Schweiz
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Pures Schweizer Trinkwasser? Von wegen! Sogar längst verbotene Pestizide finden sich darin

Wir trinken kein reines H2O. Im Gegenteil: Nichts spiegelt unseren Lebenswandel so deutlich und lang anhaltend wie unser Wasser.

Sabine Kuster / ch media



«Pestizid-Rückstände an jeder fünften Grundwassermessstelle!» Diese Meldung der Nationalen Grundwasserbeobachtung Naqua sorgte kürzlich für Aufregung und befeuerte zwei Unterschriftensammlungen für Initiativen.

Auftrieb gab das auch dem «Aktionsplan Pflanzenschutzmittel», welche drei eidgenössische Departemente im Auftrag des Bundesrates seit 2014 entwickeln. Wenns um sein Trinkwasser geht, wird der Schweizer aktiv. Kein Lebensmittel steht so sehr für Reinheit.

Die allermeisten Schweizer denken, dass ihr Trinkwasser frei von Schadstoffen sei. Das hat eine Umfrage des Schweizerischen Vereins des Gas- und Wasserfaches (SVGW) ergeben. Die Hahnenwasser-Abstinenten sind seit 2001 um die Hälfte auf nur noch 8 Prozent geschrumpft.

Grafik trinkwasser

Bild: Aargauer Zeitung

Denn eben: Unser Trinkwasser ist hervorragend. Oder? Es ist auf jeden Fall das «am besten kontrollierte Lebensmittel der Schweiz», sagt Miriam Reinhardt vom Bundesamt für Umwelt (Bafu), «und man kann es überall bedenkenlos trinken.»

Sie korrigiert den Eindruck, der nach dem Bericht der Naqua über die Pestizid-Rückstände im Grundwasser, schweizweit entstand: «Wir haben keine Indizien, dass sich die Qualität des Grundwassers, aus dem 80 Prozent des Trinkwassers in der Schweiz gewonnen werden, in den letzten Jahren landesweit verschlechtert hat», sagt Reinhardt.

Dass an den Grundwasserfassungen mehr verschiedene Schadstoffe gefunden werden, hängt damit zusammen, dass nach mehr Stoffen gesucht wird und die Analyse-Technik immer empfindlicher wird.

Gefunden wird so einiges, was das Mythos vom puren Lebenselixier trübt. Beim SVGW geht man bezüglich Flusswasser von «einigen tausend Inhaltsstoffen» aus. Dies jedoch in Kleinstkonzentrationen bis zu 12 Stellen nach dem Komma. Dennoch sagt Kommunikationsleiter Paul Sicher: «Man kann nie alles messen.»

Eine junge Frau genehmigt sich einen Schluck Wasser aus dem Wasserhahn, aufgenommen in einer Kueche in Zuerich am 22. Maerz 2004. Schweizer Trinkwasser ist laut dem Zuercher Kantonslabor jedem Mineralwasser praktisch ebenbuertig. Qualitative Abweichungen gibt es allenfalls beim Mineraliengehalt, wie Alfred Besl, Leiter des Trink- und Badewassers, am 22. Maerz 2004 an einer Medienkonferenz zum Weltwassertag sagte. Das von den Wasserversorgungsunternehmen verteilte Trinkwasser sei im allgemeinen von ausgezeichneter Qualitaet. Das kantonale Labor Zuerich habe im vergangenen Jahr 7.103 Trinkwasserproben untersucht. Dabei habe es 87 Beanstandungen in mikrobiologischer Hinsicht und 21 in chemischer Hinsicht gegeben, sagte Besl.  (KEYSTONE/Walter Bieri)

Die allermeisten Schweizer denken, dass ihr Trinkwasser frei von Schadstoffen sei. Bild: KEYSTONE

Pestizide werden vor allem in landwirtschaftsnahen Gebieten analysiert. Dort fördern die Wasseranalysen eine lange Liste an Inhaltsstoffen zutage. Nicht immer liegt die Menge unbedenklich bei weniger als 0,1 Mikrogramm pro Liter. 0,1 Mikrogramm Pestizid pro Liter entsprechen einem halben Reiskorn pro 10'000 Kilogramm Reis.

30 Pflanzengift-Wirkstoffe

Die Menge ist unvorstellbar klein – allerdings weiss man nur die Menge pro gemessenes Pestizid, nicht die Gesamtmenge, da eben nie alles gemessen wird. Von den rund 300 verschiedenen Pflanzenschutzmitteln, die in der Schweiz zugelassen sind, untersuchte die Naqua das Grundwasser auf rund 30 Wirkstoffe von Pestiziden (PSM) und 26 dazugehörige Metaboliten.

Metaboliten sind umgewandelte chemische Stoffe. Nach diesen Pestizid-Rückständen wurde gezielt geforscht, weil sie in grösseren Mengen eingesetzt werden oder als besonders wasserlöslich gelten. Schweizweit werden jährlich 2000 Tonnen von rund 300 verschiedenen Pflanzenschutzmitteln verkauft.

