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Rate mal, was es in den Verwaltungsräten der Spitäler kaum gibt? Management-Erfahrung

Schweizer Spitäler werden mehrheitlich von Politikern, Ärzten und Anwälten geführt. Wirtschaftsberater sehen darin einen Grund für die hohen Kosten. Sie fordern mehr Fachkompetenz und mehr Unabhängigkeit in den Verwaltungsräten.

roger braun / ch media



In der Theorie ist es klar: Der Verwaltungsrat hat die oberste Verantwortung für ein Unternehmen und setzt sich deshalb aus erfahrenen Führungskräften zusammen. In der Gesamtwirtschaft haben denn auch zwei von drei Verwaltungsräten bereits Erfahrungen in Geschäftsleitungen gesammelt.

Nicht so in den Schweizer Spitälern: Obwohl sie mit 2000 und 10'000 Mitarbeitern eine vergleichbare Grösse aufweisen, haben ihre Führungskräfte kaum Management-Erfahrung vorzuweisen.

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Der Wirtschaftsberater und Vergütungsexperte Urs Klingler hat die 20 grössten Spitäler der Schweiz mit dem Rest der Wirtschaft verglichen. Die Unterschiede sind frappant.

Bestehen die Verwaltungsräte kotierter Firmen zu 67 Prozent aus aktuellen oder früheren Geschäftsführern oder Geschäftsleitungsmitgliedern, beträgt dieser Anteil bei den Spitälern lediglich 19 Prozent.

Im Gegenzug dominieren in den Spitalverwaltungsräten Ärzte, Politiker und Anwälte, die mehr als die Hälfte ausmachen. Für Klingler fehlen dafür stichhaltige Gründe. Vielmehr wittert er Vetternwirtschaft. Er sagt: «Offensichtlich erhalten die Spitalverantwortlichen ihre Mandate nicht aufgrund ihrer Kompetenzen, sondern wegen ihrer Beziehungen.»

«Das gegenwärtige Gewicht von Politikern und Ärzten in den Spitalverwaltungsräten ist völlig übertrieben.»

Heinz Locher, Gesundheitsökonom

Ärzte und Politiker treiben Ausgaben in die Höhe

Die Spitäler sind in der Schweiz der grösste Kostenblock im Gesundheitswesen. 35 Prozent der Ausgaben der Grundversicherung – über elf Milliarden Franken – fliessen jährlich in die Krankenhäuser.

In den Augen von Klingler könnte ein guter Teil dieser Kosten eingespart werden, wären die Verwaltungsräte anders zusammengesetzt. Er ortet mangelndes Kostenbewusstsein. «Das ist eine direkte Folge davon, dass in den Verwaltungsräten zu wenige Finanzfachleute und erfahrene Manager sitzen.»

Heinz Locher war einst Generalsekretär der Berner Gesundheitsdirektion und sass in mehreren Spitalleitungen. Auch er übt Kritik an der Zusammensetzung der Verwaltungsräte. «Leider geht es häufiger darum, wer jemand ist und wen er vertritt, anstatt um die Kompetenzen, die jemand ins Gremium einbringen könnte», sagt Locher.

Für den Gesundheitsökonom sind die Spitalverwaltungsräte ungenügend durchmischt. «Unbestritten ist, dass es eine Person mit medizinischem Fachwissen braucht, sowie eine Person, die sich mit der öffentlichen Verwaltung auskennt», sagt er. «Doch das gegenwärtige Gewicht von Politikern und Ärzten in den Spitalverwaltungsräten ist völlig übertrieben.»

Locher sieht in der unausgewogenen Vertretung eine der Hauptgründe für die gegenwärtige Überversorgung mit Spitälern. «Politiker wollen keine Abwahl riskieren, indem sie Spitäler schliessen», sagt er. «Und die Ärzte haben ebenfalls wenig Interesse, sich gegen ihre Berufskollegen zu stellen.»

Kantone in der Pflicht

Verantwortlich für die Verwaltungsräte sind die Kantone. Sie entscheiden als Besitzer, wer im höchsten Führungsorgan Einsitz nimmt. Wieso berufen sie nicht mehr erfahrene Führungskräfte in die Verwaltungsräte?

