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Review

«Ich befürchte, dass die Bürger gar nicht mehr drauskommen»

Am Freitag ging die letzte «Arena» des Jahres 2021 auf Sendung. Kritisiert wurde das Durcheinander der letzten Tage.
18.12.2021, 04:5518.12.2021, 12:11

Man merkte dem «Arena»-Moderator Sandro Brotz nichts mehr an von seiner Corona-Erkrankung: Er stand fast pünktlich um 17:30 Uhr im Leutschenbacher Studio 8 zusammen mit seinen Gästen, um über – oh Wunder! – die Corona-Politik des Bundes zu diskutieren. Stunden zuvor gab die Landesregierung nämlich bekannt, wie sie die kommenden Tagen pandemisch meistern will.

Zusammenfassen lässt sich das in Instagram-Sprache ungefähr und leider mit folgendem Meme:

screenshot: instagram

Oder in deutscher Sprache: Es wird ziemlich kompliziert. Die Rede ist von einer 2G-Regel, die in gewissen Fällen zur 2G+-Regel wird. Geimpfte oder Genesene profitieren von gewissen Vorteilen, teilweise aber erst, wenn sie diesen Status erst vor vier Monaten erreicht haben. Das Nachsehen haben beispielsweise diejenigen, die noch auf den Booster warten müssen, weil ihr Kanton noch ein bisschen abwarten will.

Darüber ärgerte sich auch die St.Galler SVP-Nationalrätin Esther Friedli, die genau so wie alle anderen Gäste gestern nur geimpft, getestet oder genesen ins Studio kommen durfte. Ihre zentrale Kritik baute auf den fehlenden Richtwerten auf: Sie ärgerte sich über die Verschärfung, da die Zahlen derzeit stagnieren oder zurückgehen würden. Sie hatte zumindest oberflächlich damit Recht: Die Corona-Zahlen in der Schweiz stabilisierten sich tatsächlich, wobei sich die Epidemiologie einig ist, dass man noch nicht über den Berg ist.

Friedli betonte aber auch den vielleicht mancherorts verwirrenden Strauss an Massnahmen: «Ich befürchte, dass die Bürgerinnen und Bürger gar nicht mehr mitkommen. Wenn ich jetzt in eine Bar gehe, was muss ich da tun, oder in ein Hallenbad, oder in den Weihnachtsgottesdienst? Es ist wichtig, die Leute mitzunehmen. Man muss die Menschen sensibilisieren. Ja, gewisse Massnahmen sind notwendig, aber ein solches Wirrwarr, wie es heute verabschiedet wurde, ist nicht zielführend.»

Video: srf

Gekommen war auch SP-Nationalrat Fabian Molina, der sich zur Politik seines Parteikollegen und Bundesrates Alain Berset äussern musste. Molina lobte den Gesamtbundesrat vorsichtig: «Er hat überraschend gut entschieden, nachdem er lange gewartet hatte.» Und schob die Verantwortung den Kantonen zu: «Das Boostern schreitet zu langsam voran. Wir haben immer noch ein riesiges Problem an den Schulen. Und die Kantone murren, wenn man auch nur irgendetwas beschliesst. Ich glaube, es ist auch wichtig, dass man mal sagt: Der Bundesrat hat seine Hausaufgaben gemacht, jetzt sind die Kantone an der Reihe.»

Die Vertreterinnen und Vertreter der politischen Mitte – anwesend waren FDP-Ständerat Josef Dittli und EVP-Nationalrätin Lilian Studer – gaben sich politisch mittig: Die neusten Beschlüsse seien eigentlich ok, Kritik hörte man aber zur Homeoffice-Pflicht (Dittli) oder darüber, dass die Kantone weiterhin herumwursteln können (Studer). Letztere ärgerte sich in der Tonalität ähnlich scharf über den Flickenteppich wie Molina: «In fünf verschiedenen Kantonen musste ich mich zurechtfinden, wo welche Bestimmungen gelten. Das war eine riesige Arbeit. Es wäre viel einfacher gewesen, wenn man es überall gleich gehandhabt hätte.»

