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Das Bundesasylzentrum in Zürich Mitte März: Hunderte Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, warten auf die Registrierung durch die Schweizer Behörden.
Das Bundesasylzentrum in Zürich Mitte März: Hunderte Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, warten auf die Registrierung durch die Schweizer Behörden. Bild: keystone

Zwar kommen weniger ukrainische Geflüchtete – doch es gibt ein neues Problem

Fast 54'000 Geflüchtete aus der Ukraine haben unterdessen den Schutzstatus S erhalten. Viele wurden mit offenen Armen empfangen. Doch je länger der Krieg andauert, desto komplizierter wird die Suche nach einer Zweitunterkunft. Ein Augenschein in Thun und Bern.
12.06.2022, 13:0113.06.2022, 17:15

Olga Burlutska und Janine Rüfenachts Umgang ist vertraut. Und das, obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Die beiden Frauen sitzen in der Cafeteria der Hotelfachschule Thun. Wenn die Brocken Englisch und Deutsch nicht ausreichen, hilft eine App bei der Übersetzung.

Anfang März flüchtete die 41-jährige Burlutska zusammen mit ihrem Sohn und weiteren Familienmitgliedern aus Kiew in die Schweiz. Etwa zum gleichen Zeitpunkt fasste sich Rüfenacht, Vizedirektorin der Hotelfachschule Thun, ein Herz.

Olga Burlutska (links) und Janine Rüfenacht in der Cafeteria der Hotelfachschule Thun.
Olga Burlutska (links) und Janine Rüfenacht in der Cafeteria der Hotelfachschule Thun. bild: watson

«Ich habe die vielen Aufrufe auf Facebook gelesen. Alle suchten nach einer Bleibe. Wir mussten einfach helfen», erinnert sich Rüfenacht. Im März stand die Hotelfachschule Thun, die selbst ein Hotel und Serviced Apartments betreibt, praktisch leer. Die Entscheidung war schnell gefällt. Kurze Zeit später bezogen Burlutska, ihr sechsjähriger Sohn und acht andere Geflüchtete aus der Ukraine die Apartments.

Fast drei Monate sind seither vergangen. Burlutska und ihre Verwandten haben wie fast 54'000 andere Ukrainerinnen und Ukrainer den Schutzstatus S erhalten. Burlutska arbeitet unterdessen im Zimmerservice des Hotels. Ihr Sohn besucht den nahegelegenen Kindergarten.

Doch die Bleibe in den Serviced Apartments ist zeitlich begrenzt. Diese Woche zogen Burlutska und ihr Sohn in ein Zimmer des Studierenden-Wohnheims ein. Bis Mitte Juni werden aber auch die Wohnheime an Hotelgäste vermietet.

Könnte Rüfenacht Burlutskas Familie weiter beherbergen, würde sie das tun. «Aber ich bin auch dafür verantwortlich, dass das Hotel gut wirtschaftet. Und wir haben harte Monate hinter uns.»

Verzweifelt sucht Rüfenacht deshalb nach einer Wohnung für die Grossfamilie. Sie schreibt Posts auf Facebook, telefoniert mit den Behörden, hört sich bei Bekannten um.

Aber die Suche ist kompliziert. Weil Burlutska weiterhin im Hotel arbeiten will und ihr Sohn bereits in den Kindergarten geht, suchen sie nach einer Unterkunft in der Nähe. Aber der Thuner Wohnungsmarkt ist ausgetrocknet. Und eine Gastfamilie, die sechs Personen gleichzeitig aufnimmt, sei schwierig zu finden.

Ultima Ratio sei ein Asylheim, sagen beide Frauen. Aber auch das würde wohl bedeuten, dass Burlutska nicht mehr arbeiten, ihr Sohn nicht mehr in den Chindsgi gehen könnte. Denn die Asylunterkunft in der Nähe ist bereits voll. Andere Asylheime wären zu weit weg und abgelegen. Kommt hinzu, dass die Geflüchteten seit Ende Mai selbst für die ÖV-Tickets aufkommen müssen.

Auch über Facebook sucht Vizehoteldirektorin Janine Rüfenacht nach einer Zweitunterkunft für die Geflüchteten.
Auch über Facebook sucht Vizehoteldirektorin Janine Rüfenacht nach einer Zweitunterkunft für die Geflüchteten. bild: screenshot/facebook

«Ich weiss bis heute nicht, wo sie nächste Woche hingehen», sagt Rüfenacht. Vielleicht fände sich doch noch irgendwo eine Wohnung. Eine Person, die Platz für ein paar Personen hätte. «Ich kann aber nachvollziehen, dass man als Vermieterin oder Vermieter zurückhaltend ist, den Geflüchteten eine Wohnung zu vermieten. Wir wissen alle nicht, was in drei Monaten ist und ob sie dann noch hier sind.»

