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So ein Outstanding Achivement Award wie 2017 für DJ Bobo macht sich sehr gut als Türstopper.
So ein Outstanding Achivement Award wie 2017 für DJ Bobo macht sich sehr gut als Türstopper.
Bild: KEYSTONE

Frauen an der Viehschau musikalischer Manneskraft? Die Swiss Music Awards sind hilflos

Alle wollen eine Veränderung der Musikszene zugunsten von Frauen, auch die Swiss Music Awards. Was sie dafür tun? Sie hoffen, Lottomillionär zu werden, ohne Lotto zu spielen. Dabei gibt es pointierte Meinungen. Etwa von Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch.
08.02.2018, 15:3609.02.2018, 18:25

Mit 16 beschliesst die Baslerin La Nefera, nicht mehr nur zu tanzen, sondern auch zu rappen. Ein Mann sagt: «Ich hab einen Beat für dich! Ob du den auch wirklich kriegst oder nicht, hängt davon ab, wie gut du beim Blasen bist.» Charmant.

Die Bassistin Rafaela Dieu von Zeal & Ardor hat schon erlebt, dass die Security sie nicht in den Backstage-Bereich lassen oder von der Bühne holen wollte, weil man sie für ein Groupie hielt. Bei einem Openair wurde sie als «Bassschlampe» beschimpft, obwohl sie Jeans und T-Shirt trug. Andere prophezeiten ihr in High-Heels mehr Erfolg.

La Nefera mit «Odio»

Es sind die immer gleichen Geschichten, es gibt immer «diesen Mann» oder die sexistische Security, Salome Buser, die Bassistin von Stiller Has hat sie genauso auch schon erzählt. Aber wieso gibt es sie? Weil es an Role Models fehlt, an Selbstverständlichkeit, an Breite, sagt Brandy Butler, die sich bei der Koordinationsstelle Helvetiarockt engagiert. Als sie jung war und sich für Jazz interessierte, war Candy Dulfer die einzige Frau weit und breit, und die war nicht ihr Fall.

Viele Vorbilder geben Sicherheit, Selbstbewusstsein, Marktpräsenz, Netzwerke, Normalität. Ausnahmen bleiben Ausnahmen.

Brandy Butler mit «Spell»

La Nefera, Dieu und Butler sitzen auf einem von zwei Panels einer typischen Pflästerli-Veranstaltung. Frauen sind hässig, dass sie an den Swiss Music Awards (SMA) nicht vorkommen und dass Oliver Rosa, der Chef der SMA, sagte, Frauen wollen halt einfach nicht so gerne auf die Bühne. Zur Schadensbegrenzung machen die SMA zwei Abende vor der Awardshow 2018 ein «Side Event» im Zürcher Kulturhaus Kosmos zum Thema «Hat die Schweizer Popmusik ein Frauenproblem?». Okay, aber was sind die SMA schon wieder? Muss man die kennen?

Panel Nr.1: La Nefera, Brandy Butler, Moderatorin Reena Thelly, Rafaela Dieu, Eliane (v.l.).
Panel Nr.1: La Nefera, Brandy Butler, Moderatorin Reena Thelly, Rafaela Dieu, Eliane (v.l.).
bild: sme

Also, die SMA, die heuer zum elften Mal stattfinden, sind sowas wie das «SRF bi de Lüt» der Popszene. Also massivst uncool. Oder wie die Musikerin Evelinn Trouble auf Facebook schreibt:  «Die Show ist, was sie ist. Don't ask a penguin to fly just because she is a bird.» Einmal kamen die SMA auf die irre Idee, Roger Köppel als Laudator von Krokus einzuladen. Gölä ist da immer noch ein Grosser. Und Trauffer.

Die SMA sind die eidgenössische Viehschau musikalischer Manneskraft. Mit einer Academy aus 8 Frauen, aber über 40 Männern.

Zeal & Ardor mit «Don't You Dare»

Zu den Hässigen gehört auch Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch, die den Abend eröffnet: «Vor einem Jahr habe ich an der Jubiläums-Verleihung der Swiss Music Awards 2017 live miterlebt, wie 15 von 16 der Awards 2017 an Musiker gingen. Die einzige Musikerin ist in der Kategorie ‹Best Female Solo Act› – da mussten sie eine Frau nehmen – ausgezeichnet worden. Das hat mich so geärgert, dass ich den Zuständigen einen Brief geschrieben habe.»

Corine Mauch.
Corine Mauch.
Bild: Jen Ries

Mauch benennt, was der Abend eigentlich leisten müsste, nämlich die grosse Strukturkritik:

«Ich möchte Ihnen empfehlen, an der heutigen Veranstaltung nicht nach einfachen, biologistischen und pauschalisierenden Erklärungen zu suchen, im Sinne von: ‹Frauen haben halt das Rampenlicht nicht so gern.› Das ist erstens falsch, ich beweise es. Wie in Politik und Wirtschaft gilt auch in der Kultur: Der Grund für die Untervertretung der Frauen sind Machtstrukturen und Geschlechterrollen. Diese müssen wir hinterfragen und aufbrechen.