Video: srf

Der Urner Ständerat Dittli sah in ihren Ausführungen einen Grund zur Generalkritik. «Ich sehe das Problem überhaupt nicht!», sagte er zu Beginn seiner Lobeshymne an den Föderalismus. «Wollen wir die Kantone abschaffen, sodass nur noch Bundesbern den Tarif durchgibt? Das will ich nicht. Die Kantone haben vieles gut gemacht. Selbstverständlich war nicht alles optimal, das wissen wir.» Dittli wollte da die Lanze für den «Flickenteppich» aka «Föderalismus» brechen. Doch da war Molina wieder nicht einverstanden: «Jetzt muss ich den Gottesdienst etwas stören!»

Er sprach über die «Verantwortungslosigkeit» der Kantone, über die Wirrungen bei Pooltests in den Schulen und den fehlenden Luftfilter und Massentests. «Die Leidtragenden sind die Kinder und die Eltern!» und später «Bei den Luftfiltern – gouverner, c'est prevoir – haben sich die Kantone auch nicht mit Ruhm bekleckert», so das Fazit von Molina.

Video: srf

Für Diskussionsstoff sorgte in der «Arena» einmal mehr auch die Impfung. Die Überleitung dazu lieferte Brotz mit der Booster-Idiotie, die sich in den vergangenen Tagen noch verschärfte (und wohl noch verschärfen dürfte). Fassen wir kurz zusammen: Offiziell darf erst nach sechs Monaten geboostert werden. Im Bundeshaus – und auch im BAG, wie Amtschefin Anne Lévy in der Sendung gestern ausführte – durfte man sich diese Woche aber bereits nach fünf Monaten boostern lassen. Die Empfehlung soll nun für alle auf vier Monate verkürzt werden (wobei der Kanton Zürich ab heute Samstag erst nach 5,5 Monaten die Auffrischimpfung verteilt).

Alles klar und alles okay? Lévy sagte dazu eigentlich nichts. Sie gab Allgemeinfloskeln von sich wie «Wir sind einfach um alle froh, die die Auffrischimpfung machen» oder «Ich freue mich für alle, die sich sehr dafür engagieren, diese Impfungen anzubieten und sie dann auch annehmen». Aber zum Monatswirrwarr hörte man nichts, ausser eben, dass auch ihr Bundesamt einen Monat früher den Mitarbeitenden die Auffrischimpfung gibt. Die Aussage machte sie wohl nicht ganz absichtlich: Die Kritik und Häme über das Schnellbooster-Privileg von Bundesparlamentariern hallte in diesem Moment spürbar nach.

Video: srf

Diskutiert wurde auch über Molinas Forderung nach einer Impfpflicht, die von Dittli auseinandergenommen wurde. Just dann, als die Diskussion eigentlich einen spannenden Abzweiger hätte nehmen können – Molina wollte die Impfpflicht mit der Dienstpflicht vergleichen – klemmte Brotz jedoch ab. Dittli konnte dazu den Schlusssatz machen: «Wir sind jetzt bei der Impfpflicht. Die Dienstpflicht ist etwas anderes.»

Als Zuschauerin oder Zuschauer hätte man hier vielleicht eine längere Diskussion hören wollen: Was unterscheidet eine Impfpflicht, die vielleicht zwei, drei Tage weh tut, von einer rund 300-tägigen Rekrutenschule?

Video: srf

Dazu hätte man spannende Gedanken von Contra- und Pro-Seite hören können. Stattdessen drehte sich die Diskussionsrunde überlang über den Impfstatus von Esther Friedli und ihrem Partner Toni Brunner, die zwar geimpft sind, aber nicht dafür werben wollen. «Eigentlich sind wir ja nicht glaubwürdig, wenn wir darüber sprechen, wie eine Impfung wirklich wirkt», so Friedli. Dieselbe Esther Friedli mit derselben virologischen Kompetenz sprach sich jedoch wenige Sekunden später für den Einsatz von Luftqualitätsmessgeräten oder fürs regelmässige Lüften aus. «Das ist eigenverantwortliches Handeln, jede und jeder von uns kann einen Beitrag leisten», so ihr Statement dazu, das eigentlich genau so gut zur Impffrage hätte gesagt werden können.

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Simonetta Sommarugas Rendezvous mit der Realität

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