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Tiefe Nachfrage nach Label-Fleisch: Detailhändler müssen Fleisch günstiger verkaufen

Es wird mehr Labelfleisch produziert als gekauft. Das bringt Detailhändler in Bedrängnis – und sorgt bei Bauern und Branchenvertretern für Kopfschütteln.
21.12.2021, 05:17
Chiara Stäheli / ch media

Sie stehen vor dem Fleischregal im Supermarkt, suchen nach Schweinsplätzli fürs Weihnachtsessen. Schweizer Fleisch soll es sein, das ist Ihnen wichtig. Sie haben die Wahl zwischen dem konventionell produzierten Produkt (1.60 Franken/100 Gramm), dem Label-Produkt von Naturafarm (2.55 Franken/100 Gramm) oder dem Biofleisch (4.85 Franken/100 Gramm). Als Labelfleisch wird Fleisch von Tieren verstanden, die nach den Richtlinien von IP Suisse, Naturafarm, Weidebeef oder anderen Tierwohl-Labels gehalten werden. Deren Anforderungen gehen über das Tierschutzgesetz hinaus. Wofür entscheiden Sie sich?

Grosse Auswahl, schwieriger Kaufentscheid: Letztlich entscheidet oft der Preis.
Grosse Auswahl, schwieriger Kaufentscheid: Letztlich entscheidet oft der Preis.Bild: christan beutler/keystone

Nach wie vor ist der Preis für den Grossteil der Kundschaft das Hauptkriterium beim Einkauf. Angesichts der Tatsache, dass man für ein biologisch produziertes Fleischprodukt dreimal mehr bezahlen muss als für eines aus konventioneller Tierhaltung, ist dieses Konsumverhalten nachvollziehbar. So sind denn auch mehr als die Hälfte aller Frischfleisch-Produkte in der Migros, der grössten Detailhändlerin der Schweiz, weder label- noch biozertifiziert. Und von jenen 45 Prozent, die ein Label aufweisen, können längst nicht alle Produkte auch tatsächlich zum vorgesehenen Label-Preis verkauft werden. Ein beträchtlicher Teil des Labelfleischs muss aufgrund der fehlenden Nachfrage zum konventionellen Preis verkauft werden.

Das gibt auch Konkurrent Coop zu: Zwar «kommen Abwertungen nur selten vor», doch auch beim zweitgrössten Detailhändler der Schweiz landet Labelfleisch von Naturafarm zum Preis von Fleisch aus konventioneller Tierhaltung in den Kühlregalen.

Angebot ist doppelt so hoch wie die Nachfrage

Dieser Aspekt wurde in der Debatte zur Massentierhaltungs-Initiative im Nationalrat vergangene Woche mehrfach erwähnt. Der Tessiner Mitte-Nationalrat Fabio Regazzi sagte: «Es muss festgestellt werden, dass heute zwar, um nur ein Beispiel zu nennen, 60 Prozent der Schweine die Anforderungen dieser Labels erfüllen, aber nur 30 Prozent als solche vermarktet werden können, weil die Nachfrage noch zu gering ist.»

Zahlen des Schweizer Bauernverbands bestätigen diese Aussage: Je nach Tiergattung leben 60 bis 95 Prozent der Tiere in besonders tierfreundlichen Ställen (BTS), und 40 bis 85 Prozent haben regelmässigen Auslauf im Freien (RAUS). Die Labelanteile im Verkauf variieren hingegen zwischen 10 und 40 Prozent. Zu beachten gilt hier aber auch: BTS und RAUS sind Direktzahlungsprogramme des Bundes und nicht gleichzusetzen mit Labels. Sie gelten aber bei den meisten Labels als Kriterien für die Zulassung. So müssen beispielsweise Landwirte, die nach IP-Suisse-Standard produzieren, sowohl am RAUS- als auch am BTS-Programm teilnehmen.

Höhere Preise lassen Vorsätze dahinschmelzen

Der Bauernverband sieht zwei Gründe für die zu tiefe Nachfrage nach Labelfleisch:

«Einerseits ist diese sicher dem höheren Preis geschuldet, andererseits dürfte die fehlende Nachfrage auch am zu wenig konsequenten Einkaufsverhalten liegen.»

Sprich: Der Kunde nimmt sich zwar vor, Fleisch aus besonders tierfreundlicher Haltung zu kaufen, krebst dann aber vor dem Regal zurück - wohl auch wegen der deutlich höheren Preise.

Für die Bauern sei es frustrierend, «wenn man einem vermeintlichen Bedürfnis der Bevölkerung gerecht werden möchte» und das Fleisch dann trotzdem zum konventionellen Preis verkauft werden müsse, «weil die Leute zu wenig Interesse daran haben», schreibt der Bauernverband.

Detailhandel soll Produkte klarer beschriften

Diese Beobachtung macht auch Raphael Helfenstein. Der Landwirt aus dem Kanton Luzern ist Marktspezialist beim Schweizerischen Schweinezucht- und Schweineproduzentenverband Suisseporcs. «Wir haben Betriebe, die darauf warten, in ein Labelprogramm aufgenommen zu werden. Doch ihre Bestrebungen hin zu einer noch tierfreundlicheren Haltung scheitern an der fehlenden Nachfrage», so Helfenstein.

Mitverantwortlich für diese Tatsache sei auch die Marge der Detailhändler, die bei Labelfleisch viel höher sei als bei konventionell produziertem Fleisch. Zudem ortet Helfenstein bei der Verpackung und Beschriftung der Produkte Nachholbedarf: «Der Konsument kann im Laden fast nicht unterscheiden zwischen Standard-, Label-, Bio- oder Import-Fleisch. Das müssen die Detailhändler vereinfachen.» Entsprechende Vorschläge von Branchenvertretern seien bis anhin nur wenig erfolgreich gewesen.

Marge bei Bio- und Labelfleisch deutlich höher

Eine Studie von Tierschutz Schweiz aus dem Jahr 2020 hat die Margen auf Fleischprodukten genauer untersucht - und die Detailhändler in Bedrängnis gebracht. Sie kommt zum Schluss: Vor allem bei Label- und Biofleisch sind die Margen sehr hoch. Bei einem Label-Rindsplätzli schlagen Grossverteiler im Schnitt 144 Prozent auf den Einstandspreis obendrauf. Beim konventionell produzierten Pendant beträgt die Marge durchschnittlich gerade mal 47 Prozent. «Nachhaltig und tierfreundlich erzeugte Fleischsortimente werden im Markt unattraktiv positioniert», so die Studienautoren. Und weiter: «Ein Preissystem, das die erzielten Mehrwerte nicht dem Erzeuger zugutekommen lässt, kann nicht als fair bezeichnet werden.»

An dieser Stelle verweist die Studie auf den sogenannten «Produzentenanteil», also den Anteil des Verkaufspreises, der letztlich dem Bauern zukommt. Während Label- und Bioproduzenten zwar von höheren Direktzahlungen durch den Bund profitieren, ist ihr Produzentenanteil deutlich tiefer als bei konventionell produziertem Fleisch. So erhält ein Rindviehzüchter, der die Biorichtlinien einhält, gerade mal einen Drittel des Verkaufspreises direkt auf die Hand. Einem konventionell wirtschaftenden Betrieb hingegen fliesst mehr als die Hälfte des Verkaufspreises zu. Es stellt sich also die Frage, ob letztlich der Detailhandel von den Subventionen des Bundes profitiert. (saw/ch media)

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