Schweiz
Kommentar

Coronavirus: Warum es falsch ist, das Partyvolk verantwortlich zu machen

«Es kann nicht sein, dass sich durch die Spassgesellschaft das Virus weiterverbreitet», sagte die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli an der gestrigen Medienkonferenz.
«Es kann nicht sein, dass sich durch die Spassgesellschaft das Virus weiterverbreitet», sagte die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli an der gestrigen Medienkonferenz.bild: screenshot/medienkonferenz
Kommentar

Frau Rickli, hören Sie auf, das Partyvolk verantwortlich zu machen

Zürich hat seinen ersten «Superspreader»-Fall. Doch anstatt die eigenen Entscheidungen zu hinterfragen, schiebt die Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli lieber dem Partyvolk die Verantwortung ab. Damit lenkt sie von der eigenen Überforderung ab.
29.06.2020, 12:3729.06.2020, 16:41

Wieder wird ein starker PR-Auftritt der Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli zum Rohrkrepierer. Im April verkündete Rickli stolz, für 800'000 Franken eine Maskenmaschine gekauft zu haben, die schon bald Masken produzieren würde. Geliefert hat die Maschine bis jetzt noch nicht.

Auch gestern Sonntag, an der kurzfristig einberufenen Medienkonferenz, machte Natalie Rickli keine gute Figur. Nachdem ein Mann im Zürcher Club Flamingo offenbar fünf weitere Personen mit Corona angesteckt hatte, schob Rickli die Verantwortung vor versammelter Medienschaft auf das Partyvolk ab: «Es kann nicht sein, dass sich durch die Spassgesellschaft das Virus weiterverbreitet», so die Regierungsrätin. Sie macht es sich damit einfach.

>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Es ist immer angenehmer, anderen den schwarzen Peter zuzuschieben, anstatt sich selbst an der Nase zu nehmen. Partygänger sind keine Epidemiologen. Es liegt nicht an ihnen, eine Risikoabschätzung durchzuführen und zu entscheiden, wie hoch ein Ansteckungsrisiko in einem Club ist. Dafür zuständig ist in erster Linie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und an zweiter Stelle die kantonalen Gesundheitsdirektionen.

Eine solche Risikoanalyse wurde vom BAG durchgeführt, wie ein internes Dokument zeigt. Darin werden besagte Cluböffnungen als hohes Risiko eingestuft, «Distanzregeln nicht anwendbar, Schutzausrüstung auch nicht», heisst es da. Insgesamt wird eine Bar- und Cluböffnung mit einem Risikoscore von 14 Punkten bewertet, während in der Überschrift ein Score von vier Punkten pro Kategorie als «ungünstig» beschrieben wird.

Die Risikoeinschätzung zeigt schwarz auf weiss: Clubs und Bars bieten dem Virus die besten Voraussetzungen, sich weiter zu verbreiten. Aus Angst vor illegalen Partys und dem massiven Druck der Gastrobranche hat der Bund grünes Licht für die Cluböffnung gegeben. Doch nicht nur das: Vor zehn Tagen kippte er auch noch die Sperrstunde.

Gesundheitsdirektorin Rickli hat die Schutzkonzepte der Clubs gesehen. Nun im Nachhinein gegen die Spassgesellschaft zu wettern, zeugt schlicht und einfach von Überforderung. Die Situation ist drauf und dran, ausser Kontrolle zu geraten, also braucht es einen Sündenbock. Und wer wäre da nicht besser geeignet als das junge, masslose Partyvolk?

Natürlich, wer Fake-E-Mail-Adressen hinterlegt und Social Tracer am Telefon beschimpft, hat den Ernst der Lage nicht begriffen. Doch zu überprüfen, ob eine Cluböffnung während einer Pandemie Sinn macht, ob die Schutzkonzepte griffig sind und auch umgesetzt werden, liegt einzig und allein bei der Zürcher Gesundheitsdirektion und damit im Endeffekt bei Natalie Rickli.

Ebenfalls gestern Sonntag äusserte sich Rickli zu den Maskenmaschinen. «Es ist im Tun», so ihre knappe Antwort.

*Korrektur: Die Gesundheitsdirektion ist nicht für Kontrolle und Durchsetzung der Schutzkonzepte verantwortlich. Dafür zuständig ist das Amt für Volkswirtschaft und die Stadtpolizei. Dies wurde in einer ersten Version des Artikels falsch dargestellt, dafür möchten wir uns entschuldigen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
40 Tattoos, die in der Badi bestimmt für Aufsehen sorgen!
1 / 42
40 Tattoos, die in der Badi bestimmt für Aufsehen sorgen!
bild: reddit
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Falsche E-Mail-Adressen bei «Superspreader-Event» in Zürich
Video: sda
Er erfand den sprechenden Bankomaten – das machte ihn verdächtig
Gegen alle Widerstände studiert Alireza Darvishy in Zürich Informatik, macht bei der Credit Suisse Karriere – und wird zum Pionier für digitale Barrierefreiheit.
Alireza Darvishy steht am Zürcher Central und möchte in der nahegelegenen UBS-Filiale Geld abheben. Für die allermeisten Menschen ist das Routine: Karte rein, Betrag auswählen, fertig. Für Darvishy ist es etwas komplizierter. Er lebt mit einer Sehbehinderung und nimmt durch ein eingeschränktes Sichtfeld nur Formen, Farben und Bewegungen wahr. Deshalb sucht er beim Bankomaten die Kopfhörerbuchse. So kann die Maschine mit ihm sprechen.
Zur Story