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Kommentar

Ich liebe «Harry Potter» – aber ich halte J.K. Rowling nicht mehr aus

J.K. Rowling und die Harry-Potter-Stars bei der Premiere von «Harry Potter und die Heiligtümer des Todes».  Bild: AP

Elisabeth Kochan / watson.de



Aufgepasst, «Potter»-Fans: Wenn ihr kontroverse Meinungen zu Harrys Universum und dessen Erschafferin nicht ertragen könnt, ist das hier vielleicht nicht die richtige Lektüre. Es ist kein Liebesbrief – und das, obwohl ich selbst leidenschaftlicher Fan bin.

Aber genau das ist der Punkt: Ich bin Fan von «Harry Potter», nicht von J.K. Rowling. Gegen die hege ich mittlerweile einen echten Groll. Denn die Art, mit der sie mit Kritik umgeht, macht mich wütend.

Aber fangen wir von vorne an.

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Bild: giphy

«Harry Potter» hat mein Leben verändert. Das ist keine liebestrunkene Fan-Floskel, ich meine das vollkommen ernst: Als «Harry Potter and the Deathly Hallows» im Sommer 2007 erschien, war ich 15 Jahre alt, Hardcore-Fan und zu ungeduldig, um drei Monate auf die deutsche Fassung zu warten. Also wagte ich mich ans englische Original – und landete dann später im Anglistik-Studium. Thank you, Harry. Und thank you, J.K., denn natürlich weiss ich, dass ich ihr das Ganze zu verdanken habe.

Was mich allerdings nicht dazu verpflichtet, ihr in der realen Welt des getwitterten Wortes die Füsse zu küssen. Denn dort versucht sie krampfhaft, dem in den «Harry Potter»-Büchern vermittelten Weltbild des weissen, heterosexuellen Zauberers ein bisschen mehr Farbe hinzuzufügen.

Dabei geht es mir um Tweets wie diesen.

J.K. Rowling schreibt:

«Wenn uns ‹Harry Potter› eins beigebracht hat, dann, dass niemand in einem Schrank leben sollte.»

An sich eine tolle Message. Natürlich geht es dabei nicht um den wortwörtlichen, sondern den metaphorischen Schrank: Rowling will uns damit vermitteln, ihre Geschichte setze sich für das freie Ausleben jeglicher Sexualität ein, als Antwort auf die hoffnungsvolle Theorie eines Fans, Hogwarts sei ein sicherer Ort für die LGBT-Community. 

Mein Problem damit: Eine solche Community gibt es in Hogwarts leider einfach nicht.

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Bild: giphy

Bevor ihr jetzt aufschreit: «Aber was ist mit Dumbledore?» – Ja, sicher, inzwischen gilt die von Rowling 2007 bei einem Q&A in New York herausposaunte Enthüllung um Dumbledores (Homo-) Sexualität als Fakt. Da gibt es allerdings gleich mehrere Haken:

  1. Nirgendwo im Buch wird das auch nur angedeutet – nicht nur im Bezug auf Dumbledore: Alle Charaktere in «Harry Potter» scheinen heterosexuell zu sein.
  2. Einen Hinweis auf Dumbledores Homosexualität gibt es dann zwar in den «Phantastische Tierwesen»-Filmen, aber eben ausdrücklich «nicht explizit», sagt Regisseur David Yates.
  3. Rowling liess die grosse «Dumbledore ist schwul»-Bombe im Oktober 2007 platzen – erst drei Monate nach der Veröffentlichung des siebten Teils. Wörtlich sagte sie: «Ich habe Dumbledore immer als schwul gesehen. [...] Hätte ich gewusst, dass euch das so glücklich macht, hätte ich das schon vor Jahren verkündet!»

Es ist diese nachträgliche Bearbeitung von bereits bestehendem Material, die mich so stört. Und die will einfach nicht enden. «Heiligtümer des Todes» mag 2007 erschienen sein – aber Rowling hat in diesen vergangenen elf Jahren nie aufgehört, an der Geschichte herumzubasteln.

Natürlich ist es ihr geistiges Eigentum – aber sie zeichnet nachträglich ein Utopia, das in den Büchern einfach nicht existiert.

Zahllose Male wurde Rowling vorgeworfen, in «Harry Potter» kein sonderlich diverses Gesellschaftsbild zu präsentieren: Nicht nur Sexualität wirkt darin sehr eindimensional, auch Religion und Nationalität sind in nur wenigen bis gar keinen Facetten vertreten. Und dagegen versucht Rowling seitdem vorzugehen – mit einem Twitter-Feldzug.

Ein Fan twitterte: «Meine Frau sagt, es gebe keine Juden in Hogwarts. Ich bin Jude, also schätze ich, sie hat das nur gesagt, um die einzige Hexe in der Familie zu sein.» Woraufhin Rowling antwortete: «Anthony Goldstein, Ravenclaw, jüdischer Zauberer.»

Wer ist bitte Anthony Goldstein?!

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Bild: giphy

Ja, der gute Anthony spielte tatsächlich nie eine bedeutende Rolle und war einfach bloss ein Ravenclaw-Platzhalter in «Dumbledores Armee». Seine Religion? Wenn überhaupt, dann Nebensache, wie auch die jedes anderen Charakters in «Harry Potter». Damit habe ich persönlich kein Problem; eine Geschichte, die nicht nur Religion, sondern auch Nationalität, Sexualität, Bildung, etc. pp. in so vielen Facetten darstellt, dass sich niemand je ausgeschlossen fühlen könnte, möchte ich nicht lesen. Eine bereits bestehende Geschichte, die in irgendeiner dieser Richtungen Defizite hat, allerdings mit schnippischen Twitter-Ergänzungen nachträglich aufzuhübschen, ist für mich Schummelei.

