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Weltärzte-Chef Frank Ulrich Montgomery: «2G muss in der Schweiz Thema werden»

Zutritt nur für Geimpfte und Genesene auch in der Schweiz – ohne drastische Massnahmen würde die Corona-Pandemie nicht zu stoppen sein, sagt Weltärzte-Vorstand Frank Ulrich Montgomery. Und: Das Impfzertifikat soll ohne «Booster» früher seine Gültigkeit verlieren.
12.11.2021, 09:14
Christoph Reichmuth, Berlin / ch media

Die Corona-Zahlen schiessen wieder in die Höhe, es sieht noch drastischer aus als vor einem Jahr. Wie konnte das denn «passieren»?
Frank Ulrich Montgomery:
Die Politik liess sich die Bevölkerung zu früh in Sicherheit wiegen. Das führte dazu, dass die meisten Menschen auf die Schutzmassnahmen verzichtet haben. Auch weil sie glaubten, die Impfung würde sie sehr lange und sehr intensiv schützen.

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Als die Impfstoffe auf den Markt gekommen waren, hiess es, diese würden lange und nachhaltig schützen. War das eine Fehlinformation – oder einfach eine Wissenslücke der Hersteller?
Die Dauer des Impfschutzes konnte man in Studien nicht überprüfen, das lässt sich erst über einen längeren Zeitrahmen bestimmen. Uns fehlen noch heute valide Aussagen über den Impfschutz. Wir wissen, dass auch Geimpfte an Corona erkranken können. Wir wissen aber auch, dass sie viel weniger stark erkranken. Deshalb sind die «Booster»-Impfungen nun auch so wichtig. Wir brauchen einen klaren Appell, dass 6 Monate nach der Impfung eine Auffrisch-Impfung nötig ist.

Zutritt zu diesem Restaurant in Stuttgart gibt es nur für Geimpfte und Genesene. Frank Ulrich Montgomery hält das 2G-Modell, das Ungeimpfte faktisch ausschliesst, auch für die Schweiz für sinnvoll.
Zutritt zu diesem Restaurant in Stuttgart gibt es nur für Geimpfte und Genesene. Frank Ulrich Montgomery hält das 2G-Modell, das Ungeimpfte faktisch ausschliesst, auch für die Schweiz für sinnvoll.Bild: keystone

Nach dieser Logik müsste also auch das Impfzertifikat nach 6 Monaten seine Gültigkeit verlieren?
Die Gültigkeitsdauer des Zertifikats muss nach wissenschaftlichen Kriterien beurteilt werden. Es darf nur solange gültig sein, wie die Immunität hält. Danach kann es nicht mehr gelten.

Was halten Sie von Plänen, nur noch Geimpfte und Genesene am gesellschaftlichen Leben in Innenräumen - mit Ausnahme etwa von Einkaufszentren – teilnehmen zu lassen?
Wir brauchen momentan leider tatsächlich eine konsequente Umsetzung der 2G-Regeln.

Dann dürften auch Menschen, die heute doppelt geimpft sind, beispielsweise sechs Monate nach dem vollen Impfschutz nicht mehr in Kneipen und Theatern?
Wenn wir wissenschaftlich belegen, dass man nach sechs Monaten den vollen Impfschutz ohne Boostern verliert, muss auch die Gültigkeit des Zertifikats nach sechs Monaten enden. Hier geht es nicht um Wünsche, sondern um Wissenschaft.

Zutritt in Kinos, Kneipen oder Theater nur für Geimpfte und Genesene – das kommt doch einer Impfflicht durch die Hintertüre gleich?
Nein. Jeder Mensch hat es selbst in der Hand, was er tut. Wer sich nicht impfen lässt, muss die Folgen seines unverantwortlichen Handelns tragen. Selbstverständlich braucht es beim 2G-Modell Ausnahmen für Menschen, die nicht impfbar sind oder für die noch keine Impfempfehlung vorliegt. Aber wer sich impfen lassen kann und es trotzdem nicht tut, handelt aus freien Stücken. Von Zwang kann keine Rede sein.

Der gebürtige Hamburger Radiologe und Professor Frank Ulrich Montgomery, 69, ist Vorsitzender des Weltärztebundes (WMA). Der WMA ist ein Zusammenschluss weltweiter nationaler Ärzteverbände.
Der gebürtige Hamburger Radiologe und Professor Frank Ulrich Montgomery, 69, ist Vorsitzender des Weltärztebundes (WMA). Der WMA ist ein Zusammenschluss weltweiter nationaler Ärzteverbände.bild: imago

Sollte auch die Schweiz auf das 2G-Modell setzen?
Ich glaube ja. Wenn es stark steigende Inzidenzen gibt wie auch in der Schweiz, muss 2G zum Thema werden. Natürlich muss 2G dann nicht flächendeckend eingeführt werden. Im Zürcher Bankenviertel ziemlich sicher, auf der Rütli-Wiese hingegen kaum.

