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Interview

Grundeinkommen in Rheinau: «Niemand zeugt ein Baby, nur um mehr Geld zu verdienen»

Die Zürcher Gemeinde Rheinau will für ein Jahr das bedingungslose Grundeinkommen testen. Der Gemeindepräsident nimmt zum Experiment Stellung.
06.06.2018, 18:3707.06.2018, 08:09

Herr Jenni, genau vor zwei Jahren lehnte das Schweizer Stimmvolk die nationale Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen ab – auch Sie als SP-Mitglied legten ein Nein in die Urne. Nun wollen Sie in Ihrer Gemeinde das Experiment wagen. Warum?
Andreas Jenni: Es ist eine ganz andere Sache, ob man zu einem grundsätzlichen Wechsel Ja sagt oder jetzt zu diesem Versuch. Für mich war es damals einfach zu wenig realistisch. Ich konnte es mir gar nicht richtig vorstellen.

Profitieren sollen Erwachsene, die weniger als 2500 Franken pro Monat verdienen. Ausserdem erhalten Eltern für jedes Kind 625 Franken. Das Experiment wird also vor allem Familien nützen.
Ich gehe nicht davon aus, dass nur Kinder und Studenten profitieren. Wer schlussendlich wie profitiert, werden wir im Verlauf des Experiments herausfinden. Genau darum geht es ja: Es soll ein Jahr lang getestet werden, was die Menschen genau ändern, wenn sie ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten.

Andreas Jenni, Gemeindepräsident von Rheinau.
Andreas Jenni, Gemeindepräsident von Rheinau.Bild: zvg

Haben Sie ein Beispiel?
Eine der Testpersonen, die voll im Berufsleben steht, möchte gerne ihr Englisch aufbessern. Dank dem bedingungslosen Grundeinkommen kann sie es sich jetzt leisten, für drei Monate unbezahlten Urlaub zu beziehen und für einen Sprachaufenthalt nach England zu reisen. Die Voraussetzung ist, dass der Arbeitgeber mitspielt und die Stelle freihält.

Rechnen Sie jetzt mit einem Babyboom in Rheinau?
(Lacht.) Das wäre schön. Niemand zeugt ein Baby, nur um mehr Geld zu verdienen. Und wer jetzt kurzfristig nach Rheinau umziehen will, muss ich enttäuschen: Teilnehmen kann nur, wer bereits heute in der Gemeinde wohnt.

Wie wird die Gemeinde Rheinau vom Experiment profitieren?
Man spricht immer von Politik-Verdrossenheit. Das ist jetzt ein Experiment, in dem man Politik während einem gewissen Zeitraum eins zu eins erleben kann. Normalerweise muss der Stimmbürger ja nur ein Kreuzchen bei «Ja» oder «Nein» machen, alles ist sehr auf theoretischer Basis. Und jetzt hat er die Möglichkeit, bei einem Versuch mitzumachen und die Auswirkungen eines Entscheids mitzuerleben.

«Es war natürlich ein Überraschungseffekt, den wir so auch beabsichtigt haben.»

Wie sind die ersten Reaktionen nach der Gemeindeversammlung ausgefallen, an der Sie die Gemeindemitglieder über das Experiment informiert haben?
Es war natürlich ein Überraschungseffekt, den wir so auch beabsichtigt haben (lacht). Danach gab es skeptische Voten, aber auch solche, die es einen interessanten Ansatz finden. So zweifelten einige daran, ob ein solches Modell funktioniert und wie man das nötige Geld zusammenbringen kann. 

Wie viel wird das Experiment die Gemeinde kosten?
Die Gemeindekasse wird nicht belastet. Der Versuch soll über Crowdfunding und Stiftungen finanziert werden. 

Hat sich der Gemeinderat mit dem Entscheid, beim Projekt mitzumachen, schwergetan?
Der Gemeinderat musste einfach abklären, ob das Experiment seriös aufgegleist ist. Wie wir persönlich zum bedingungslosen Grundeinkommen stehen, spielte beim Entscheid keine Rolle, sondern es stellte sich die Frage, ob wir unseren Bürger die Möglichkeit bieten wollen, an diesem Versuch teilzunehmen. 

Das Experiment in Rheinau
Ab 2019 sollen im Zürcher 1300-Seelen-Dorf Rheinau das bedingungslose Grundeinkommen getestet werden. Wer daran teilnehmen will, muss bereits jetzt in der Zürcher Gemeinde wohnen. Zudem sind folgende Punkte zu beachten:

2500 Franken bekommen nur jene Testpersonen, die älter als 25 Jahre alt sind und nicht mehr als 2500 Franken im Monat verdienen oder Sozialleistungen erhalten.

Für ein Kind bis 18 Jahre erhält eine Familie 625 Franken pro Monat. 

Das Experiment soll sicher ein Jahr lang laufen und dabei dokumentarisch sowie wissenschaftlich begleitet werden.

Auf drei bis fünf Millionen Franken schätzen die Projektverantwortlichen die Kosten für das Experiment.

Hinter dem Experiment steckt die Schweizer Filmemacherin Rebecca Panian, die sich auf die Suche nach der idealen Gemeinde für das Projekt machte und mit der Gemeinde Rheinau fündig wurde.

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42 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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fant
06.06.2018 19:52registriert Oktober 2015
Zu 'Niemand zeugt ein Baby, nur um mehr Geld zu verdienen.': Wenn ich sehe, in welchem Abstand eine mir bekannte Familie, die Sozialhilfe bezieht, frischen Nachwuchs bekommt, wäre ich da nicht so sicher. Immer so, dass die Mutter gerade nicht arbeiten gehen muss... Ist vielleicht unfair, aber so sieht es von aussen aus.
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Yippie
06.06.2018 19:10registriert Februar 2016
Etwas schade ist die Begrenzung auf ein Jahr. Dadurch werden sich allenfalls gewisse Effekte nicht herauskristallisieren im positiven wie auch im negativen Sinne.
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Dickes Brötchen
06.06.2018 19:28registriert März 2016
"Niemand zeugt ein Baby, nur um mehr Geld zu verdienen".

Ich wette dagegen.
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