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Ein Bild, das zu reden gab: Kerstin Cook im Februar 2017 auf Instagram.  Bild: Instagram/KerstinCook

Interview

Kerstin Cook im Interview: «Ja, ich gelte jetzt als ‹Curvy-Model›»

2010 wurde sie zur schönsten Frau der Schweiz gewählt. Sieben Jahre später rebelliert Kerstin Cook gegen den Magerwahn und «hat das Hungern satt», wie sie selbst sagt. Wie hat dieser Entscheid ihre Karriere verändert? Ein bemerkenswert offenes Gespräch mit der einstigen Miss Schweiz über den Zustand der Modebranche und ihr Schlüsselerlebnis in Miami.



Kerstin Cook hatte genug gehungert. Und sie machte kein Geheimnis daraus. «Ich liebe meine Kurven. Jetzt habe ich Normalgewicht», sagte sie im Februar dem «Blick» und verriet, dass sie acht Kilos zugenommen habe. Der Artikel löste Bewunderung aus – aber auch viel Häme: Kerstin Cook und dick? Ein Hohn für alle, die gegen ihre eigenen Kilos kämpfen!

Die Miss Schweiz von 2010 blieb unbeirrt. Auf den sozialen Medien postet sie regelmässig Bilder mit dem Hashtag «Curvy Model». Hungern will sie nicht mehr. Dass dieser Weg nicht nur einfach ist, gibt sie unumwunden zu. Aber auch, dass sie Angst hat, in alte Muster zurückzufallen.

Kerstin, in Paris soll ein neues Gesetz gefährliches Untergewicht bei Mannequins verhindern – ein Mager-Model-Verbot …
Kerstin Cook: Ich glaube, das wird nicht viel nützen.

Warum nicht?
Die Models in Paris werden auch in Zukunft dünn bleiben. Nicht alle sind von Natur aus so – viele essen einfach nichts, weil sie kein Geld haben und weil sie dünn sein müssen. Andere nehmen Drogen oder stopfen sich mit Watte voll.

«Ich habe mich selbst verloren in diesem Prozess. Ich habe aufgehört zu essen und meine Gesundheit litt stark darunter.»

Kerstin Cook

Wie war das bei dir? Vor sieben Jahren wurdest du zur Miss Schweiz gewählt, hast auch du den Druck verspürt weiter abzunehmen?
Alle sagen dir immer, wie du sein musst. Wie du aussehen musst, was du essen darfst und was nicht. Die Agenturen sagten mir, du musst viel dünner sein, du musst abnehmen. Wenn man jung ist, will man diesem Idealbild einfach entsprechen. Man will so sein, wie alle einen haben wollen. Ich habe mich selbst verloren in diesem Prozess. Ich habe aufgehört zu essen und meine Gesundheit litt stark darunter. Ständig war ich krank. Ab dem Moment, als ich zur Miss Schweiz gewählt wurde, musste ich perfekt sein. Ich durfte mir keine Fehler erlauben. Das war schon eine taffe Zeit.

#tb – throwback in eine Zeit, als Kerstin auf vieles verzichten musste, um ihr Körpergewicht zu halten.  instagram: kerstincook

Wann kamst du an den Punkt, wo dir das zu viel wurde? Der ständige Verzicht, das ständige Abwägen, das permanente Hungern?
2015 in Miami erlebte ich einen Schlüsselmoment. Da haben sie mir gesagt: «Schau dich an, du siehst super aus, man sieht deine Knochen!» Ich freute mich über das Kompliment. Dann fuhr ich nach Hause, wo mich ein Freund auf meine Knochen aufmerksam machte und ich habe mich bei ihm bedankt. Er reagierte verwirrt und entgegnete, er habe das nicht als Kompliment gemeint … in diesem Moment ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Wenn sich Freunde bei dir über deinen besorgniserregenden Gewichtsverlust erkundigen, freust du dich? Das kann es doch nicht sein!

«‹Du siehst super aus, man sieht deine Knochen!› – Darüber habe ich mich tatsächlich gefreut.»

Kerstin Cook

Dennoch ist dein Körper dein Kapital. Wie schwer war die Entscheidung, aus dem Magerwahn auszubrechen und dich für dein eigenes Wohlbefinden und deine Gesundheit zu entscheiden?
Ich hatte extreme Angst, dass ich nicht mehr gebucht werde. Ich fürchtete mich vor den Konsequenzen. Dennoch habe ich mich zu dieser Entscheidung durchgerungen und meine Agenturen darüber informiert. Viele akzeptieren es, eine liess mich fallen. Die Agentur in Deutschland schmiss mich raus, in den USA waren sie bereit, mich zu unterstützen.