Rassismus? Gibt es in Harrys Welt nicht.

«Nein, zwischen allen Zauberern jeder Herkunft herrschte gegenseitiger Respekt und ein Gefühl der Verbundenheit.»

Sexuelle Diskriminierung? Auch nicht.

«Nur lächerliche Muggel [würden Dumbledore diskriminieren]. Den Zauberern ist das egal – ihnen geht es nur um die Magie.»

Und gerade religiöse Vielfalt ist Rowling scheinbar ein wichtiges Anliegen.

Auf Twitter, wohlbemerkt – nicht in den Büchern. Denn obwohl sie schreibt, ...

... Wiccans (Wicca ist die Religion der Hexen) seien die einzigen Religionsanhänger, die sie in Hogwarts nicht sehen könne, weil deren Konzept von Magie mit dem aus den Büchern kollidiere, stellt sich eine Frage: Wieso sieht man von diesen ganzen Religionen dann nichts? Weihnachten und Ostern feiert Harry zwar, aber nicht in ihrem ursprünglichen religiösen Kontext. Rowling macht es sich mit ihrer Behauptung sehr leicht: Indem sie gar keine Religion zeigt, ist es einfach, zu behaupten, alle seien vertreten. Nur eben nicht sichtbar.

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Bild: giphy

Aber damit ist nicht Schluss – denn Rowling versucht auch, nachträglich (Haut-) Farbe einzufügen.

Harry, Ron und Hermine sind weiss – davon gingen die meisten Leser immer aus. Warum? Vielleicht wegen ihrer Film-Darsteller.

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Bild: giphy

Die potentielle Ausnahme: Hermine, die in den Büchern lediglich als braunäugig und kraushaarig beschrieben wurde und somit Spielraum bezüglich ihrer Hautfarbe lässt. Als 2015 Noma Dumezweni, eine dunkelhäutige Schauspielerin, für das Theaterstück «Harry Potter and the Cursed Child» in der Rolle der Hermine gecastet wurde, war der Aufruhr gross. Und plötzlich warf Rowling auch auf Twitter die Möglichkeit in den Raum, Hermine sei schon die ganze Zeit dunkelhäutig gewesen:

«Canon: Braune Augen, krause Haare und sehr clever. Weisse Haut war nie angegeben. Rowling liebt die schwarze Hermine.»

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Bild: imgur

Versteht mich nicht falsch: Ich würde mir auch mehr Vielfalt in den Büchern wünschen.

Aber dann auch richtig – nämlich von Anfang an, nicht nachträglich per Twitter-Fussnote eingefügt. Auf mich macht das den Eindruck, als habe Rowling die Bücher so «clean» wie möglich halten wollen, indem sie Themen wie Religion, Nationalität und Sexualität aussen vor liess, und auch über ein Jahrzehnt später noch immer je nach Lust und Laune dort ergänzt, wo die Kritiker ansetzten. Denn wenn jemand den Vorwurf äussert, es gebe nicht genug sexuelle oder religiöse Vielfalt in «Harry Potter», ist es nicht genug, diesen Makel mit einem «Ach, habe ich das nie erwähnt? Dumbledore ist übrigens schwul und Nebencharakter #5674 ist Jude!» auszubessern.

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bild: giphy

Vor allem, wenn man nicht konsequent genug ist, diesen Nachtrag dann auch in den «Phantastische Tierwesen»-Prequels offen und ehrlich durchzuziehen – sowohl in sexueller als auch in religiöser Hinsicht: Dumbledore und Grindelwald, sein Widersacher und Voldemorts Vorgänger, gelten zwar als homosexuell, zeigen es aber kaum (bis gar nicht), und Tina und Queenie Goldstein scheinen Anthonys Vorfahren zu sein, sind aber offenbar (?) keine praktizierenden Juden. Aber über die Prequels habe ich mich schon lang und breit hier ausgelassen.

Natürlich ist es einerseits schön, dass der «Zauber» nie zu enden scheint – aber irgendwann ist Schluss.

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Bild: giphy

Wenn ihr die Energie aufbringen könnt, jeden einzelnen «Potter»-Tweet von Rowling und jeden Artikel auf «Pottermore» zu lesen, wo nicht nur die Autorin, sondern ein ganzes Team an Leuten die Geschichte mit weiteren Informationen aufbauscht, ziehe ich meinen Hut vor euch. Mich persönlich stresst diese «Extended Version» einer Story, die ich in- und auswendig zu kennen glaubte, nur.

Ständig kommt etwas Neues dazu, das bereits Gelerntes teilweise so abändert, dass ich mich – und mein Herz blutet bei dieser Einsicht – inzwischen nicht mehr zu 100% auskenne im «Potter»-Universum. Und vielleicht entspricht meine Version der Geschichte mittlerweile gar nicht mehr der von Pottermore und Twitter-Rowling ergänzten Story. Ich werde es nie erfahren.

Denn inzwischen ist der Zug so dermassen abgefahren, dass ich wohl mehrere Wochen bräuchte, um mich durch sämtliches neues Material zu lesen. Und das ist eine Arbeit, die ich nicht leisten will – denn «Harry Potter» gefällt mir so, wie es ist. Ohne Pottermore. Ohne Twitter. Und, ja, ohne J.K. Rowling, die nach all den Jahren immer noch nicht aufgehört hat, an ihrer längst publizierten Geschichte weiterzuschreiben.

Ist «Harry Potter» geklaut?

Video: srf/SDA SRF

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