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In der Tierversuch-Arena prallen Emotionen auf geschliffene Sätze

Wenn Worte nicht helfen, müssen A4-Blätter her: Renato Werndli (rechts) mit einer Studie zum Thema Tierversuche.
Wenn Worte nicht helfen, müssen A4-Blätter her: Renato Werndli (rechts) mit einer Studie zum Thema Tierversuche. bild: srf
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Wenn Emotionen auf geschliffene Politiker-Sätze prallen – das war die Tierversuch-«Arena»

Für das Pro-Lager der Initiative gegen Tierversuche liess sich kein Parlamentarier aufbieten. So kam es dazu, dass in der SRF-«Arena» Tierrechtlerinnen gegen Politiker antraten. Doch als Gewinner ging ein Dritter hervor.
05.02.2022, 00:1008.02.2022, 18:21
Helene Obrist
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Tier- und Menschenversuche sollen in der Schweiz verboten und Medikamente, die zuerst an Tieren getestet werden, nicht mehr in die Schweiz importiert werden. Das fordert die Initiative für ein Verbot von Tierversuchen. Als letzte der vier eidgenössischen Vorlagen wurde sie am Freitag in der SRF-«Arena» diskutiert.

Der Weg für die Befürworter könnte nicht steiniger sein. Nicht nur liess sich kein einziges parlamentarisches Mitglied finden, das sich für die Initiative ausspricht. Auch die jüngste SRG-Umfrage verheisst nichts Gutes: 68 Prozent der Befragten votierten gegen die Initiative. Nur gerade 26 Prozent würden ein Ja in die Urne legen.

«Die Initiative sucht ihresgleichen. Sie ist viel zu radikal formuliert», schiesst SP-Nationalrätin Gabriela Suter bereits in ihrem Öffnungsstatement gegen die Initianten. Nichts da, heisst es von Letzteren unisono. Renato Werndli, Co-Präsident der Interessensgemeinschaft, die die Tierversuchsverbotsinitiative lancierte, ist auf Gegenwind vorbereitet.

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«Die Forschung mit Tierversuchen ist eine instabile Forschung. Tiere sind als Messgeräte nicht geeignet», sagt Werndli. «Wir sind überzeugt, dass noch bessere Medikamente entwickelt werden ohne Tierversuche.»

Werndli versucht sachlich zu bleiben. Untermauert seine Argumente mit Studien und wissenschaftlichen Schriften. Harschere Töne erklingen aus der hinteren «Arena»-Reihe. Dort sitzt Edith Zellweger. Ihres Zeichens langjährige Tierschützerin aus der Ostschweiz. Die Befürworterinnen von Tierversuchen bezeichnet sie als Mafia und poltert: «Tierversuche sind zusammen mit der Landwirtschaft die grössten Verbrechen, die es gibt. Da wird Folter im Namen der Wissenschaft betrieben.»

95 Prozent der Tierversuche seien nutzlos, so Zellweger weiter. Nur ein Bruchteil der an Tieren getesteten Medikamenten würde es auch auf den Markt schaffen. «Ich kann nicht verstehen, wie man das mit unterstützen kann.»

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Neben der Tierschützerin Zellweger sitzt Michael Hengartner. Er ist Präsident des ETH-Rats und ehemaliger Rektor der Universität Zürich und forschte jahrelang mit Fadenwürmer.

Hengartner hört Zellweger aufmerksam zu. Zollt ihren Emotionen Respekt. Auch er würde sich eine Forschung ohne Tierversuche wünschen. Doch so weit sei man in der Wissenschaft noch nicht. «Und solange wir noch nicht an diesem Punkt sind, gefährde ich lieber ein Mäuse- anstatt ein Patientenleben, das muss ich ganz ehrlich sagen.»

Zellweger versucht dagegen zu halten. Doch es fällt schwer, ihrer Argumentation zu folgen. Sie erhält Unterstützung von Benja Frei, Präsidium der Liga gegen Tierversuche und für die Rechte des Tieres. Frei gibt offen zu: «Wir haben radikale Forderungen. Aber Tiere sind Lebewesen mit einer Persönlichkeit. Sie haben ein Recht auf Leben und Unversehrtheit.» Die Politik ignoriere Alternativmethoden zu Tierversuchen systematisch, schliesst Frei.

