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Kommentar

Eine Demo ist wie Social Media mit viel mehr Kraft – Frauen, geht heut auf die Strasse!

Ein Plädoyer für die Kulturtechnik der Demonstration. Die überraschend oft überraschend viel zu bewegen vermag.
14.06.2019, 10:5914.06.2019, 11:25

Meine erste Demo erlebte ich mit fünf Jahren. Ich marschierte nicht mit, aber ich stand begeistert am Strassenrand und schaute zu, weil mein Vater gesagt hatte: «Das sind die Guten.» Eine von den Guten drückte mir eine leere Colaflasche in die Hand und sagte: «Sorry, aber kannst du das für mich entsorgen?» Nie vorher oder nachher hat mich ein Stück Abfall so glücklich gemacht.

Die Guten demonstrierten damals gegen den Bau des Atomkraftwerks Kaiseraugst. Und siehe da: Es wurde nicht gebaut! Der Protest der Bevölkerung war von durchschlagendem Erfolg. Obwohl niemand gewagt hatte, damit zu rechnen. Aber «wir» waren viele. Man nennt das Empowerment.

Kaiseraugst 1975: 15'000 fanden sich zu Demonstrationen, das Gelände für das geplante AKW wurde wochenlang friedlich besetzt, mit Erfolg.
Kaiseraugst 1975: 15'000 fanden sich zu Demonstrationen, das Gelände für das geplante AKW wurde wochenlang friedlich besetzt, mit Erfolg.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Wieso ich das schreibe? Wegen des Frauenstreiktags. Der nach einem inspirierend aktiven Tag landesweit in riesigen Demonstrationen und Partys zu Ende gehen soll.

Und weil eine junge Frau, eine tolle, toughe, deren Mund- und Schreibwerk tagtäglich auf Dutzende von Barrikaden steigt und diese spielend überwindet, eben sagte: «Mir ist eingefallen, dass ich noch gar nie auf einer Demo war.» Ich reagierte zunächst mit der ungläubigsten Ungläubigkeit dieses noch nicht alten Jahrhunderts.

Aber klar, man wird nicht als Demo-Baby geboren, man wird zum Demo-Baby gemacht. Oder auch nicht. Was also sollen die Demos?

Ganz einfach: Sie geben all den Artikeln, die in den letzten Wochen erschienen sind, all den Beiträgen, die gesendet wurden, noch einmal mit Wucht Masse und Gesichter. Wie Social Media, bloss dreidimensional. Sie helfen gegen Frust, Wut und Ohnmachtsgefühle. Sie liefern Bilder.

Der erste Frauenstreiktag 1991, Frauen versammeln sich auf dem Zürcher Helvetiaplatz zur Demo.
Der erste Frauenstreiktag 1991, Frauen versammeln sich auf dem Zürcher Helvetiaplatz zur Demo.Bild: keystone

Das grosse «Wir» solidarisiert sich mit all denen, die von Missständen betroffen sind, den Bäuerinnen ohne Lohn, den Verkäuferinnen, Kellnerinnen und Krankenschwestern mit dem kleinen Gehalt, den alleinerziehenden Müttern, denen, die Übergriffe und Gewalt erlebten, denen, die nicht streiken dürfen, jenen mit dem unerklärlichen kleinen Unterschied auf der Lohnabrechnung im Vergleich mit den Kollegen. Und vielen andern.

Zusammen sind wir die Hälfte vom Ganzen. Und Hälften haben nun mal gleich gross zu sein.

Meine eigene Demo-Geschichte ist dank der frühen Anti-Kaiseraugst-Initation eine reiche geworden. Manchmal – rückblickend kann man das ja zugeben – auch eine echt blöde. Als ich in Berlin studierte, war ich tatsächlich an einer Demo gegen die erste Loveparade. Ich glaube, wir waren nur dreissig. Wir fanden es einfach doof. Aber ich war auch an vielen wichtigen. Man kann zum Beispiel nicht genug gegen Faschismus demonstrieren, so lange es ihn gibt. Der Schlachtruf «Nie, nie, nie wieder Deutschland!» steckt mir noch immer in den Knochen.

In Rostock wurde damals ein Haus mit vietnamesischen Asylbewerbern von Faschos als Fackel der Fremdenfeindlichkeit in Brand gesteckt. Die Demos dagegen waren wütend und traurig.
Klimademo in Lausanne am 2. Februar 2019.
Klimademo in Lausanne am 2. Februar 2019.Bild: KEYSTONE

Viele andere waren trotz ernster Anliegen fröhliche Feiern des Einverständnisses. Die jüngsten Klimademos etwa, die so viel zu bewegen vermögen. Bedrängte Eltern sehen sich zum Handeln gezwungen. Städte rufen den Klimanotstand aus. Andere scheinen trotz riesiger Aufmärsche nichts bewirkt zu haben: Etwa die Pussy-Hat-Demos in den USA. Okay, es sitzen jetzt viel mehr Frauen im Kongress, aber die Gesetze scheinen sich stündlich in ihre eigene Vergangenheit zu verkehren.

Abertausende protestierten am 21. Januar 2017 gegen Donald Trump.
Abertausende protestierten am 21. Januar 2017 gegen Donald Trump. Bild: EPA/EPA

In Look und Sound sind sich alle Demos seit Jahrzehnten sympathisch ähnlich. Immer marschiert man zur lüpfigen Musik einer Band, die irgendwie zum Südamerikanischen oder Osteuropäischen hin tendiert. Immer trägt man selbstgepinselte Plakate oder Transparente mit sich, immer schreit wer verbeult klingende Slogans ins Megaphon.

Demos sind rührend vordigitale Angelegenheiten. Selbstgebastelte Basisarbeit.

Und immer trifft man auf überraschend viele Bekannte. Also wie auf Social Media. Bloss in Fleisch und Blut. Wie gut das tut, lässt sich am Frauenstreiktag wieder einmal schweizweit miterleben.

P.S. Und, liebe Kinder am Wegesrand, falls euch eine nette Frau eine leere Colaflasche in die Hand drücken sollte: Entsorgt sie mit Freuden!

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14 Bilder vom Frauenstreik am 14. Juni 1991

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14 Bilder vom Frauenstreik am 14. Juni 1991
quelle: keystone / walter bieri
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Nach dem Frauenstreik sind die Welt und der Sex besser

Video: watson

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16 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Toerpe Zwerg
14.06.2019 12:04registriert Februar 2014
Genau dieses kindliche Gut vs Böse Schema, welches Differenzierung ausschliesst und die Komplexität der Realität soweit reduziert, dass nur noch eine schnüsige Kinderzeichnung als identitätsstiftend übrig bleibt, ist Teil aller Probleme, aber nie der Lösungen.

Die Demo und der Streik sind darüber hinaus Manifestationen eines Glaubens an zentrale Steuerung und an eine Ohnmacht des Individuums. Sie erlauben die Delegation von Verantwortung und entbinden von Eigeninitiative.

Die "Guten" von damals haben ihren Beitrag zum Klimawandel und zur Maximierung der Risiken der Kernenergie geleistet ..
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