Und zweitens bringt es uns keinen Schritt näher an eine bessere Vertretung von Frauen in Rock und Pop, wenn wir darüber sinnieren, ob sich Frauen im Übungsraum vielleicht weniger Mühe geben als Männer. Auch wenn ich selbst nicht als Musikerin Karriere gemacht habe, weiss ich: In den Übungskellern und Tonstudios, in den Ausbildungen und auf den kleinen und mittleren Bühnen – da gibt es ganz viel Frauenpower. Und wenn ich an die grössten, verkaufsstärksten internationalen Stars denke, dann kommen mir primär Frauen in den Sinn.»
Corine Mauch

Leider passiert das nicht. Sängerin Eliane, die 2012 «Die grössten Schweizer Talente» gewann und aktuell die erfolgreichste Schweizer Musikerin ist, sinniert lieber darüber nach, dass für sie die Kleiderfrage vor einem Konzert so viel bestimmender sei als für Männer.

Eliane mit «Venus & Mars»

Und Oliver Rosa, quasi der Bösewicht des Abends, sieht auf dem zweiten Panel keinen Ausweg aus den Statuten der SMA, die verlangen, dass ausgezeichnet werde, was der Markt schon ausgezeichnet hat. Zudem gäbe es da unzählige Kategorien zu berücksichtigen. «Wenn ihr so viele Kategorien habt», fragt Niklaus Riegg vom Zürcher Popkredit, «wieso ist Gender dann keine?»

Fasst man Rosas langfädige  Rechtfertigung zusammen, so sagt er nichts anderes, als dass Schweizer Künstlerinnen kommerziell gesehen halt einfach weniger wert seien als Schweizer Künstler.

Ursina mit «Behind Us»

Die Bündnerin Ursina spielte im Kosmos ein Showcase. Es war zum Heulen schön, und die teure Soundanlage im Kinosaal machte einen fantastischen Job.

Womit wir natürlich bei einem nächsten Problem sind: Es gibt genau drei Frauen die auf den Radiosendern SRF 1 und SRF 3 unter den Top 20 der meist gespielten Schweizer Musikerinnen und Musiker sind, nämlich Sina, Stefanie Heinzmann und Francine Jordi. Und betrachtet man sich die Schweizer Popberichterstattungen, dann ist die im Schnitt männlich, nicht gerade jung und auf Bob Dylan fixiert. Weibliche Vorbilder? Wären grossartig. Nachhilfe bieten da die Berner Ladies der Plattform Rockette. 

Und was ist mit den Festivals? Stolze 35 Prozent Frauen hat Marion Meier letztes Jahr am Zürich Openair programmiert. Also 65 Prozent Männer. Es gebe zuwenig Frauen als Headliner, klagt Rosa. Ja, aber woher sollten sie denn kommen, wenn sie nicht aufgebaut wurden?

Panel Nr. 2:  Julie Born (Sony), Oliver Rosa (SMA), Reena Thelly, Marion Meier (Zürich Openair), Niklaus Riegg (Zürcher Popkredit, Ressortleiter Jazz/Rock/Pop bei der Stadt Zürich, v.l.).
Panel Nr. 2:  Julie Born (Sony), Oliver Rosa (SMA), Reena Thelly, Marion Meier (Zürich Openair), Niklaus Riegg (Zürcher Popkredit, Ressortleiter Jazz/Rock/Pop bei der Stadt Zürich, v.l.).
bild: sme

Rosa delegiert alle nötigen Schritte an – die Frauen natürlich. Wenn sie eine «Plattform» bauten, so wäre er der erste an ihrer Seite, aber erst dann. Genau so gut könnte er davon träumen, Lottomillionär zu werden, ohne Lotto zu spielen. Pardon, fragen einige, aber hat nicht er selbst mit den SMA die grösstmögliche Plattform? Ja, schon, aber ... Es ist die Rhetorik einer Gummiwand.

Ikan Hyu mit «Plastic For Free»

Ikan Hyu spielten ebenfalls ein Showcase und begeisterten mit Hai-Visuals.

Schade. Schliesslich sind die SMA bei allem Kommerz eine Veranstaltung, die von der Kreativität lebt. Könnte man sie nicht kreativ sabotieren? Am Freitag ein wenig Action ins Hallenstadion bringen? Mal einfach alles anders machen? Mal wieder die Musik, Coolness und Streetcredibility feiern und nicht die – in der Schweiz eh nicht sonderlich bedeutenden – Zahlen? Wär das was? Na?

Denn, wie Brandy Butler sagte: «Vor fünfzehn Jahren war die Schweizer Musikszene ein Baby, heute ist sie etwas Riesiges, Wunderschönes.» Das bekämen wir gern zu hören und zu sehen.

Hitproduzent Dodo hat die ultimative Pop-Formel, sagt er.
Einige Steinchen hat sie ihm auf jeden Fall bereits beschert:

Video: watson/lya saxer, nico franzoni

53 Bilder, die zeigen, warum Frauen länger leben als Männer

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