Schweiz
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epa06031259 People pray in the prayer room of the Ibn-Rushd Goethe Mosque, during the opening in Berlin, Germany, 16 June 2017. Seyran Ates, a German lawyer and Muslim feminist,  opened a mosque for liberal Muslims. In the liberal Ibn-Rushd Goethe Mosque, women and men pray and preach equal rights. It is supposed to be open to Sunnis, Shiites and followers of other Islamic faiths. Women do not have to wear a headscarf when praying.  EPA/CARSTEN KOALL

Beide Geschlechter zusammen, keine Kopftücher: Die liberale Moschee in Berlin. Bild: CARSTEN KOALL/EPA/KEYSTONE

Eine Moschee für Schwule und unverhüllte Frauen? So liberal sind Schweizer Islam-Vertreter

Nach der Gründung einer «liberalen Moschee» in Berlin steht die muslimische Welt Kopf. Wie stehen die islamischen Verbände in der Schweiz dazu, wenn Frauen ohne Kopftuch gemeinsam mit Homosexuellen beten? Wir haben den muslimischen Wortführern in der Schweiz die Gretchenfrage gestellt.



Sie wird frenetisch bejubelt und mit dem Tod bedroht: Die türkischstämmige Rechtsanwältin Seyran Ates (54) hat mit der Gründung einer liberalen Moschee in Berlin ein regelrechtes Erdbeben ausgelöst. Dass in der Moschee Frauen und Männer gemeinsam beten – letztere ohne Kopftuch –, dass das Freitagsgebet von einer weiblichen Imamin gesprochen wird, dass auch Schwule und Lesben willkommen sind: Es ist je nach Lesart ein Meilenstein für den modernen Islam – oder ein «Angriff auf die Religion».

Letzteres entspricht der Haltung des ägyptischen Fatwa-Amts – einer Behörde für islamische Rechtsauslegung. Sie moniert, es verstosse gegen die von Gott auferlegten Glaubenspflichten, wenn Frauen in der Moschee kein Kopftuch trügen. Die türkische Religionsbehörde Diaynet verurteilt die Reform-Moschee ebenfalls scharf. Die Reaktionen der Muslime in Deutschland reichen von Empörung bis hin zu Euphorie.

epa06031334 Seyran Ates leads the prayer in the Ibn-Rushd Goethe Mosque during the opening Berlin in Germany, 16 June 2017. Seyran Ates, a German lawyer and Muslim feminist,  opened a mosque for liberal Muslims. In the liberal Ibn-Rushd Goethe Mosque, women and men pray and preach equal rights. It is supposed to be open to Sunnis, Shiites and followers of other Islamic faiths. Women do not have to wear a headscarf when praying.  EPA/CARSTEN KOALL

Seyran Ates an der Eröffnung der liberalen Moschee in Berlin. Bild: CARSTEN KOALL/EPA/KEYSTONE

Und in der Schweiz? Wir haben jene Exponenten befragt, die die Islam-Debatte hierzulande in der Öffentlichkeit prägen: Darf eine Moschee so liberal mit den islamischen Traditionen umgehen? Die Antworten zeigen: So progressiv sind die medialen Wortführer der Schweizer Muslime in der Frage auf einer Skala von 1 bis 10.

Saïda Keller-Messahli, Forum für einen fortschrittlichen Islam

Author Saida Keller-Messahli, pictured on June 28, 2010 in Winterthur in the canton of Zurich, Switzerland. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Die Autorin Saida Keller-Messahli, aufgenommen am 28. Juni 2010 in Winterthur im Kanton Zuerich. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Bild: KEYSTONE

Saïda Keller Messahli, die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, ist selber am Berliner Projekt beteiligt, Gründerin Seyran Ates kennt sie seit Jahren. Für Keller-Messahli ist klar: «Auch die Schweiz braucht eine liberale Moschee, in der sich moderne, weltoffene Muslime zuhause fühlen.»

Sie verweist darauf, dass die Mehrheit der Schweizer Muslime heute nicht organisiert ist und sich nicht mit den bestehenden Moscheen identifiziert. Keller-Messahli ist jedoch überzeugt, dass eine entsprechende Nachfrage vorhanden wäre: «Das überwältigende Feedback in Berlin zeigt es ganz deutlich: Viele Leute sehnen sich danach, einer Religionsgemeinschaft anzugehören, die mit der Zeit Schritt hält.» Dazu gehöre etwa, dass beide Geschlechter – die Frauen unverschleiert – miteinander beten könnten.

«Im konservativen Islam wird davon ausgegangen, dass Männer ihre Triebe nicht im Griff haben, wenn eine Frau neben ihnen das Gebet spricht und sie deshalb räumlich abgetrennt sein müsse.» Für viele Schweizer Muslime sei diese Doktrin völlig «lebensfremd» – eine Veränderung tue daher Not.