Österreich hat das 2G-Modell Anfang November eingeführt - trotzdem steigen auch dort die Zahlen und es ist schon die Rede von Lockdowns.
Alleine die Verkündung von 2G heisst nicht, dass sich daran auch alle halten. Zudem wirken sich Massnahmen von heute verzögert aus. Wir werden in zwei bis drei Wochen den Effekt von 2G sehen.

Die Schweiz wirkt im Kampf gegen Corona etwas zögerlich. Das erinnert an den letzten Spätherbst. Hat die Schweiz nichts gelernt aus der Vergangenheit?
Ich glaube, dass die Schweiz, Österreich und Deutschland sehr ähnlich auf das Virus reagieren. Was ich eigentlich überall sehe ist, dass die Politik zu wenig Mut hat, auch mit konsequenten Massnahmen durchzugreifen. Es ist ein katastrophales Versagen der Politik, die den Menschen noch immer nicht klar gemacht hat, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist.

Ein Skifahrer fährt mit dem Sessellift «Ice Flyer» auf dem Titlis. Geht es nach dem Weltärzte-Chef, soll es diesen Winter nur so auf den Gipfel gehen – nicht in einer voll besetzten Gondel.
Ein Skifahrer fährt mit dem Sessellift «Ice Flyer» auf dem Titlis. Geht es nach dem Weltärzte-Chef, soll es diesen Winter nur so auf den Gipfel gehen – nicht in einer voll besetzten Gondel.Bild: keystone

Wird es auch in diesem Winter nicht ohne Lockdowns und Kontaktbeschränkungen gehen?
Isoliert werden lokale Lockdowns für Ungeimpfte nicht zu verhindern sein. Wir müssen die Verbreitung des Virus bremsen. In jeder Infektion steckt das Risiko einer schweren Erkrankung, aber auch das Risiko einer weiteren Mutation des Coronavirus. Aus jeder Mutation können neue, gefährliche Virus-Varianten entstehen.

Das heisst aber umgekehrt, dass es Lockdowns für Geimpfte nicht mehr geben wird?
Da bin ich nicht sicher. Wir müssen alles tun, Lockdowns zu verhindern. Aber ausschliessen kann man sie nicht.

«So werden wir die Pandemie überhaupt nie los. Dann müssen wir uns regelmässig impfen, beispielsweise einmal jährlich.»

Wie hoch muss die Impfquote sein, um das Virus auszubremsen?
Eine genaue Quote kann ich Ihnen nicht nennen. Wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, ob man auch Kinder impfen lassen soll. Ich bin der Meinung, dass das kommen wird. Wenn wir es nicht schaffen, in allen Bevölkerungsgruppen einen möglichst hohen Impfschutz zu erreichen, wird das Virus ein dauerhaftes Reservoir in unserer Gesellschaft für seine Existenz vorfinden. Die Ungeimpften werden dann auch in die Gruppe der Geimpften hinein infizieren. So werden wir die Pandemie überhaupt nie los. Dann müssen wir uns regelmässig impfen, beispielsweise einmal jährlich.

Sie sprachen kürzlich davon, dass wir in Europa eine «Pandemie der Ungeimpften» sähen.
Es ist eine Pandemie für alle, aber die Ungeimpften sind die Infektionstreiber. Denn bei dieser Ansteckungsfähigkeit des Virus wird es jeden erwischen, der sich ungeimpft frei in der Gesellschaft bewegt. Ungeimpfte laufen Gefahr einer schweren Erkrankung, die bis zum Tod führen kann. Auf den Intensivstationen in Deutschland ist das Gros der Patienten heute nicht mehr 80 Jahre und älter, sondern zwischen 30 und 60 Jahre alt. Ungeimpfte können aber auch Geimpfte mit dem Virus infizieren.

Weihnachten naht. Die Menschen wollen zu Weihnachtsmärkten, mit der Familie feiern. Und in den Alpen wollen viele Skifahren. Ist das realistisch?
Die Messe ist noch nicht gelesen. Man kann ja in den Schweizer Bergen auch mit dem Sessellift statt in einer voll besetzten Gondel auf den Gipfel fahren. Wir müssen in diesem Winter sicher noch auf Hygienemassnahmen setzen, die Maske tragen, auch unnötige Kontakte vermeiden.

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