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About 3,000 construction workers demonstrate for an extension of their collective agreement with the master builders organisation and an increase in wages on Monday, October 15, 2018, in Bellinzona, Switzerland. (KEYSTONE/Ti-Press/Gabriele Putzu)

Rund 3'000 Bauarbeiter demonstrieren fuer eine Verlaengerung ihres Tarifvertrages mit den Baumeistern und um eine Erhoehung der Loehne, am Montag, 15. Oktober 2018 in Bellinzona. (KEYSTONE/Ti-Press/Gabriele Putzu)

Mehrere tausend Bauarbeiter legten Mitte Oktober ihre Arbeit nieder, die Baustellen standen still. Sie fordern faire Arbeitszeiten, mehr Lohn und Rentenalter 60.  Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

«Weiss nicht, ob ich meinen Kindern die Lehre empfehle» – ein Maurer spricht Tacheles

5500 Büezer demonstrierten schon im Tessin und in der Westschweiz für faire Arbeitsbedingungen. Heute Dienstag gehen auch die Zürcher Bauarbeiter auf die Strasse. Der 22-jährige Maurer Manuel Deverell erzählte watson, was die Schweizer Bauarbeiter so wütend macht.



Manuell Deverell, gross, lange blonde Rastazöpfe, kommt humpelnd zum Gespräch. Er hat sich bei der Arbeit den Zeh verletzt. «Gebrochen ist zum Glück nichts, aber arbeiten kann ich für die nächsten drei Tage sicher nicht», meint er kopfschüttelnd.

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Manuel Deverell arbeitet seit sieben Jahren als Maurer.  bild: zvg

Vor sieben Jahren entschied sich Deverell für eine Lehre als Maurer. Der Gedanke, etwas mit den Händen zu erschaffen, gefiel ihm. «Es machte Spass, am Ende des Tages sein Werk zu sehen», so der 22-Jährige. Seither zieht er von Baustelle zu Baustelle. Angestellt bei einem der grössten Bauunternehmen der Schweiz, weiss Deverell, welches die grössten Probleme auf dem Bau sind.

«Ab einem gewissen Alter haben sehr viele Kollegen körperliche Probleme. Der Rücken schmerzt, die Gelenke tun weh.» Deshalb, so Deverell, sei es enorm wichtig, das Rentenalter bei 60 Jahren zu belassen. Statistiken zufolge sterben Bauarbeiter im Durchschnitt 4,4 Jahre früher als Leute in anderen Berufen. Das weiss auch Deverell: 

«Wenn du dich mit 60 pensionieren lässt, hast du meist nur noch ein paar Jahre zu leben. Das kann es doch nicht sein.»

Warum streiken die Bauarbeiter?

Ende 2018 läuft der Landesmantelvertrag (LMV) aus, den die Gewerkschaften Unia und Syna zusammen mit dem Baumeisterverband ausgehandelt haben. Nach einer Grossdemonstration im Juni 2018 lenkte der Baumeisterverband ein und arbeitete einen neuen Vertrag aus. Die Rente mit 60 soll bleiben, die Bauarbeiter übernehmen die Kosten der Pensionskassensanierung, erhalten dafür aber eine Lohnerhöhung. Der Baumeisterverband ist jedoch nur bereit die Lösung umzusetzen, wenn die Gewerkschaften einem Kahlschlag im LMV zustimmen. Der neue Vertrag sieht vor, dass die Arbeitstage der Bauarbeiter von März bis Dezember bis zu zwölf Stunden dauern können. Diese Änderung stösst den Gewerkschaften sauer auf. Mit Protestaktionen und Grossdemonstrationen kämpfen die Bauarbeiter nun gegen eine solche Regelung.

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«Oft arbeiten wir Überstunden oder am Wochenende, wenn die Baustelle bis Ende Woche abgeschlossen sein muss», erzählt Manuel Deverell. bild: zvg

Für Deverell ist klar: Er wird nicht bis ins Rentenalter Maurer bleiben. Der Arbeitsalltag sei zu stressig, der Druck enorm. «Die Preise für die Baustellen werden sehr knapp berechnet. Jeder Tag, an dem die Baustelle noch nicht fertig ist, kostet die Baufirmen viel Geld.»

Zu spüren bekommen das allen voran er und seine Mitarbeiter, erklärt Deverell und fügt hinzu: «Früher war das Material teuer, heute sind es die Personalkosten.» Und diese würden mit allen Mitteln gedrückt, so der Maurer. «Oft arbeiten wir Überstunden oder am Wochenende, wenn die Baustelle bis Ende Woche abgeschlossen sein muss.» Angepackt werde dabei von allen. «Niemand will derjenige sein, der am Samstag nicht kann. Schliesslich könnte man seinen Job verlieren.»

About 3,000 construction workers demonstrate for an extension of their collective agreement with the master builders organisation and an increase in wages on Monday, October 15, 2018, in Bellinzona, Switzerland. (KEYSTONE/Ti-Press/Gabriele Putzu)

Rund 3'000 Bauarbeiter demonstrieren fuer eine Verlaengerung ihres Tarifvertrages mit den Baumeistern und um eine Erhoehung der Loehne, am Montag, 15. Oktober 2018 in Bellinzona. (KEYSTONE/Ti-Press/Gabriele Putzu)

Rund 3000 Bauarbeiter demonstrierten am 15. Oktober in Bellinzona für eine Verlängerung ihres Tarifvertrages mit den Baumeistern und um eine Erhöhung der Löhne. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Ein weiteres Problem sei die Temporärarbeit. «Viele Bauarbeiter verlieren ihre Festanstellung und werden in Temporärjobs gedrängt. Das finde ich sehr bedenklich.» Hinzu kommt, dass der Job immer unattraktiver für die Jungen werde, sagt Deverell. «Arbeite ich auf einer Baustelle, gehöre ich meistens zu den Jüngsten. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 40 Jahren.» Das sei eine traurige Entwicklung. «Der Bau braucht den Nachwuchs.»

Doch wenn die Arbeitsbedingungen immer schlechter werden, könne er gut verstehen, wieso viele auf eine Lehre als Maurer verzichten würden. «Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob ich meinen zukünftigen Kindern eine Maurerlehre empfehlen würde», so Deverell nachdenklich.

Lehrabschlüsse Maurer
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In den letzten elf Jahren haben im Durchschnitt immer weniger Lernende mit der Lehre als Maurer abgeschlossen. 

Es sei enorm wichtig, dass die Bauunternehmen Jobs auf dem Bau in Zukunft attraktiver gestalten – besonders für die nachfolgenden Generationen. «Weniger Druck, eine bessere Feedbackkultur und keine Erhöhung der Arbeitszeiten» wünscht sich Deverell.

Er hat die Streiks im Tessin und der Romandie mitverfolgt. Und er wäre auch gerne an die heutige Demonstration in Zürich gegangen. Doch sein Zeh lässt es nicht zu. Auf einen positiven Ausgang der Verhandlungen hofft Deverell trotzdem. «Es geht um die Zukunft des Baus. Und darum, wie attraktiv die Jobs für den Nachwuchs noch sein werden.»

Diese App soll Schweizer Arbeitsplätze verteidigen

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Indische Bauarbeiterinnen: So arm, dass sie ihr Kind anbinden

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