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Wie Passivsätze den Journalismus verzerren und die Demokratie bedrohen

Passivsätze sind dem Journalismus sein Tod
Wokeness und Gendern machen viele Leute hässig. Diese Wut würden wir besser auf den Passivsatz lenken, findet unsere Autorin.Bild: shutterstock
Kommentar

Nicht Gendern ist eine Gefahr für die Demokratie, sondern der Passivsatz!

Warnung: Nach diesem Text werden eure Ansprüche an Journalistinnen und Journalisten steigen. Lesen auf eigene Gefahr.
01.12.2024, 17:2502.12.2024, 07:50
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Passivsätze werden von mir gehasst. Das war ein Passivsatz. Und er war grässlich zu lesen, nicht wahr? Viel schöner ist doch: Ich hasse Passivsätze! Gleicher Inhalt. Aber: aktiv formuliert.

Diese Einleitung war nicht nur als Beispiel für Passivsätze gedacht. Ich hasse Passivsätze wirklich.

Meine watson-Gspänli müssen regelmässig unter meinem Passivsatz-Hass leiden. Wenn ich ihre Texte vor Veröffentlichung gegenlese, streiche ich ihnen jedes «werden», «wird» und «wurde» raus. Sie wissen schon, was das bedeutet: hopp, umschreiben! (Und sie freuen sich hämisch, wenn sie in meinen Texten einen Passivsatz finden. Zu Recht!)

Passiv- was?
Für jene, bei denen der Grammatikunterricht schon ein Weilchen her ist, hier die zugängliche Erklärung von Schülerhilfe.de: «Im Passiv steht das Geschehen oder das Objekt im Vordergrund, an der ‹ein Täter oder eine Täterin› die Handlung ausführt. In einem Passivsatz liegt der Fokus auf der Handlung selbst, denn es wird betont, was getan wird oder was geschieht. Das Objekt des Satzes handelt nicht selbst, sondern ‹erleidet› etwas.»

Beispiel Passivsatz:
Die Katze wird von Leonie gestreichelt.

Beispiel Aktivsatz:
Leonie streichelt die Katze.

Ursprünglich kommt mein Hass auf den Passivsatz daher, dass mich Texte in passiver Sprache langweilen. So sehr, dass ich sie kaum zu Ende lesen kann. Was nützt mir eine Reportage von der Wolfsjagd, wenn ich darin Sätze lese wie: «Der Wolf wird von den Hunden aufgespürt», «Es wird geschossen», «Das Ziel wurde verfehlt»?

Ich will vor meinem inneren Auge sehen, wie Jagdhund Fifi die Fährte aufnimmt. Ich will wissen, wie Jäger Hanspeter zielt, schiesst und ob er trifft. Ich will mitfiebern. Mit Passivsätzen kann ich das nicht. Passivsätze lassen mich kalt.

Inzwischen habe ich mit dem Passivsatz aber noch ein viel grösseres Problem als Langeweile. Ich würde gar so weit gehen und behaupten:

Der Passivsatz ist eine Gefahr für unsere Demokratie.

Zumindest, wenn er im Journalismus inflationär zum Zug kommt. Und das meine ich todernst.

Die gefährliche Superkraft des Passivs

Erste Lektion Journalismus: Wer hat was, wann, wo, wie, warum und wozu gemacht? Diese sieben W-Fragen müssen wir Journalistinnen und Journalisten in allen unseren Beiträgen beantworten. Und wenn wir es nicht können – weil die Informationen dazu nicht existieren –, dann müssen wir das transparent machen.

Die sieben W-Fragen zu beantworten, bedeutet viel Arbeit. Ganz besonders, weil ziemlich alle, über die wir berichten, Passivsätze lieben. Namentlich: Firmen, Verbände, Politikerinnen und Politiker, Behörden. Das liegt daran, dass Passivsätze eine Superkraft haben: Mit ihnen kann man sich aus der Verantwortung nehmen.

Ein aktuelles Beispiel gefällig? Im August verschickte der Bund folgende Medienmitteilung: «Das Bundesamt für Sozialversicherungen hat im Modell für die Berechnung der Finanzperspektiven der AHV zwei fehlerhafte mathematische Formeln festgestellt. Sie bewirkten, dass die Ausgaben der AHV bis 2033 zu hoch eingeschätzt wurden. Nach ersten, noch provisorischen Schätzungen des BSV wurden die Ausgaben im Jahr 2033 um rund 4 Milliarden Franken überschätzt.»

