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Sieht einer Daunenjacke ähnlich, ist aber mit Sand gefüllt: therapeutische Sandweste. bild: beluga healthcare 

Wie deutsche Lehrer Zappelkinder ruhigstellen – und sich Schweizer Mütter darüber ärgern

Deutsche Lehrer ziehen unruhigen und konzentrationsschwachen Kindern Sandwesten an, damit sie stillsitzen. In der Schweiz gibt es die umstrittene Praxis nicht, auch wenn sich das gewisse Eltern wünschen.



Sie wiegen zwischen 1,2 und sechs Kilo und kommen in Schulen in Hamburg zum Einsatz: Sandwesten, mit denen unruhige und konzentrationsschwache Kinder ruhiger sitzen sollen. 

Das Konzept: Das Gewicht der Westen soll dazu führen, dass die Kinder ihren Körper besser spüren und so dem Unterricht fokussierter folgen können. Ein Hersteller wirbt gar mit einer «deutlichen Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit». Die Westen würden sich als Therapie oder als Therapie-Ergänzung bei vielen Krankheitsbildern von Patienten eignen, heisst es auf der Webseite des Anbieters weiter. 

«Foltermethode»

Verärgerte Mutter in Swissmom-Forum

Die Gewichtswesten sind umstritten. In den sozialen Medien und in deutschen Zeitungen wird seit Wochen kontrovers darüber diskutiert. Auch ein Forum der Schweizer Seite «Swissmom» hat das Thema unter dem Titel «Zappelkinder ruhiggestellt» aufgegriffen. Die Userinnen betiteln die Westen unter anderem als «Foltermethode», die nur zum Einsatz käme, weil Eltern und Lehrer mit den Kindern überfordert seien. Wichtig sei laut den Kommentatorinnen eine professionelle Therapie, mit «Psychomotorik, Ergotherapie, Physiotherapie, Neurofeedback und Sonstigem».

Auch Ärzte melden Bedenken an. Denn wissenschaftlich belegen lässt sich das Wirken der Gilets nicht. Philippe Luchsinger, Präsident Haus- und Kinderärzte Schweiz: «Es wäre ja zu einfach, wenn man jedem auffälligen Kind einfach eine Weste anzieht, und er danach gesund ist! Diese Kinder brauchen eine professionelle Abklärung und Betreuung. Alles andere ist unverantwortlich.» 

Damit vertritt er die selbe Meinung wie seine deutschen Kollegen. Dort fordern Kinderärzte nun das Aus für umstrittenen Schüler-Sandwesten, wie die Zeitung «Welt »schreibt. Auch Stefan Renz, Landesvorsitzende des Kinder- und Jugendärzteverbands in Hamburg, äussert sich in der «Deutschen Ärztezeitung» eindeutig: «Die Sandwesten sind unsäglich.» Ein den Unterricht störendes Kind könne viele Gründe haben, unruhig zu sein. Diese müssten sorgfältig abgeklärt sein.

Stigmatisierende Wirkung 

Hierzulande kommen Gewichtswesten in den Klassenzimmern nicht zum Einsatz. Und laut dem Leherverband soll das auch so bleiben. Franziska Peterhans, Zentralsekretärin: «Dass es verlockend scheint, einer komplexen Situation mit einer so einfachen Lösung wie dem Anziehen einer Weste zu begegnen, sehe ich. Aber die pädagogische Arbeit mit Kindern ist nicht so einfach – Schwierigkeiten von Kindern haben oft vielschichtige Ursachen.» Entsprechend muss mit angepassten Massnahmen oder nach sorgfältiger Abklärung und Diagnose allenfalls auch mit einer gezielten Therapie reagiert werden.

World of Watson: Lehrer-Typen

Video: watson

Solche Massnahmen hätten zudem eine diskriminierende Wirkung. Peterhans: «Wenn wir in unserem Land mit der integrativen Schule erreichen wollen, dass Kinder nicht ausgeschlossen und stigmatisiert werden, dann wäre es kaum richtig, nun innerhalb des Schulzimmers mit Westen kenntlich zu machen, welche Schüler oder Schülerinnen ein Problem haben.»

«Wie ein behutsames Handauflegen.»

Hamburger Lehrerin lobt die Westen in der deutschen Ärztezeitung.

Bei der hamburger Lehrerschaft hingegen sind die Westen beliebt. Eine Lehrerin vergleicht den Effekt der Sandwesten in der Ärztezeitung mit einem «behutsamen Handauflegen». Lehrer, die die Sandwesten einsetzen, haben laut Schulbehörde Fortbildungen besucht, bei denen sie sich über die Einsatzmöglichkeiten der Westen informiert haben, oder sind von Fachpersonal in die Nutzung der Westen eingewiesen worden. Diese schulinternen Fortbildungen seien von Ergotherapeuten, Sonderpädagogen oder Förderkoordinatoren durchgeführt worden. 

Ausserdem variiere die Tragezeit je nach Einzelfall und besonders je nach Zustimmung des Kindes. In die Westen gezwungen werde niemand. 

Zuspruch von betroffenen Familien 

Auch im Swissmom-Forum nehmen beachtlich viele Nutzerinnen die Massnahme in Schutz. So zum Beispiel die Userin «Minchen». Sie schriebt: «Ich kann mir vorstellen, dass das in einem mulitmodalen Ansatz eine Möglichkeit ist, Kindern zu erleichtern, sich besser zu spüren.» Man solle bei solchen Themen die Eltern von betroffenen Kindern nach ihren Meinung und Erfahrung fragen und aufhören, ungewohnte Massnahmen direkt zu verurteilen. 

Das hätten die User in der Schule lieber gelernt

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Die Userin mit Pseudonym «Phase 1» schreibt, Kinder mit Aufmerksamkeit-Defizit zu haben: «Das sind (...) wirklich gute Sachen. Wenn meine von ADHS betroffenen Kinder austicken, hilft auch, sie zu halten und fest zu drücken.» Sie wünsche sich deshalb, dass Sandwesten auch in der Schweiz zum Einsatz kämen. 

Bei den Kindern jedenfalls sollen die Westen beliebt sein. Wie faz.net schriebt, werde in den Schulzimmern jeweils rege diskutiert, wer sie zuerst tragen dürfe.

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