Passivsätze werden von mir gehasst. Das war ein Passivsatz. Und er war grässlich zu lesen, nicht wahr? Viel schöner ist doch: Ich hasse Passivsätze! Gleicher Inhalt. Aber: aktiv formuliert.
Diese Einleitung war nicht nur als Beispiel für Passivsätze gedacht. Ich hasse Passivsätze wirklich.
Meine watson-Gspänli müssen regelmässig unter meinem Passivsatz-Hass leiden. Wenn ich ihre Texte vor Veröffentlichung gegenlese, streiche ich ihnen jedes «werden», «wird» und «wurde» raus. Sie wissen schon, was das bedeutet: hopp, umschreiben! (Und sie freuen sich hämisch, wenn sie in meinen Texten einen Passivsatz finden. Zu Recht!)
Ursprünglich kommt mein Hass auf den Passivsatz daher, dass mich Texte in passiver Sprache langweilen. So sehr, dass ich sie kaum zu Ende lesen kann. Was nützt mir eine Reportage von der Wolfsjagd, wenn ich darin Sätze lese wie: «Der Wolf wird von den Hunden aufgespürt», «Es wird geschossen», «Das Ziel wurde verfehlt»?
Ich will vor meinem inneren Auge sehen, wie Jagdhund Fifi die Fährte aufnimmt. Ich will wissen, wie Jäger Hanspeter zielt, schiesst und ob er trifft. Ich will mitfiebern. Mit Passivsätzen kann ich das nicht. Passivsätze lassen mich kalt.
Inzwischen habe ich mit dem Passivsatz aber noch ein viel grösseres Problem als Langeweile. Ich würde gar so weit gehen und behaupten:
Zumindest, wenn er im Journalismus inflationär zum Zug kommt. Und das meine ich todernst.
Erste Lektion Journalismus: Wer hat was, wann, wo, wie, warum und wozu gemacht? Diese sieben W-Fragen müssen wir Journalistinnen und Journalisten in allen unseren Beiträgen beantworten. Und wenn wir es nicht können – weil die Informationen dazu nicht existieren –, dann müssen wir das transparent machen.
Die sieben W-Fragen zu beantworten, bedeutet viel Arbeit. Ganz besonders, weil ziemlich alle, über die wir berichten, Passivsätze lieben. Namentlich: Firmen, Verbände, Politikerinnen und Politiker, Behörden. Das liegt daran, dass Passivsätze eine Superkraft haben: Mit ihnen kann man sich aus der Verantwortung nehmen.
Ein aktuelles Beispiel gefällig? Im August verschickte der Bund folgende Medienmitteilung: «Das Bundesamt für Sozialversicherungen hat im Modell für die Berechnung der Finanzperspektiven der AHV zwei fehlerhafte mathematische Formeln festgestellt. Sie bewirkten, dass die Ausgaben der AHV bis 2033 zu hoch eingeschätzt wurden. Nach ersten, noch provisorischen Schätzungen des BSV wurden die Ausgaben im Jahr 2033 um rund 4 Milliarden Franken überschätzt.»
Fällt euch etwas auf? Ja, das Gesicht schläft einem beim Lesen fast ein. Aber es gibt noch ein weiteres, auffälliges Detail: Nur einen einzigen Satz hat der Bund aktiv formuliert und nennt damit eine verantwortliche Stelle. Ganz zufällig ist es der einzige Satz, der etwas einigermassen Positives mitteilen kann. Nämlich, dass das Bundesamt für Sozialversicherungen den Fehler entdeckt hat.
Wer allerdings für den groben Fehler verantwortlich ist, das versteckt der Bund schön hinter Passivsätzli. Journalistinnen und Journalisten müssen her, die übersetzen: «Das Bundesamt für Sozialversicherungen hat sich bei der AHV massiv verrechnet.»
Diese Übersetzungsleistung kostet Zeit und Geld. Beides Dinge, die im Journalismus immer rarer werden. Darum steigt die Gefahr, dass auch wir Journalistinnen und Journalisten in den Passivsatz verfallen. Mit weitreichenden Folgen.
Sprache schafft Realität. Sprache beeinflusst unser Denken und Handeln. Das hat die Forschung in Bezug aufs Gendern schon mehrfach bestätigen können. Und zwar im Positiven. Daran ändert sich auch nichts, je mehr sich Rechte über die «Verhunzung» der deutschen Sprache wegen eines kleinen Sternchens aufregen.
Wie es mit Passivsätzen im Journalismus aussieht, dazu gibt es noch keine Befunde. Aber wieso sollten Passivsätze unsere Wahrnehmung nicht ebenso beeinflussen können?
«Ex-Miss-Schweiz-Finalistin ermordet und zerstückelt», dieser Titel löst in mir etwas ganz anderes aus, als: «Ehemann ermordet und zerstückelt Ex-Miss-Schweiz-Finalistin».
Gehen wir noch einen Schritt weiter. Ein Newsportal titelt: «Ukraine wurde über Nacht mit Raketen beschossen». Warum nennen wir den Angreifer nicht beim Namen?
Die Ukraine wird nicht von einer unbekannten höheren Macht angegriffen. Russland greift die Ukraine an. Das ist ein Fakt. Da braucht es keine falsche Scheu. Im Gegenteil. Es braucht klare Haltung von uns Journalistinnen und Journalisten.
Wir müssen Machtverhältnisse und Zusammenhänge sichtbar machen. Wir müssen Transparenz schaffen. Wir müssen die Verantwortlichen in die Pflicht nehmen.
Das alles geht nur, wenn wir die Verantwortlichen benennen. Der Passivsatz verhindert das. Darum hat er im Journalismus meiner Meinung nach nichts zu suchen. Mit einer einzigen Ausnahme: Wenn wir tatsächlich nicht herausfinden können, wer oder was verantwortlich ist – was wir entsprechend transparent kommunizieren müssen.
In allen anderen Fällen ist es jedoch nicht nur faul, wenn Journalistinnen und Journalisten den Passivsatz verwenden, es ist auch schädlich. Schädlich für die öffentliche Debatte, schädlich für das Vertrauen in den Journalismus und letztendlich schädlich für unsere Demokratie.
Vor allem in Futur 1: Passivsätze werden von mir geliebt werden.
Oder Futur 2: Sie werden von mir geliebt worden sein.
Und mit Modalverb: Sie werden geliebt worden sein müssen. (fünf Verben hintereinander).