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Billige Arbeitskraft: Viele Praktika sind alles andere als eine Aus- oder Weiterbildung. bild: shutterstock

Kommentar

Schluss mit Ausbeutung: Warum es Zeit ist für einen Aufstand der Praktikanten

Ein 100 Prozent Job für 900 Franken im Monat? Das kommt vor und nennt sich immer häufiger «Praktikum». Eine gefährliche Entwicklung, denn Praktika sind gesetzliche Schlupflöcher. Und diese sollten endlich gestopft werden.



An den Handgelenken gefesselt stehen drei Frauen und drei Männer mit farbigen Masken einem Herrn mit Peitsche gegenüber. Um ihre Hälse baumeln Schilder mit der Aufschrift «Praktikum Coiffeuse 600.- / Monat» oder «Praktikum Fachmann Betreuung, 900.- / Monat». Mit dieser Aktion machte die Juso zusammen mit der Gewerkschaft Unia vergangenen Sonntag auf die Missstände im Praktikumswesen aufmerksam. Und das zu Recht.

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Die Juso machte in Bern auf Missstände im Praktikumswesen aufmerksam.  bild: screenshot/nau.ch

Wie eine aktuelle Studie von Travail.Suisse zeigt, befindet sich jeder vierte der 15- bis 24-Jährigen in einem befristeten Arbeitsverhältnis. 40,9 Prozent davon sind Praktika. Damit hat sich die Zahl der Praktikanten seit 2010 um einen Drittel erhöht. 

Neu sind Praktika nicht. Bereits 2005 prägte der ZEIT-Autor Matthias Stolz den Begriff «Generation Praktikum» und machte damit auf ein negatives Lebensgefühl aufmerksam, das vor allem unter jungen Akademikern verbreitet war, die versuchten Lücken in ihrem Lebenslauf mit unterbezahlten Praktika zu überbrücken. Doch heute sind es nicht mehr nur Akademiker, die Praktika absolvieren. Es sind auch Kleinkinderbetreuer, Köche, PR-Berater oder Haustechniker. Viele davon arbeiten als ordentliche Mitarbeiter zu einem Hungerlohn und haben dabei nicht einmal die Sicht auf eine Festanstellung.

Diese Entwicklungen untergräbt nicht nur das duale Bildungssystem, sondern bietet auch viel Raum für Missbrauch. Denn Praktika bringen zwei grosse Probleme mit sich:

Problem Nummer eins: Ausbeutung des Arbeitnehmers. Ein Praktikum ist vergleichbar mit einer Lehre, soll also der Ausbildung dienen. Nur scheinen das nicht alle Unternehmen so zu handhaben. Viele Stellen werden unter dem Deckmantel Praktikum ausgeschrieben, gearbeitet wird dann aber genau gleich wie bei einer Festanstellung. Unternehmen sparen so Geld, vom Ausbildungscharakter ist kaum eine Spur zu finden. Andere Firmen suchen wiederum jemanden, der «Tubelijobs» erledigt, schreiben die Stelle aber als Praktikum aus. Und immer wieder werden Leute abgelehnt, die noch keine Berufserfahrung gesammelt haben. Obwohl ein Praktikum eigentlich genau dazu da wäre. 

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Die täglichen Probleme der Praktikanten. bild: facebook/the.very.best.of.jodel

Viele junge Menschen haben aber meist kaum eine andere Wahl, als sich darauf einzulassen und absolvieren Praktikum nach Praktikum. Denn sie wissen: Wenn man es selbst nicht macht, macht es jemand anders und man steht nach wie vor ohne Job da. Der Arbeitgeber befindet sich in einer viel mächtigeren Position. Und weil es keine gesetzlichen Rahmenbedingungen für Praktika gibt, kann man sich auch kaum dagegen wehren, wenn man das Gefühl hat, nur als billige Arbeitskraft herhalten zu müssen.

Problem Nummer zwei: Wo kein Kläger, da kein Richter. Für die Bekämpfung missbräuchlicher Praktika findet sich kaum eine Lobby. Das politische Interesse, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, ist minim. Denn der wirklich davon betroffene Teil der Bevölkerung jung, politisch schlecht organisiert und geht oft aus Mangel an Alternativen Praktikumsverträge ein, anstatt sich dagegen zu wehren. Praktikanten formieren sich nicht zu Gewerkschaften, weil sie auf einen baldigen festen Arbeitsvertrag hoffen oder das Praktikum sowieso zeitlich begrenzt ist.

Der Bundesrat schreibt auf eine Anfrage von der Grünen-Nationalrätin Lisa Mazzone: «Aufgrund der relativ geringen und über die Jahre konstanten quantitativen Bedeutung von Praktika bestehen keine Anhaltspunkte, wonach diese schweizweit zu einem Einfallstor für prekäre Anstellungsbedingungen für junge Berufseinsteiger geworden wären.»

Natürlich ist nicht jeder Praktikant in erster Linie ein billiger Mitarbeiter. Viele Praktika sind wichtig und ermöglichen einen erfolgreichen Einstieg in die Arbeitswelt. Eine Abschaffung des Praktikums an sich, ist nicht die Lösung des Problems.

Dennoch braucht es eine Veränderung. Denn wie die Zahlen von Travail Suisse zeigen, nimmt die Anzahl Praktika stetig zu – und damit auch der Raum für Missbrauch. Es braucht endlich einen Schutz vor ausbeuterischen Praktikumsverhältnissen, angefangen mit klaren gesetzlichen Rahmenbedingungen. Ein Praktikum ist eine Aus- oder Weiterbildung. Niedriger Lohn muss also zwingend mit einem Lerneffekt und der persönlichen Ausbildung kompensiert werden. 

Hier lohnt sich der Blick über die Grenze nach Deutschland. Denn dort gibt es ein Mindestlohngesetz, dem auch Praktikanten unterstellt sind. Wer in Deutschland ein Praktikum beginnt, das länger als drei Monate dauert, erhält von Tag eins an den gesetzlichen Mindestlohn von 8.84 Euro die Stunde. Eine solche Regelung wäre auch für die Schweiz wünschenswert. So würden die Praktika einerseits zeitlich begrenzt, andererseits wäre ein erster Schritt im Kampf gegen Ausbeutung und Missbrauch gemacht.

Ein gutes Zeichen für die Zukunft ist die Aktion von Juso und der Unia. Sie bringt das Thema auf das politische Parkett. Denn bevor es überhaupt zu gesetzlichen Vorstössen kommt, braucht es eine öffentliche Debatte darüber. Und diese ist derzeit leider noch kaum zu hören. Denn Bundesrat und Parlament drücken bislang beide Augen zu und sind sich keinerlei Problematik bewusst.

Schaff dir KEINEN dieser Praktikanten-Typen an!

Video: watson/Knackeboul, Madeleine Sigrist, Lya Saxer

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