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ARCHIV --- ZUM TOD VON CLOWN DIMITRI STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Der Schweizer Clown Dimitri, aufgenommen am Donnerstag, 20. November 2003, im Theater am Hechtplatz, spielt noch bis zum 21. Dezember 2003 sein Stueck

Bild: KEYSTONE

Dimitris Lachen reichte einmal bis zur Sonne und zu uns zurück



Bitte? Dimitri tot? Der Mann, dessen Lachen einmal zur Sonne, um sie herum und zu uns zurück reicht? Tot? Himmel, geht's noch? Dimitri, der Mann, der einfach da war, seit Jahrzehnten, der sich über so viele Bühnen, durch so viele Kindheiten, so viele Erwachsenenleben lachte. Der Clown. Jetzt ist er tot. Mit 80 Jahren von uns gegangen. 80 ist alt, und sterben werden wir alle. Bloss: Kann nicht bitte vor uns allen das Jahr 2016 sterben?

Dimitri war kein böser, unheimlicher Clown, kein Stephen-King-Clown aus «Es», sondern ein lieber. Der gütige Clown aus dem Tessin. Der ohne viele Worte enorm viele Bühnenprogramme machte. Der auf grosse England- und Amerikatourneen ging, aber auch in den Mehrzweckhallen und Gemeindesälen kleiner Schweizer Dörfer auftrat. Er beschenkte uns Kinder, die wir damals begeistert für ihn die Säle der Provinz stuhlten, mit grosszügigen, ausführlichen Autogrammen und mit einer Warmherzigkeit, die hinter der Bühne noch grösser war als auf ihr. 

Clown Dimitri steht zum Anlass der Eroeffnung im August 1989 im Zuschauerraum des

Dimitri 1989. Da ist er schon längst ein weltberühmter Clown.
Bild: KEYSTONE

Und dabei begann er ganz anders. Nicht als Mann, der sein Gesicht zu immer neuen Gesichtern formt, der sich selbst zur Knetmasse unseres Vergnügens und ein paar poetischer Träumereien macht, sondern als einer, der fremdes Material formt. Als Töpfer. 

Am 18. September 1935 kommt er um 9.30 Uhr in Ascona zur Welt, sein Name lautet Dimitri Jakob Müller. Der Vater ist Architekt und Bildhauer, die Mutter Textilkünstlerin. Dimitri wird anthroposophisch erzogen, lernt früh die Ausdruckstänzer und anderen kreativen Vögel des Monte Verità kennen und erblickt mit 12 zum ersten Mal in einem Ferienlager die Liebe seines Lebens, Gunda.

Max Frisch über Dimitri

«Schaut ihn an, sage ich, das ist ein wirklicher Clown. Was ist ein wirklicher Clown? Das weiss ich nicht, aber schaut ihn an: Er kann schon allerhand und immer noch etwas mehr und dann ist er selig, wenn noch mehr gelingt, sogar das Unglaubliche. Man freut sich wie mit einem Kind, das die Tücke aller Dinge entdeckt und wie durch ein Wunder nicht strauchelt. Ich bin in jedem Augenblick gespannt, aber dann hat immer jemand gelacht, einfach laut gelacht, als wäre er allein, nicht wie man über einen Witz lacht, sondern gelacht vor Freude wie ein Kind; das war ich und der Clown heisst Dimitri.»

 

Mit 16 beginnt er eine Töpferlehre, mit 17 ist er immer noch vergeblich in Gunda verliebt. Mit 19 zieht er als Töpfer nach Südfrankreich, besucht begeistert Stierkämpfe, nimmt an Sportwettbewerben teil (und gewinnt Medaillen), lernt Akrobatik, Ballett, Gitarre –  und dann begegnet er dem legendären französischen Pantomimen Marcel Marceau. Sein Zauber macht aus Dimitri einen Clown. Er wird zu Marceaus Schüler. Und wird entdeckt.

Er ist von Anfang an ein internationaler Künstler. Einer, der später von Berlin bis Hongkong, von Prag bis Buenos Aires verstanden werden wird. Einer, der für immer der wichtigste Clown in der Manege des Zirkus Knie bleiben wird.

1960, mit 25, spielt er ein Soloprogramm im Zürcher Hechtplatz Theater. Und endlich erwidert Gunda seine Liebe, ein Jahr später heiraten sie, Kind um Kind kommt zur Welt, vier insgesamt, jedes wird sich später perfekt ins Imperium des weiss geschminkten Patriarchen fügen, die Dimitris (inzwischen hat er seinen Namen auf Jakob Dimitri ändern lassen) sind ein Clan, eine Kreativdynastie, eine Kraft.

Swiss clown and mime artist Dimitri opens his own clown and theater school at his residence in Verscio in the canton of Ticino, Switzerland; the children in Verscio wait full of excitement for the first of Dimitri's students to arrive, pictured on September 11, 1975. (KEYSTONE/Str)  

Der Schweizer Clown und Mime Dimitri eroeffnet am 22. September 1975 an seinem Wohnort in Verscio im Kanton Tessin seine eigene Clown- und Theaterschule; die Kinder in Verscio warten gespannt auf die ersten Schueler Dimitris, aufgenommen am 11. September 1975. (KEYSTONE/Str)

So begann Dimitris Scuola 1975 in Verscio: mit dem grossen Warten auf die ersten Schüler. Bild: KEYSTONE

Im Tessin feiert er legendäre Gartenpartys mit seinen Freunden Max Frisch, Günter Grass und Harald Szeemann. Charlie Chaplin und Jean Tingueley waren seine Fans. In den 70er-Jahren gründen Dimitri und Gunda ihre Scuola Teatro Dimitri in Verscio und beginnen mit der Ausbildung Hunderter Klein- und Grosskünstler. Wer dort war, beschreibt den Ort heute als Paradies, es war die Verlängerung all der Mythen des Monte Verità, jenes Kunst- und esoterischen Kraftzentrums, das in den 20er-Jahren seinen Anfang nahm. Heute ist aus der Scuola eine Accademia geworden, man kann seinen Bachelor und Master «of Arts in Theatre» machen. 

Emanuel Rosenberg, Student an der Scuola Teatro Dimitri in Verscio stellt im Maskenatelier eine weisse Gesichtsmaske her, aufgenommen am 22. September 2004. Jeder Student muss waehrend seiner Ausbildung mindestens eine Maske produzieren. Der Clown und Mime Dimitri ist Begruender dieser Schule, deren Schwergewicht im Bereich des Bewegungstheaters und der Theaterkreation liegt. (KEYSTONE/Gaetan Bally)  === ,  ===  : FILM]

Und so sah es gute dreissig Jahre später aus.
Bild: KEYSTONE

Für den 23. Juli war dort der nächste Auftritt von Dimitri angesetzt, wie so oft in einem viel zu grossen grünen Mantel, und mit diesem Gesicht, das unter der Schminke seit Jahrzehnten alterslos zu sein schien. Mit diesem Gesicht, das sein Werkzeug war und sein Material. Und in dem das ganze Kapital seines Herzens leuchtete. Eines Herzens, das irrsinnig reich gewesen sein muss.

Clown Dimitri, so werden wir ihn in Erinnerung behalten

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Clown Dimitri, so werden wir dich in Erinnerung behalten
quelle: keystone / eddy risch
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