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Kommentar

Wir sind nicht fertig mit dem Virus – und das Virus nicht mit uns

Wie erwartet hebt der Bundesrat fast alle Corona-Massnahmen ab Mitternacht auf. Nun muss er zwingend die Weichen richtig stellen. Denn die nächste Welle kommt bestimmt.
16.02.2022, 17:2003.03.2022, 21:37

War es das jetzt? Sind wir fertig mit dem Virus?

Zwei Jahre hat die Schweiz mit mehr oder weniger strikten Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie gelebt. Jetzt sind sie grösstenteils Geschichte. Bis Ende März bleiben die Maskenpflicht in einigen Bereichen und die Isolation nach einem positiven Test. Dann aber soll die «besondere Lage» beendet und die Science-Taskforce «ausgemustert» werden.

Am 1. April ist Schluss. Das ist kein Scherz.

Lustig finden es ohnehin nicht alle. Die «Vorsichtigen» und Alarmisten brüllen Zeter und Mordio, sie fühlen sich vom Bundesrat verraten. Die Massnahmen-Gegner wiederum jubilieren und unterliegen einer doppelten Täuschung: dem Präventionsparadox (die Massnahmen waren gar nicht nötig) und dem Survivorship Bias (wir leben ja noch).

Und jetzt, wie weiter? Alain Berset und Ignazio Cassis nach der Medienkonferenz vom Mittwoch.
Und jetzt, wie weiter? Alain Berset und Ignazio Cassis nach der Medienkonferenz vom Mittwoch.Bild: keystone

Dazwischen befindet sich die «grosse, ruhige Mehrheit», die Gesundheitsminister Alain Berset in einem Interview gelobt hat. Sie liess sich impfen und hielt sich überwiegend diszipliniert an die Massnahmen. Ihr ist es zu verdanken, dass die Schweiz zwar nicht unbeschadet durch die Krise kam, sie aber insgesamt ordentlich bewältigt hat.

In ganz Europa wird gelockert

Und sie hätte wohl eine bedachtsamere Öffnungs-Strategie begrüsst. In einer aktuellen Tamedia-Umfrage sprachen sich nur 40 Prozent für eine sofortige Aufhebung der Massnahmen aus. 53 Prozent wollten dies schrittweise tun. Auch die Genfer Virologin Isabella Eckerle hätte mit massiven Lockerungen bis zum Frühling gewartet.

Der Bundesrat aber fühlte sich offensichtlich unter Zugzwang. In fast ganz Europa ist die Omikron-Welle gebrochen. Die meisten Länder befinden sich auf einem mehr oder weniger forschen Normalisierungskurs. Österreich will die Massnahmen am 5. März aufheben. Nur in Deutschland mahnt Gesundheitsminister Karl Lauterbach unverdrossen zur Vorsicht.

Auffällig ernsthaft

Es dürfte «Panik-Karl» immer schwerer fallen, sich Gehör zu verschaffen. Selbst Isabella Eckerle, die immer eindringlich vor den Gefahren von Corona gewarnt hat, ist «vorsichtig positiv» bezüglich der angedachten Lockerungen. Deshalb kann und soll die Schweiz es wagen, aber auch bedenken, dass sich die epidemiologische Lage rasch ändern kann.

Denn eines darf man nicht vergessen: Noch Ende 2021, also bis vor wenigen Wochen, sah es sehr kritisch aus. Spitäler und Politiker warnten vor Triagen auf den Intensivstationen. Auffällig war deshalb die Ernsthaftigkeit, mit der Bundespräsident Ignazio Cassis und Alain Berset trotz des vermeintlichen «Freudentags» an der Medienkonferenz auftraten.

Wie lange hält die Immunität?

«Wir haben keine Angst, aber wir dürfen auch nicht zu enthusiastisch sein», mahnte Cassis. Denn nichts spricht dafür, dass Sars-Cov-2 einfach verschwinden wird. Zu befürchten ist vielmehr, dass erneut eine gefährlichere Variante als Omikron auftauchen wird. Darauf muss sich die Schweiz besser vorbereiten als in den letzten zwei Jahren.

Es ist abzuklären, wie lange und gut der Immunschutz durch Impfung und/oder Infektion wirkt. Braucht es eine jährliche Auffrischung? Long Covid muss seriös erforscht werden, auch wenn spanischen Wissenschaftlern eine vielleicht bahnbrechende Entdeckung gelungen ist. Denn noch ist unklar, wie viele wie stark betroffen sind.

«Wir wissen längst noch nicht alles»

Ausserdem gilt es, sich auf künftige Wellen einzustellen. Experten empfehlen eine bessere Belüftung von Innenräumen. Unverzichtbar ist ein Monitoring möglicher neuer Virus-Varianten, und zwar auf globaler Ebene. Und die Schweiz muss sich für eine gerechtere Verteilung der Impfstoffe einsetzen. Nur so bekommen wir das Virus in den Griff.

«Wir haben viel gelernt, aber wir wissen längst noch nicht alles», sagte Ignazio Cassis. Das zeugt von einer gewissen Einsicht, der nun Taten folgen müssen. Ansonsten aber ist es richtig, in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft das Individuum in die Pflicht zu nehmen. Und ihm die Verantwortung auch für die Vulnerablen zu übertragen.

Ob es dafür zu früh ist? Wir können nicht ewig in Angst leben, sollten aber vorsichtig bleiben. Und Rücksicht aufeinander nehmen. Denn das Virus ist nicht fertig mit uns.

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148 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Aspirin
16.02.2022 19:25registriert Januar 2015
Eine Bitte in all der Freude an diejenigen die sich „nur“ einschränken und Maske tragen mussten. Es gibt viele Leute, die wegen Corona ihre Arbeit oder ihr Geschäft verloren haben, die Verwandte und Freunde begraben mussten, und jene, die im Gesundheitswesen die Stellung gehalten haben und viel Tod und Leid gesehen haben, mehr als wir uns gewöhnt sind. Nehmt deren Sorgen und anderen Erfahrungen ernst und verharmlost das Geschehene nicht denen gegenüber. Den für die war es vielleicht viel schlimmer als für euch.
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kaderschaufel
16.02.2022 18:16registriert Juni 2015
Und wir sollten den Pflegenden mehr Lohn geben. Ihre Arbeit hat heute mehr Wert als vor drei Jahren, weil man dank ihnen künftige Corona-Wellen besser abfedern, und evtl. Einschränkungen, die der Wirtschaft schaden, verhindern kann.

Und ausserdem hat ja bekanntlich das Angebot an Pflegenden abgenommen. Aus wirtschaftlicher Sicht wäre also eine Lohnerhöhung die einzig logische Konsequenz.
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Salvatore_M
16.02.2022 17:35registriert Januar 2022
Logisch ist die Sache mit Covid-19 noch nicht vorbei. Der Virus mutiert weiter. Bestenfalls grippeähnlich. Das BAG wird die Situation weiter überwachen. Der Bundesrat sollte kommunizieren, ob er weiter eine hohe Impfquote empfiehlt. Informationen dazu habe ich nicht gesehen, oder übersehen. Aber freuen wir uns nun über die Öffnungsschritte, aber die vulnerablen Personen sollten wir trotzdem nicht vergessen.
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