Auch Burlutska zuckt nur mit den Schultern. Vor einer Asylunterkunft fürchtet sie sich. Zurückzukehren in die Ukraine ist für sie aktuell auch keine Option. «Ich gehe, wenn keine Bomben mehr fallen und der Krieg vorbei ist», sagt sie. Natürlich hoffe sie auf ein baldiges Ende. «Mein Bauchgefühl sagt mir aber, dass mein Sohn in der Schweiz zur Schule gehen wird.»

Verkehrte Welt in Bern

Während sich Vizedirektorin Rüfenacht in Thun den Kopf über eine Zweitunterkunft zerbricht, ist es neben dem Bundesasylzentrum in Bern ruhig.

Thomas Studer steht vor einem Seiteneingang des alten Ziegelspitals. Dort, wo sich seit Mitte März Tausende von Geflüchteten aus der Ukraine für den Schutzstatus S registrieren lassen. «Noch vor wenigen Wochen standen die Geflüchteten bis auf die Strasse Schlange», sagt Studer und führt ins Innere des Gebäudes.

Im Auftrag der Schweizerischen FLüchtlingshilfe (SFH) kümmert sich Studer um die Unterbringung der Geflüchteten in Schweizer Gastfamilien. Anfang März wurde er dafür von Caritas Schweiz extra aus dem Ruhestand geholt. Mit seiner langjährigen Projekterfahrung war er der richtige Mann für die komplexe Aufgabe. Innerhalb von vier Tagen musste Studer ein Team und eine funktionierende Infrastruktur auf die Beine stellen. «Mehr Zeit hatten wir nicht. Am 12. März kamen bereits die ersten Geflüchteten aus der Ukraine.»

Ukrainische Geflüchtete in der Schweiz
Der Zustrom von Ukraine-Flüchtlingen ist unterdessen etwas abgeflacht. Wie David Keller, der Leiter des Krisenstabs Asyl im SEM sagte, sind es derzeit etwa 5000 bis 6000 Personen pro Monat. Das könne der Bund in seinen Asylzentren handhaben.

Etwa 200 Geflüchtete seien ausgereist und ihr Schutzstatus erloschen. 53'000 Flüchtlinge verfügen unterdessen über den Status S. Eine Verweigerung oder eine genauere Überprüfung des Status S drängte sich gemäss Keller in 260 Fällen auf. 55'300 Ukrainerinnen und Ukrainer sind auf die Kantone verteilt. (sda)

Studer und sein Team arbeiten eng mit dem Staatssekretariat für Migration (SEM) zusammen. Das SEM kümmert sich um den Registrierungsprozess im vorderen Teil des alten Spitals, die SFH ist in den hinteren Räumen angesiedelt.

Wer für die Unterbringung in einer Gastfamilie geeignet ist, kommt zu Studer und seinem Team. Dort kümmern sich Vermittler- und Übersetzerinnen um die Unterkunft. Sie rufen bei den Gastfamilien an und fragen, ob das Angebot noch stehe.

Projektleiter Thomas Studer (rechts) und IT-Experte Patrick Horisberger in einem alten Trakt des ehemaligen Ziegelspitals in Bern. Sobald sich die Geflüchteten erfolgreich registriert haben und für eine Gastfamilie geeignet sind, kommen sie zu Studer und seinem Team.
Projektleiter Thomas Studer (rechts) und IT-Experte Patrick Horisberger in einem alten Trakt des ehemaligen Ziegelspitals in Bern. Sobald sich die Geflüchteten erfolgreich registriert haben und für eine Gastfamilie geeignet sind, kommen sie zu Studer und seinem Team. bild: watson

«Die Anfangszeit war sehr intensiv», sagt Studer. Pro Vermittlung hatte sein Team knapp eine Stunde Zeit. Danach musste für die Geflüchteten die passende Gastfamilie gefunden sein. Sobald die Vermittlung erfolgreich ist, liegt alles Weitere in der Verantwortung des jeweiligen Kantons respektive der Gemeinde.

«Das funktioniert mal besser, mal schlechter», sagt Studer. Viele Gemeinden oder Kantone würden sich weder um die Geflüchteten, noch um die Gastfamilien kümmern. Andere wiederum verhielten sich vorbildlich. «Typisch Föderalismus», sagt er.

