Schweiz
Religion

Missbrauchs-Studie hat auch für Reformierte Folgen

Missbrauchs-Studie hat auch für Reformierte Folgen – so viele Austritte wie noch nie

18.04.2024, 11:3918.04.2024, 13:42
Mehr «Schweiz»

2023 sind in der Deutschschweiz so viele Menschen aus den reformierten Landeskirchen ausgetreten wie nie zuvor. Die Entwicklung ist gemäss einer Umfrage auch die Folge der Diskussionen um sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche.

Symbolbild: Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen durch die katholische Kirche wurde in der Schweiz systematisch vertuscht.
Wegen aufgedeckter Missbrauchsfälle in der Kirche, treten immer mehr Menschen aus.Bild: Shutterstock

Insgesamt kehrten im vergangenen Jahr 38’073 Kirchenmitglieder den Reformierten den Rücken, wie aus einer am Donnerstag publizierten Umfrage von ref.ch, dem Medienportal der Reformierten, unter den Kantonalkirchen hervorging.

Dies entspricht gegenüber dem Vorjahr einer Zunahme um etwas mehr als einen Viertel. 2022 waren 30’393 Personen aus der reformierten Kirche ausgetreten, im Jahr zuvor 28'540. Nicht in der Erhebung enthalten sind die Zahlen der evangelisch-reformierten Kirchen im Tessin und in der Romandie.

Der Trend betrifft demnach alle Kantonalkirchen. Zwischen den Kantonen gab es dabei allerdings grosse Unterschiede. In den Kantonen Luzern, Basel-Landschaft und Graubünden nahm die Zahl der Kirchenaustritte um mehr als 40 Prozent zu, im Aargau dagegen um lediglich 12 Prozent.

«In die Höhe geschossen»

In vielen Regionen zeigte sich dabei ein klarer Zusammenhang zur Veröffentlichung einer Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

So habe die reformierte Kirche im Kanton Luzern bis im September weniger Austritte verzeichnet als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs, schrieb ref.ch. Danach seien die Austrittszahlen in die Höhe geschossen.

Es falle auf, dass man im September dreimal so viele und im Oktober doppelt so viele Austritte wie sonst gehabt habe, wurde Simona Starzynski, Kommunikationsverantwortliche der Zuger Kirche, im Artikel zitiert.

«Wir gehen davon aus, dass es nach der Präsentation der Pilotstudie zumindest vorübergehend einen Boost gegeben hat. Darum ist die Zahl der Austritte signifikant höher als im Vorjahr», sagte Markus Dütschler, der Kommunikationsverantwortliche der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, der Newssite.

Exodus bei den Katholiken

Am 12. September 2023 hatte die Universität Zürich einen Bericht über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche veröffentlicht. Dieser dokumentierte 1002 Fälle in der katholischen Kirche in der Schweiz seit der Mitte des 20. Jahrhunderts.

In der Folge war es bei vielen katholischen Kirchgemeinden zu Austrittswellen gekommen, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA im Dezember zeigte.

In der römisch-katholischen Kirchgemeinde Winterthur beispielsweise gab es von Anfang September bis Anfang Dezember 486 Austritte. In den beiden Vorjahren waren es 158 respektive 161 gewesen. In Basel-Stadt stieg die Zahl der Austritte stieg von August auf September von 36 auf 174 an. Und die Zahlen blieben auch im Oktober (164) und November (115) hoch.

Reformierte arbeiten Geschichte auf

Den Reformierten steht die systematische Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt noch bevor. Auch in der evangelisch-reformierten Kirche sei zu lange weggeschaut worden, sagte Rita Famos, Präsidentin der evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz (EKS), kurz vor Weihnachten im «Tagesgespräch» von Radio SRF. Man suche nach Wegen, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Auch eine eigene, nationale Studie in der Schweiz sowie Zahlungen an Opfer seien im Gespräch. (saw/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
5 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5
810 tote Schweine nach Brand – «was der Bundesrat macht, ist schlicht Arbeitsverweigerung»
Bei einem Grossbrand in einem Schweinezuchtbetrieb in Gossau (SG) verendeten über 800 Schweine. Seit Jahren versuchen Tierschützer vehement, die gesetzlichen Brandschutzvorschriften auszuweiten. Doch Bund und Kantone schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu.

Am Mittwoch vor Auffahrt erlebten mehrere hundert Schweine die absolute Hölle. In einem Schweinezuchtbetrieb im St. Gallischen Gossau brach ein Brand aus, zwei Ställe waren vom Feuer betroffen, erst um 18 Uhr konnte die Feuerwehr die Lage unter Kontrolle bringen.

Zur Story