Die Vize-Präsidentin der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren Heidi Hanselmann nimmt nur zurückhaltend Stellung zur Studie. Es liege an den einzelnen Kantonen, die ­Verwaltungsräte ihrer Unternehmen zu ernennen, sagt sie. «Allgemein lässt sich feststellen, dass sich die Führungsstrukturen professionalisiert haben. Die Spitäler sind heute wesentlich eigenständiger in ihrem Handeln», sagt sie. Und: «Diese Entwicklung dürfte noch nicht abgeschlossen sein.»

Heidi Hanselmann (Regierungsraetin Kanton St. Gallen und Praesidentin Stiftungsrat Gesundheitsfoerderung Schweiz), an der Medienkonferenz der Gesundheitsfoerderung Schweiz, im Cabaret Voltaire in Zuerich, am Mittwoch, 10. Oktober 2018. Mehr als 5‘500 Menschen haben an der Studie ueber das psychische Wohlergehen der Schweiz teilgenommen. Puenktlich zum 10. Oktober, dem internationalen Tag der psychischen Gesundheit, werden die Resultate praesentiert. (KEYSTONE/Patrick Huerlimann)

Heidi Hanselmann, St.Galler Gesundheitsdirektorin. Bild: KEYSTONE

Dass überdurchschnittlich viele Politiker in den Verwaltungsräten der Spitäler sitzen, findet die St.Galler Gesundheitsdirektorin zudem «nicht aussergewöhnlich, denn auch in der Privatwirtschaft nimmt der Eigentümer auf die strategische Ausrichtung des Unternehmens Einfluss».

Gesundheitsökonom Locher ist da kritischer. Er sagt, natürlich müsse die Politik die Gesundheitsversorgung steuern. «Aber sie soll das als Gesetzgeber tun und nicht als Eigentümer.» Für ihn ist klar: Mit der Herauslösung der Spitäler aus der öffentlichen Verwaltung ist aus einem politischen ein unternehmerisches Gremium geworden. Deshalb müsse ein öffentliches Spital auch nach unternehmerischen Grundsätzen geführt werden. «Die Doppelrolle eines Regierungsmitglieds im Verwaltungsrat ist deshalb hochproblematisch. Es erschwert die effiziente Führung eines Spitals.»

Spitäler wollen auch Bevölkerung gerecht werden

Der Spitalverband H+ weist darauf hin, dass sich in den vergangenen Jahren zumindest die Gesundheitsdirektoren allesamt aus den Spitalverwaltungsräten zurückgezogen haben. Komplett auf den Einsitz von Politikern zu verzichten, wäre aber falsch, sagt Verbandspräsidentin und FDP-Nationalrätin Isabelle Moret. Sie sagt: «Ein Spital muss nicht nur die finanziellen Ziele im Auge haben, sondern auch den Bedürfnissen der Bevölkerung nachkommen.»

Grössere Gremien

Verwaltungsräte von Spitälern sind nicht nur anders zusammengesetzt, sondern unterscheiden sich auch in der Grösse von anderen Aktiengesellschaften. Die im Swiss Performance Index verzeichneten Firmen weisen laut der Studie von Urs Klingler durchschnittlich sechs Verwaltungsräte auf; bei Spitälern sind es neun. Das exakt gleiche Bild zeigt sich bei den Geschäftsleitungen. Für Isabelle Moret als Vertreterin der Spitäler ergibt das Sinn. «In einem Spital sind verschiedene Berufsgruppen tätig, die es auch in den Geschäftsleitungen abzubilden gilt», sagt sie. Deshalb seien zum Beispiel Ärzte und die Pflege in der Führungsetage vertreten. Klingler hingegen findet die Gremien überdimensioniert. Dass neben dem medizinischen Leiter zum Teil bis zu drei Chefärzte in den Geschäftsleitungen sässen, sei völlig überzogen, und gäbe den Ärzten ein zu starkes Gewicht, kritisiert der Wirtschaftsberater.

10 Tage krank ohne Arztzeugnis bei Bâloise

Video: srf/SDA SRF

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