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Kerstin Cook heute ... bild: watson

epa02905513 A handout picture released by the Miss Universe Organization shows Miss Switzerland 2011, Kerstin Cook competing in Catalina Brasil Swimwear and fashion footwear by Chinese Laundry during the 2011 Miss Universe Presentation Show at the Credicard Hall in Sao Paulo, Brazil, 08 September 2011. The 2011 Miss Universe Competition will take place in Sao Paulo on 12 September.  EPA/DARREN DECKER / HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY

... und vor sieben Jahren, als sie zur Miss Schweiz gewählt wurde.  Bild: epa

Auf deine Gewichtszunahme haben auch einige Promis und Medien reagiert. Darunter auch Tamara Cantieni. Sie bezeichnete deine Gewichtszunahme als lächerlich. Du seist alles andere als dick ...
Das war ein riesiges Missverständnis. Ich habe niemals behauptet, ich sei dick geworden. Das ist lediglich so in den Medien verbreitet worden. Ja, ich habe zugenommen. Jetzt bin ich normalgewichtig und gesund. Ich esse, worauf ich Lust habe und in Massen.

Dieses Bild auf Instagram sorgte für Furore. In der Tele-Züri-Sendung Bos & Böser meinte Tamara Cantieni: «Das ist so lächerlich, ‹Ich habe das Hungern satt›. Das ist weit weg, um auch nur im Bereich von mollig zu sein!» instagram: kerstincook

«‹Curvy› in diesem Business kann man nicht wirklich ernst nehmen.»

Kerstin Cook

Trotzdem modelst du neu als «Curvy» Model. Zahlreiche deiner Instagram-Posts enthalten das Hashtag curvy.
Ja, ich gelte in der Branche als «Curvy». «Curvy» in diesem Business kann man aber nicht ernst nehmen. Hier wirst du einfach schubladisiert. Das Modebusiness ist wie eine Parallelwelt. Da gilt man schon beinahe als «Plus-Size»-Model obwohl man noch normalgewichtig ist. Ich habe auch schon eine «Plus-Size»-Kampagne von Calvin Klein angeschaut, wo die Models ganz normal aussahen. Sie waren alles andere als dick.

Das ist ja ein Hohn gegenüber Personen, die tatsächlich mit ihrem Gewicht zu kämpfen haben.
Ja, das ist es. Den Leuten wird ein Bild vermittelt, das nicht der Realität entspricht. Viele Models sind retuschiert, mit Photoshop bearbeitet oder operiert.

Kerstin an der Energy Fashion Night 2017. instagram: kerstincook

Auch du bist operiert. Du hast dir deine Brüste vergrössern lassen.
Ja. Ich habe mich oft im Spiegel angeschaut und gefunden, meine Proportionen stimmen nicht. Es passte einfach nicht. Und ja, ich fühlte mich auch von der ganzen Branche unter Druck gesetzt. Es wurde mir oft gesagt, meine Oberweite sei zu klein, oder es wurde nachgeholfen. Bei Unterwäsche- und Bikini-Shoots mussten sie immer ausstopfen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, finde ich es eigentlich schade, dass ich mich davon so beeinflussen liess. Ich fühlte mich nicht mehr wohl in meiner eigenen Haut.

Das heisst, du würdest dich nicht noch einmal operieren lassen? Doch. Das schon. Mir gefallen meine Brüste einfach sehr. Ich bin sehr zufrieden. Ich wünsche mir einfach, ich hätte es aus einem anderen Grund gemacht. Einfach weil ich es selbst so wollte, nicht weil mir das andere Leute aufgeschwatzt haben.

So sicher scheinst du nicht. Könnte es sein, dass du wieder in alte Muster zurückfällst und wieder zu hungern beginnst? Ich hoffe nicht, dass das passiert. Ich habe Angst, dass ich wieder in alte Muster zurückfalle und zu fest auf Voten der Labels höre. Detox und Verzicht – das macht einfach keinen Spass. Klar, man fühlt sich vielleicht gut, wenn man es geschafft hat auf etwas zu verzichten. Aber ich bin glücklicher, wenn ich auf nichts verzichten muss.