Mit Freis Anliegen sympathisiert GLP-Nationalrätin Katja Christ. Ein Ja in die Urne legen wird sie trotzdem nicht. Auch für sie geht die Initiative zu weit. «Die Versuchstiere liegen mir am Herzen. Aber mit einem Tierversuchsverbot werden alternative Forschungsmethoden nicht schneller entwickelt.» Komme hinzu, dass Alternativen zu Tierversuchen nicht nur wünschenswerter, sondern für die Pharmabranche auch günstiger seien. «Aus rein wirtschaftlicher Sicht würde es sogar Sinn ergeben, auf Tierversuche zu verzichten. Nur ist die Wissenschaft noch nicht so weit.»

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Christs Voten prallen an Tierrechtler Werndli ab. «Wir forschen seit Jahren zu Parkinson und Alzheimer mithilfe von Tiere. Das zeigt doch gerade, dass Tierversuche nichts bringen. Geheilt haben wir die Krankheiten bis heute nicht.»

Im Schwitzkasten mit Moderator Sandro Brotz wiederholt Werndli seine Argumente. Tierversuche würden nichts bringen, ausser das Tiere leiden. Er ist belesen, zitiert Studien. Man glaubt Werndli sein Herz für Tiere. Doch es hapert rhetorisch. Die Analogien und Beispiele wollen nicht so ganz aufgehen.

Die Pro-Seite steht einer Contra-Seite von Politikerinnen und Politiker gegenüber. Nie dagewesen sei das, sagt FDP-Nationalrat Matthias Michel, «dass eine Initiative so radikal ist, dass keine einzige Stimme im Parlament dafür gefunden werden konnte.»

Was Michel sagt, merkt man auch am Leutschenbach: Während die Parlamentarier in ihren Reden geübt, Aussagen auf den Punkt bringen, fällt das der Gegenseite zuweilen schwer. Und doch ist es weder eine Politikerin noch ein Tierrechtler, der den bleibendsten Eindruck hinterlässt.

Es ist Biochemiker und Molekularbiologe Michael Hengartner, der im Kreuzverhör von Sandro Brotz mit unaufgeregter Ehrlichkeit brilliert. Ja, Menschen töten Tiere im Namen der Wissenschaft. Ja, ein Grossteil der Versuchstiere wird nur dafür gezüchtet. Und ja, das Menschenleben wird über jenes des Tiers gestellt. «Wir haben in unseren Gesetzen eine menschenzentrierte Wertevorstellung. Wir sagen klar, der Mensch ist mehr wert als das Tier. Das ist eine moralische Einschätzung. Die kann man teilen oder eben auch nicht.»

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Hengartner fasst zusammen, um was es im Kern der Sache geht: Die Diskussion über Tierversuche ist alles andere als trivial. «Sie ist eine moralische Gratwanderung. Wir müssen uns immer und immer wieder fragen: Wie hoch ist das Leid für das Tier? Und wie hoch der Nutzen für den Menschen?».

Über genau diese Frage muss das Schweizer Stimmvolk am 13. Februar richten.

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So sehen übrigens Tiere ohne Nacken aus.
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So sehen übrigens Tiere ohne Nacken aus.
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Komplettes Tierversuchsverbot? Wir erklären die Initiative in 150 Sekunden
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48 Kommentare
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Ohniznachtisbett
05.02.2022 11:30registriert August 2016
Interessannt: Es heisst doch keine Tier- UND Menschenversuche, zudem Importverbot. Das würde ja bedeuten, dass in der CH kein Medikament mehr entwickelt werden könnte. Klinische Studien sind ja auch Menschenversuche. Ohne solche Studien ist eine Zulassung nicht möglich.
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Aschenmadlen
05.02.2022 13:19registriert Juli 2017
«Tierversuche sind zusammen mit der Landwirtschaft die grössten Verbrechen, die es gibt." So was Dummes hab ich schon lange nicht mehr gehört. Richtig schlimme Verbrechen möchte ich hier nicht aufzählen. Die Landwirtschaft ist die Grundlage der menschlichen Ernährung, auch für mich als Vegi.
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05.02.2022 10:07registriert April 2018
Ich fand die Diskussion sehr interessant und spannend. Es geht um die Wertschätzung der Tiere. Um Ethik und Moral, um den Status der Tiere und um Respekt gegenüber allen Lebewesen. Die Initiative bewirkt zumindest, dass man darüber spricht. Und das ist sehr gut so.
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