Schweiz
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Fabio Zgraggen bei einem Suchflug im Mai 2016. Bild: Sarah Serafini

Interview

Schweizer Piloten dürfen keine Flüchtlinge mehr retten: «Jetzt steigt die Zahl der Toten»

Fabio Zgraggen darf mit seiner humanitären Piloteninitiative keine Suchoperationen mehr über dem Mittelmeer fliegen. Die maltesischen Behörden haben ihm die Starterlaubnis entzogen.



Der Appenzeller Fabio Zgraggen ist Mitgründer der humanitären Piloteninitiative. Seine Mission: Dem Sterben vor der europäischen Küste nicht länger zuzuschauen. Im Sommer 2016 flog er mit seinem Team den ersten Seenotrettungsflug über dem Mittelmeer. Doch nun stellen sich dem 33-Jährigen die maltesischen Behörden in den Weg. Sie hindern den Piloten an weiteren Rettungsflügen.

Fabio Zgraggen, Ihrer humanitären Piloteninitiative wurde die Startbewilligung für Rettungsflüge vor der libyschen Küste entzogen. Warum?
Fabio Zgraggen: Das kam von einem Tag auf den nächsten und ohne eine Erklärung. Zwei Jahre lang konnten wir unsere Suchaktionen vor der libyschen Küste problemlos durchführen. Vor zwei Wochen intervenierte die maltesische Behörde.

«Es entsteht ein riesiger blinder Fleck auf dem Meer. Das Einzige, das wir beobachten können, ist, wie die Zahl der Toten ansteigt.»

Woher rührt das plötzliche Umdenken?
Darüber können wir nur spekulieren. Ich vermute aber, dass politischer Druck dahinter steckt.

Worauf stützen sich die Malteser in ihrem Entscheid?
In einem Brief schreiben die Behörden, Such- und Rettungsflüge würden nicht bewilligt, sofern es dafür keine Aufforderung von Malta oder Italien gibt. Das Absurde daran ist, dass es für solche Rettungsflüge gar keine Bewilligung braucht. Wir sind privat organisiert und finanziert. Wir brauchen keine Aufforderung von einem Land für unsere Einsätze.

Also handelt die maltesische Behörde unrechtmässig?
Aus unserer Sicht schon. Wir besitzen sämtliche nötigen Papiere, haben ausgebildete Piloten und erfüllen alle Anforderungen, um unser Flugzeug zu betreiben. Von den Behörden haben wir Antworten gefordert, doch wir werden total abgeblockt. Man kommuniziert nicht mit uns.

Tun Sie etwas gegen den Entzug der Startbewilligung?
Wir haben einen Anwalt eingeschaltet. 

Seit zwei Wochen fliegen Sie also keine Einsätze mehr im Mittelmeer. Hat das Konsequenzen für die Situation vor der libyschen Küste?
Ein grosses Problem ist, dass nun niemand mehr weiss, was dort passiert. Es entsteht ein riesiger blinder Fleck auf dem Meer. Das Einzige, das wir beobachten können, ist, wie die Zahl der Toten ansteigt. Und das massiv.

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Diese Flüchtlinge konnten im letzten Moment gerettet werden. Bild: zvg/hpi

Was heisst das?
Die internationale Organisation für Migration zählte im Juni auf der zentralen Mittelmeerroute bereits 564 Tote. In den Vormonaten waren es zwischen zehn und zwanzig Toten. 

Vor etwas mehr als einem Jahr konnte ich mit den humanitären Piloten mitfliegen und war bei mehreren Such- und Rettungsaktionen vor der libyschen Küste dabei. Was hat sich seither an der Situation auf dem Mittelmeer verändert?
Die Situation unten im Wasser hat sich massiv verändert. Die italienische Küstenwache hat sich komplett zurückgezogen, die Schiffe von Nichtregierungsorganisationen dürfen zum Teil nicht mehr auf Rettungsmission gehen und werden im Hafen blockiert. Auf der anderen Seite dürfen die wenigen Schiffe, die vor Ort noch retten, nicht mehr in den italienischen Häfen anlegen. Das Schiff der NGO «Open Arms» beispielsweise musste bis nach Spanien fahren, um die geretteten Personen abzuladen. So verstreicht wertvolle Zeit – Zeit, in der Menschen ertrinken.

Die NGOs, die im Mittelmeer agieren, gerieten in der Vergangenheit zunehmend in die Kritik. Ihnen wurde vorgeworfen, ein Pull-Faktor zu sein, der die Flüchtlinge auf das gefährliche Meer treibt.
Die Zahlen der ertrunkenen Menschen vom letzten Monat sind die traurige Bestätigung, dass das nicht stimmt. Die Leute steigen in die Boote wegen der Situation in ihren Ländern und der Situation in Libyen. Sie steigen in die Boote, weil sie keine andere Option haben. Und jetzt liess man sie voll ins Messer laufen.

«Flüchtlinge nach Libyen zurückzuschaffen, verstösst gegen die Genfer Flüchtlingskonvention.»

Sie klingen wütend.
Es macht mich tatsächlich wütend. Momentan werden wir daran gehindert, Menschenleben zu retten. Es ist, als würde ein Rettungsfahrzeug nicht zu einem Unfall gelassen. In der Schweiz wäre das eine strafbare Handlung.

Sie schätzen das Verhalten der Behörden als strafbar ein?
Diese Frage müsste ein Gericht beurteilen. Was ich dazu sagen kann, ist: Momentan werden aktiv Rettungskapazitäten zurückgehalten, die in den letzten Jahren einen unglaublichen Job geleistet haben und so die Zahl der Toten massiv eindämmen konnten. Dass jetzt mehr Menschen sterben, sehe ich als Folge des Verhaltens der Behörden.

Muss jetzt die libysche Küstenwache aufgestockt werden?
Sie bekommt dieser Tage ja bereits sieben neuen Patrouillenboote von der italienischen Regierung. Doch ich möchte auf die humanitäre Situation in Libyen aufmerksam machen, die nach wie vor schlimm ist. Flüchtlinge nach Libyen zurückzuschaffen, verstösst gegen die Genfer Flüchtlingskonvention. Eine Aufstockung der libyschen Küstenwache ist also nicht in unserem Interesse.

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Fabio Zgraggen mit seinem Team und dem Kleinflugzeug. Bild: Sarah Serafini

Sie standen in den vergangenen Jahren pausenlos im Einsatz mit Ihrem Flugzeug über dem Mittelmeer. Wie geht es Ihnen jetzt dabei, tatenlos herumzusitzen?
Von früheren Rettungseinsätzen weiss ich, wie es aussieht, wenn die Hilfe zu spät kommt. Ich kann mir also im Ansatz vorstellen, was für Szenen sich gerade dort auf dem Meer abspielen. Das macht mich unglaublich betroffen.

Wie geht es jetzt weiter?
Wir setzen alles daran, so schnell wie möglich wieder in die Luft zu kommen. Wir ziehen auch andere Standorte in Erwägung. Solange wir Menschenleben retten können, wollen wir weiterfliegen. Doch etwas möchte ich hier noch anfügen: Die beste Luftaufklärung nützt nichts, wenn die Rettung unten auf dem Meer fehlt. Es ist ein ganzes System, das derzeit umgestellt wird. Das muss aufgehalten werden.

Schweizer schauen nicht länger zu, wie Flüchtlinge ertrinken

Video: Angelina Graf

Private Seenotretter im Mittelmeer

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