Keller-Messahlis Progressiv-Faktor: 10 von 10 Punkten.

Önder Güneş, Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz

Önder Günes, FIDS, Islam, Muslime, Schweiz

Der Islam blicke auf eine 1400-jährige Tradition zurück, sagt Önder Güneş, Sprecher der Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz (FIDS). «Und wie in der katholischen Kirche und in der jüdischen Tradition gibt es zum Thema Frauen als Vorbeterinnen gewisse Grundregeln, die nicht einfach umgestossen werden können.»

Frauen dürften sehr wohl als Gelehrte auftreten oder in einer reinen Frauengruppe das Gebet leiten. Weibliche Imaminnen seien beim gemischten Gebet aber nicht vorgesehen. Insofern teile die FIDS die Kritik, dass die liberale Moschee in Berlin gegen wichtige rituelle Prinzipien verstosse.

Über die Jahrhunderte habe es im Islam immer eine Dynamik der Reform gegeben, so Güneş, dessen Organisation den Anspruch erhebt, in der Schweiz den «Islam der Mitte» zu vertreten.  «Reformen sind aber nicht Sache von spontanen Interpretationen, sondern bedürfen einer Analyse der Traditionsquellen und einem fundierten Dialogprozess unter Gelehrten.»

Güneş' Progressiv-Faktor: 5 von 10 Punkten.

Farhad Afshar, Koordination Islamischer Organisationen Schweiz

Thomas Wipf, Praesident Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), und Farhad Afshar, Praesident der Foederation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS), von links, verkuenden im Namen des Schweizerischen Rates der Religionen (SCR), die Volksinitiative

Bild: KEYSTONE

«Der Islam hat für sehr viele verschiedene Ausprägungen Platz», sagt Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (Kios). Der Islam kenne keine Kirche mit beherrschender Lehrmeinung. So würden indonesische Hochzeiten in der Moschee mit Musik gefeiert, was in Saudi Arabien «ein Sakrileg wäre». Dennoch steht Afshar der liberalen Berliner Moschee skeptisch gegenüber.

Voraussetzung dafür, dass eine Spielart des Islam anerkannt werde, sei, dass sie der lokalen Kultur entspreche und von den Gelehrten sowie von der muslimischen Bevölkerung getragen werde. «Diese sogenannt Liberalen in Berlin erheben sich über den traditionellen Islam, indem sie ihn als rückständig und konservativ darstellen», kritisiert Afshar.

Wer sich in dieser Weise von den islamischen Grundprinzipien distanziere, könne vielleicht den Status einer «Sekte» erlangen, nicht aber Teil der grossen islamischen Gemeinschaft werden. In der Schweiz habe ein Versuch im Haus der Religionen gezeigt, dass es von vielen Muslimen nicht geschätzt werde, wenn eine Frau ohne Kopfbedeckung als Vorbeterin das Freitagsgebet spreche.

Afshars Progressiv-Faktor: 4 von 10 Punkten.

Qaasim Illi, Islamischer Zentralrat der Schweiz

Abdel Azziz Qaasim Illi, Vorstandsmitglied des IZRS, spricht an der Veranstaltung

Bild: KEYSTONE

«Jedem steht es frei, eine Sekte zu gründen. Dies garantiert die Religionsfreiheit», sagt auch Qaasim Illi, Sprecher des Islamischen Zentralrats der Schweiz. Erkläre sich eine Person oder Gruppe allerdings dem Islam zugehörig, so unterwerfe er sich der Normativität des Korans und der Sunna (überlieferte Gewohnheiten des Propheten Mohammed, Anm. d. Red.) «Wird jene über- oder unterschritten, muss er mit Kritik rechnen.»

Mit Blick auf die islamische Geschichte dürfe bezweifelt werden, «ob die besagte Gruppe ihr Dasein als marginale Sekte» hin zum Mainstream schaffe, so Illi. Der Islam sei bisher «durch seinen stabilen und wissenschaftlich hochetablierten Quellenkorpus im Wesentlichen gegen jede Art anthropologischer Eingriffe immun geblieben». Er verweist weiter darauf, dass es im Islam keinen Klerus gebe, der eine Reform beschliessen könnte, wie dies etwa in den päpstlichen Konzilen geschehe.

Der IZRS wird regelmässig für seine Nähe zu salafistischen Kreisen kritisiert. Derzeit laufen in der Politik verschiedene Bestrebungen, den Zentralrat als Organisation oder dessen Anlässe zu verbieten. 

Illis Progressiv-Faktor: 1 von 10 Punkten.

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Video: reuters

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