direktor Michael Frank in der Medienmitteilung zur Umfrage zitieren.

Dabei zeigt ein «Whitepaper» des Energy Science Center an der ETH Zürich, dass eine klimaneutrale Energieversorgung bis 2050 in der Schweiz technisch mach- und bezahlbar ist. Zwar werde der Strombedarf ansteigen, doch er könne durch einen raschen Ausbau erneuerbarer Energiequellen und eine Integration in den europäischen Strommarkt gedeckt werden.

Die ETH-Forscher verschweigen nicht, dass die Herausforderungen gross sind. Den Befürwortern der Kernenergie aber machen sie wenig Hoffnung. Sie sei eine Option, doch neue Reaktoren könnten aufgrund fehlender politischer Rahmenbedingungen sowie unkalkulierbarer Baukosten und -zeiten wohl «erst nach 2050 in Betrieb gehen».

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325 Kommentare
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B. Nutzername
01.06.2023 07:05registriert Februar 2021
Ein hoher Selbstversorgungsgrad in Sache Energie/Strom ist erstrebenswert, weswegen ein rascher Ausbau der Erneuerbaren besser gestern als morgen vonstatten gehen sollte. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass, wenn eine Krise erst einmal da ist, eine Abhängigkeit vom Ausland Gift ist. Zusätzlichen Handlungsbedarf sehe ich bei Privatpersonen. Wenn die Bevölkerung doch bereit ist, sich Wärmepumpen, PV-Anlagen, etc. bei sich zu installieren, warum wird sie dann durch diverse bürokratische Hürden schikaniert?
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rodolofo
01.06.2023 06:58registriert Februar 2016
Der Umbau des bisherigen, zentralistischen Energiesystems mit einem stabilen Sockel an Bandenergie und mit fossilen Kraftstoffen auf ein neues, dezentrales, sich "von unten" selbst steuerndes Energiesystem mit stark schwankenden Energien aus Sonne und Wind und sehr vielen intelligenten Speichern ist ja auch ein Jahrhundert-Projekt, das Alle stark fordert!
Dabei entwickelt sich dieses neue System von sehr vielen Seiten her, bis alle Puzzle-Teile zusammen ein Gesamtbild ergeben und mehr als die Summe aller Teile ergeben.
Erfreulich: "Es" kommt! Und zwar keine Sekunde zu früh...
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Menü 1 mit Suppe
01.06.2023 06:43registriert April 2018
Der viel zu niedrige Preis für eingespeisten Strom (z.bsp. EKZ) ist das Hauptproblem in vielen Gemeinden. Eine PV-Anlage sollte in spätestens 10 Jahren amortisiert sein.
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