Gefunden wurden 24 Wirkstoffe und 15 Metaboliten. Laut Naqua ist das ähnlich viel wie in den Jahren zuvor. Davon überschritten 5 Wirkstoffe und 11 Metaboliten die Konzentration von 0,1 Mikrogramm pro Liter.

Verboten – und trotzdem nachweisbar

Der Pestizid-Wirkstoff Atrazin ist immer noch am stärksten nachweisbar, obwohl seit 2007 verboten. Während diese Werte langsam abnehmen, steigen dafür jene von Metolachlor leicht – dem Ersatz-Wirkstoff für Atrazin. Von diesen beiden Stoffen wurden auch Metaboliten verbreitet nachgewiesen – und zwar in grösserer Menge als dem Ursprungsprodukt.

Auch Bentazon, das für Getreide-, Kartoffel- und Maisanbau verwendet wird, überschritt mancherorts den Grenzwert. Chloridazon (Futter- und Zuckerrübenanbau) wurde im Grundwasser zwar kaum gefunden, dafür auffallend häufig seine beiden Metaboliten. Rückstände von Pestiziden können die Grundwasser-Qualität über viele Jahre beeinträchtigen, denn Grundwasser erneuert sich nur langsam. Im Schnitt dauert es einige Jahre – im Gebirge können sogar 20 Jahre vergehen, bis eine Quelle das hervorsprudelt, was sie im Sickergebiet aufgenommen hat.

Wie giftig die Stoffe in kleinsten Mengen für Menschen sind, kann meist nicht genau gesagt werden. Empfindlich ist aber das Ökosystem im noch ungefilterten Grundwasser, den Flüssen und Seen. Die Nationale Beobachtung Oberflächengewässerqualität (Nawa) wies in einer Spezialuntersuchung 2012 an fünf Messstellen Mikroverunreinigungen in einer Konzentration nach, die für Wasserlebewesen problematisch hoch ist.

Für die Trinkwasserversorger bedeuten viele Schadstoffe mehr Arbeit. Dann müsste man mehr als die 30 Prozent des Schweizer Trinkwassers speziell reinigen. «Wir sind in der Schweiz privilegiert, dass wir den grössten Teil des Wassers nicht behandeln müssen», sagt Paul Sicher vom SVGW. «Das wollen wir auch den folgenden Generationen erhalten – natürliches Trinkwasser.»

Ein Drittel des Wassers wird mit Ultraviolettlicht bestrahlt, um Keime abzutöten. Etwa in Sils im Engadin. Sonst wird das Quellwasser dort nicht gefiltert. Ebenso das Quellwasser in Wittnau AG, das im Jura in einem regionalen Naturpark liegt. Nicht einmal mit UV-Licht behandelt wird das Trinkwasser in Aarau, das zu 100 Prozent Grundwasser ist.

Deutlich mehr tun müssen die Wasserversorger für die Grossstädte Basel und Zürich. In Basel fliesst es durch einen Schnellfilter, wird einer Grundwasseranreicherung unterzogen und entsäuert.

Seewasser versus Quellwasser

«Oberflächenwasser muss man immer sorgfältig aufbereiten, aber am Schluss resultiert einwandfreies Trinkwasser», sagt Sicher. Überspitzt: Man kann aus jeder Pfütze Trinkwasser filtern. «Bloss würde das wohl von der Bevölkerung zurecht nicht akzeptiert», so Sicher. Pures Quellwasser ist nicht unbedingt gesünder als gereinigtes Zürcher Seewasser. Der Nitratwert (Rückstände von Dünger) ist in Wittnau mit 7 Milligramm pro Liter doppelt so hoch wie in Zürich (Grenzwert: 40 mg/l).

Kommerzielle Mineralwasser preisen ihre Qualität mit einer hohen Menge an Magnesium und Kalzium an. Im Silser Quellwasser ist nur eine geringe Menge vorhanden. 16 mg/l Kalzium sind es dort, 62 mg/l in Basel und sogar 105 mg/l in Aarau. «Es gibt kein Idealwasser», sagt Sicher. Während also die Aarauer sich über den hohen Mineralgehalt freuen, ärgern sie sich über verkalkte Geräte und Leitungen .

Ein grosser Vorteil des Wassers ist auch sein Nachteil: Es löst viele Stoffe sehr gut auf. Das ist beim Waschen und Putzen erwünscht, führt aber dazu, dass fast alles, was wir täglich verwenden irgendwann als Mikroverunreinigung in unserem Trinkwasser auftaucht. Auch Rückstände von Medikamenten oder Kosmetika.

Sicher betont: «Trinkwasser bleibt eines der reinsten Lebensmittel. Mit einem konventionell angebauten Apfel pro Tag nehmen wir vermutlich mehr Pestizide zu uns. Dass an jeder fünften Grundwasserfassung die Konzentrationen von Pestiziden und deren Abbauprodukten über 0,1 Mikrogramm pro Liter liegen, ist aber besorgniserregend.»

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