Für viele Gastfamilien sei die Aufnahme der Geflüchteten eine Bereicherung, so Studer. Bei einigen gibt es Schwierigkeiten. «Wenn die Vorstellung vom Zusammenleben unterschiedlich sind oder wenn man sich beim Kochen, Essen oder bei der Erziehung nicht findet, dann wird es schwierig.»

Die Angebote der Gastfamilien sind feinsäuberlich in Schubladen abgelegt. Ganz wichtig: Die Frage, ob Haustiere mitdürfen oder nicht.
Die Angebote der Gastfamilien sind feinsäuberlich in Schubladen abgelegt. Ganz wichtig: Die Frage, ob Haustiere mitdürfen oder nicht.bild: watson

1800 Unterkünfte und Gastfamilien hat Studers Team via der Campax-Plattform bereits vermittelt. In kleinen Schubladen fein säuberlich abgelegt und beschriftet warten zahlreiche weitere vorab geklärte Beherbergungsmöglichkeiten. Viele davon bleiben vorerst ungenutzt.

Denn sobald die Geflüchteten bei einer Gastfamilie sind, sind die Kantone in der Pflicht, allfällige Zweitunterkünfte zu suchen. Dann können Studer und sein Team eigentlich nicht mehr weiterhelfen.

Und genau diese Suche nach der Zweitunterkunft wird in den kommenden Wochen zunehmend zur Herausforderung werden. Denn viele Gastfamilien verpflichteten sich, die Geflüchteten für drei Monate aufzunehmen. Diese Zeit neigt sich bald dem Ende zu.

Einige Kantone befürchten, dass sie deswegen plötzlich zahlreiche Geflüchtete in Kollektivunterkünften unterbringen müssen. Doch für sehr viele ukrainische Familien, wie jene von Burlutska in Thun, ist ein Asylheim keine Option.

Und auch Thomas Studer von der SFH hält Kollektivunterkünfte nicht für die beste aller Lösungen. «Wir haben positive Erfahrungen mit den Gastfamilien gemacht. Sie können sehr viel zur Integration beitragen und bei vielen Problemen unterstützen, wo die Geflüchteten in einer Kollektivunterkunft womöglich auf sich allein gestellt wären.»

So bleibt vielen ukrainischen Geflüchteten nichts anderes übrig, als sich auf eigene Faust auf Wohnungssuche zu machen. Davon zeugen die zahlreichen Facebook-Beiträge in der Gruppe «Switzerland with Ukraine». Denn vorerst sieht es nicht so aus, als würde der russische Angriffskrieg ein baldiges Ende nehmen.

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57 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Demo78
12.06.2022 13:21registriert August 2017
Seit dem 11. März wohnen auch ein Mädchen und ihre Mutter bei mir in der 3 Zimmer Wohnung und sie bleiben solange wie nötig. Mittlerweilen läuft auch die Unterstützung des Kantons ziemlich gut.
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Biindli
12.06.2022 14:45registriert Oktober 2015
Bei uns hat es im Grossen und Ganzen gut funktioniert. (Ktn. SO) Nach etwas mehr als 2 Monaten bei uns durfte unsere Mitbewohnerin mit ihren 2 Kids in eine schöne Sozialwohnung nur 800m von uns einziehen. Im Kleinen musste ich manchmal den Kopf schütteln und was mich wohl noch lange stören wird ist, dass die Behörden immer zuerst mit uns Kontakt aufnehmen über ihren Kopf hinweg. Ich sage dann immer: "Bitte sprechen Sie direkt mit Frau X"... Sie kann nämlich sehr gut englisch. Und ich finde man sollte nie ohne die Betroffenen über diese sprechen.
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MarieA.
12.06.2022 18:30registriert Mai 2021
Bei uns lief es leider nicht so gut. Wir haben für 2 Monate eine junge Dame aufgenommen. Ursprünglich waren wir bereit sie länger zu unterstützen, aber leider war das zusammenleben schwierig und wurde zu einer grossen Belastung für uns. Sie hat uns angelogen, war respektlos und hat zudem das Gästezimmer in einem absolut katastrophalen Zustand hinterlassen. Ich finde es schade, wir wollten ihr helfen hier auf eigenen Beinen zu stehen. Sie wollte ein hotel mit Vollpension und roomservice. Ich finde es nach wie vor wichtig den Menschen zu helfen, aber ich traue es mir selber nicht mehr zu.
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