Fällt euch etwas auf? Ja, das Gesicht schläft einem beim Lesen fast ein. Aber es gibt noch ein weiteres, auffälliges Detail: Nur einen einzigen Satz hat der Bund aktiv formuliert und nennt damit eine verantwortliche Stelle. Ganz zufällig ist es der einzige Satz, der etwas einigermassen Positives mitteilen kann. Nämlich, dass das Bundesamt für Sozialversicherungen den Fehler entdeckt hat.

Wer allerdings für den groben Fehler verantwortlich ist, das versteckt der Bund schön hinter Passivsätzli. Journalistinnen und Journalisten müssen her, die übersetzen: «Das Bundesamt für Sozialversicherungen hat sich bei der AHV massiv verrechnet.»

Diese Übersetzungsleistung kostet Zeit und Geld. Beides Dinge, die im Journalismus immer rarer werden. Darum steigt die Gefahr, dass auch wir Journalistinnen und Journalisten in den Passivsatz verfallen. Mit weitreichenden Folgen.

Sprache beeinflusst unser Denken und Handeln

Sprache schafft Realität. Sprache beeinflusst unser Denken und Handeln. Das hat die Forschung in Bezug aufs Gendern schon mehrfach bestätigen können. Und zwar im Positiven. Daran ändert sich auch nichts, je mehr sich Rechte über die «Verhunzung» der deutschen Sprache wegen eines kleinen Sternchens aufregen.

Wie es mit Passivsätzen im Journalismus aussieht, dazu gibt es noch keine Befunde. Aber wieso sollten Passivsätze unsere Wahrnehmung nicht ebenso beeinflussen können?

«Ex-Miss-Schweiz-Finalistin ermordet und zerstückelt», dieser Titel löst in mir etwas ganz anderes aus, als: «Ehemann ermordet und zerstückelt Ex-Miss-Schweiz-Finalistin».

Gehen wir noch einen Schritt weiter. Ein Newsportal titelt: «Ukraine wurde über Nacht mit Raketen beschossen». Warum nennen wir den Angreifer nicht beim Namen?

Die Ukraine wird nicht von einer unbekannten höheren Macht angegriffen. Russland greift die Ukraine an. Das ist ein Fakt. Da braucht es keine falsche Scheu. Im Gegenteil. Es braucht klare Haltung von uns Journalistinnen und Journalisten.

Wir müssen Machtverhältnisse und Zusammenhänge sichtbar machen. Wir müssen Transparenz schaffen. Wir müssen die Verantwortlichen in die Pflicht nehmen.

Das alles geht nur, wenn wir die Verantwortlichen benennen. Der Passivsatz verhindert das. Darum hat er im Journalismus meiner Meinung nach nichts zu suchen. Mit einer einzigen Ausnahme: Wenn wir tatsächlich nicht herausfinden können, wer oder was verantwortlich ist – was wir entsprechend transparent kommunizieren müssen.

In allen anderen Fällen ist es jedoch nicht nur faul, wenn Journalistinnen und Journalisten den Passivsatz verwenden, es ist auch schädlich. Schädlich für die öffentliche Debatte, schädlich für das Vertrauen in den Journalismus und letztendlich schädlich für unsere Demokratie.

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155 Kommentare
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Joe Smith
01.12.2024 18:13registriert November 2017
Jein. Grundsätzlich ist der Aktivsatz besser, absolut einverstanden, aber mit der Passivkonstruktion kann man bewusst den Fokus auf das Objekt verschieben. Beispiel: «Russland bombardiert die Ukraine» – Reaktion: die bösen Russen. «Ukraine wird bombardiert» – Reaktion: die armen Ukrainer.
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slnstrm
01.12.2024 17:39registriert August 2023
Es wurde beschlossen, dass Fortschritte durch Stillstand erreicht werden. Es wird gehofft, dass Probleme durch Aussitzen verschwinden. Fehler werden toleriert, während Erfolge ignoriert werden. Es wird daran gearbeitet, Verantwortung weiterzuschieben, bis niemand mehr übrig bleibt. Lob wird verteilt, Kritik wird vermieden, und am Ende wird festgestellt, dass nichts verändert wurde, weil alles perfekt war, so wie es niemals hätte sein sollen.
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Palpatine
01.12.2024 17:56registriert August 2018
Ich für meine Wenigkeit darf sagen: Passivsätze werden von mir geschätzt.

Vor allem in Futur 1: Passivsätze werden von mir geliebt werden.

Oder Futur 2: Sie werden von mir geliebt worden sein.

Und mit Modalverb: Sie werden geliebt worden sein müssen. (fünf Verben hintereinander).
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