«Ich bin jetzt viel gesünder und glücklicher.» instagram: kerstincook

Du äusserst dich sehr kritisch über die ganze Branche. Bist aber immer noch ein Teil davon. Warum? Glaubst du, dass du je an einen Punkt kommst, wo du sagst, jetzt hab' ich die Schnauze voll?
Ja und nein. Ich arbeite sehr gerne als Model und mit verschiedenen Brands zusammen. Der negative Teil, der Druck auf das Aussehen, das ist ein kleiner Teil. Mein Job hat aber viele Seiten, die ich liebe. Man kann sehr kreativ sein, man kann sich in verschiedene Rollen versetzen, es ist sehr vielseitig, man kommt ziemlich in der Welt herum. Das Harte ist einfach, wenn sie dir an Castings ins Gesicht sagen: «Oh nein, das geht gar nicht». Das nimmt man dann ziemlich schnell persönlich. Obwohl es ja eigentlich nicht so gemeint ist. Das Label sucht einfach nach einem ganz speziellen Typ, den du eben einfach nicht verkörperst.

Das klingt irgendwie grausam. Vor allem wenn man sich das mit 14 Jahren anhören muss. Kann man so jung überhaupt differenzieren?
Mit 14 ist man, meiner Meinung nach, viel zu jung für das Mode-Business. Man muss sich zuerst selber finden, um hier zu überleben. Es gibt so viele Leidensgeschichten junger Mädchen, die krank wurden, ins Spital mussten, einfach weil sie diesem Druck nicht mehr Stand halten konnten. Es ist ein harter Job. Man ist oft getrennt von Freunden und Familien. Man reist oft alleine. Ausserdem sind die Körper dieser Mädchen noch gar nicht entwickelt. Und ihr Aussehen wird dann als Schönheitsideal propagiert. Das ist falsch …

In den Kinos läuft zurzeit der Film «Embrace – Du bist schön». Ein Film, der sich dem Body Shaming und eben jenen verzerrten Schönheitsidealen widmet. Was braucht es, um sich selber schön zu finden und sich im eigenen Körper wohl zu fühlen?
Ich glaube, es ist nicht eine Frage des Selbstbewusstseins. Mehr ein Prozess der Akzeptanz. Auch ich brauchte lange, um mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Und das Wichtigste: Wenn man gesund lebt, fühlt man sich automatisch wohl. 

Gibt es jemanden in der Mode Branche, den du als Vorbild siehst? Wer verkörpert deiner Meinung nach ein ‹gutes Model›? Cara Delevingne gefällt mir. Die zieht einfach ihr Ding durch. Sie hört auf niemanden. Eine Zeit lang arbeitete sie für Victoria's Secret, bis die ihr sagten, sie müsse mehr auf ihr Gewicht achten. Dann hat sie den Job einfach hingeschmissen und was anderes gemacht. Auch Ashley Graham hat für mich eine Vorbildfunktion. Sie zeigt ihren echten Körper, nicht nur retuschierte Bilder.

«There is no such thing as perfection!»

Ashley Graham präsentiert sich auf ihrem Instagram-Account so, wie sie ist. Natürlich und unbearbeitet, mit Dellen und Cellulite und schreibt dazu: «Perfektion, die gibt es nicht!»

«Cara Delevingne gefällt mir, die zieht einfach ihr Ding durch!»

bild: instagram/Caradelevingne

Vor einem Jahr hast du gesagt, dein grösster Traum sei es, an der Bikini Fashion Week in Miami mitzulaufen. Erfüllt sich dieser Traum in diesem Jahr?
Das ist tatsächlich immer noch mein Traum. Aber diesen Sommer klappt es leider nicht. Ich habe schlicht und einfach keine Zeit dafür. Nächstes Jahr klappt es dann hoffentlich.

Glaubst du, das klappt immer noch, trotz deiner ‹Gewichtszunahme›?
So wie ich Miami kenne, ja. Curvy-Models sind vor allem in den USA gefragt. Man muss einfach straff und fit sein. Dafür trainiert man dann halt ein paar Wochen.

Bikini Fashion Week 2018 in Miami, wird der Traum in Erfüllung gehen? instagram: kerstincook

Bei Models ist es ähnlich wie bei Spitzensportlern, irgendwann hat man das «Verfallsdatum» erreicht. Hast du schon Pläne für die Zukunft?
Ich mach' noch so lange weiter, wie es geht. Solange ich Aufträge und Kunden habe, die mich buchen, hör' ich nicht auf. Danach würde ich gerne selbständig bleiben. Ich bin auch bereits in der Planung eines Projekts, das ich auf die Beine stellen will. Dazu will ich aber nicht mehr verraten. Es hat etwas mit dem Bereich «Curvy» zu tun – und ich bin der Meinung, da fehlt noch einiges in der Schweiz.

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