Chelsea geht den Bach runter – auch Stars machen die US-Besitzer verantwortlich
Ziemlich genau vier Jahre ist es nun her, dass die BlueCo-Gruppe um Todd Boehly und den Schweizer Hansjörg Wyss bei Chelsea das Ruder übernommen hat. Fünfmal entliessen die neuen Besitzer in dieser Zeit bereits den Trainer. Das letzte Opfer ist seit dem gestrigen Mittwochabend Liam Rosenior, der nach nur viereinhalb Monaten aus seinem Vertrag bis 2032 entlassen wurde.
Chelsea hat in der Premier League zuletzt fünf Spiele verloren, ohne ein eigenes Tor zu schiessen. Zuletzt 0:3 in Brighton. «Das war inakzeptabel», sagte Rosenior danach. Gefragt, ob es einen Bruch zwischen ihm und den Spielern gebe, antwortete er: «Wenn man die heutige Leistung als Massstab nimmt, sieht es so aus. Ich fühle aber keinen Bruch. Der Mangel an Leidenschaft und Glauben lässt es lediglich so aussehen.»
Diese Aussagen sowie der Absturz in der Premier League auf Platz 8, durch welchen die Blues den Europacup komplett zu verpassen drohen, lassen die Entlassung unausweichlich erscheinen. Und das, obwohl sie im FA Cup im Halbfinal stehen und sich noch für die Europa League qualifizieren könnten. Boehly und Co. machen dabei dennoch einmal mehr keine gute Figur – und ihre Liste von Problemen wird immer länger.
Kein Respekt bei den Spielern
Liam Rosenior einzustellen war von Beginn weg ein Risiko. Obwohl der 41-jährige Engländer als grosses Trainertalent galt, beschränkte sich seine Erfahrung auf je anderthalb Jahre beim englischen Zweitligisten Hull und in Strassburg sowie eine Anstellung als Interimstrainer bei Derby County. Weil er weder als Trainer noch als Spieler eine grosse Figur war, hatte er einen schwierigen Stand bei den Spielern. Ihm fehlte der Leistungsausweis, um einen so grossen Klub wie Chelsea zu übernehmen.
Dennoch war Rosenior die naheliegende Lösung, nachdem sich Chelsea und Vorgänger Enzo Maresca aufgrund anhaltender Differenzen getrennt hatten. Der Italiener hatte sich mehrmals gegen die Vereinsführung aufgelehnt und gegen Eingriffe von oben gewehrt, ausserdem liebäugelte er offen mit dem Job als Nachfolger von Pep Guardiola bei Manchester City. Nach Maresca stellten Boehly und Co. dann Rosenior an. Der trainierte zuvor Partnerklub Strassburg, bei dem sich die Blues einfach so bedienen konnten. Von ihm war weniger Gegenwind für die Besitzer zu erwarten.
Dass Boehly und Co. erneut einen jungen und bei einem Topklub unerfahrenen Coach einstellen und ihn dann schnell wieder entlassen, weil sich der Erfolg nicht direkt einstellt, sei sehr besorgniserregend, schreibt The Athletic. Schon Graham Potter wurde im April 2023 nach weniger als einer Saison aus einem langfristigen Vertrag entlassen. Daraus scheinen die Klubverantwortlichen nicht wirklich gelernt zu haben.
Stars stellen Besitzer infrage
Was BlueCo zusätzliche Sorgenfalten ins Gesicht treiben sollte, sind die Aussagen ihrer Stars. Marc Cucurella und Enzo Fernandez äusserten sich im März beide kritisch über die jüngsten Entscheidungen des Klubs. Sowohl der Spanier als auch der Argentinier gehören zu den wenigen teuren Transfers unter der Führung Boehlys, die richtig eingeschlagen haben und zu absoluten Leistungsträgern geworden sind.
«Ich verstehe es nicht», sagte Mittelfeldspieler Fernandez in Bezug auf die Entlassung Marescas. «Es hat geschmerzt, weil wir eine klare Identität hatten.» Der 46-jährige Trainer führte Chelsea zum Gewinn der Conference League und zum Triumph an der Klub-WM. Auch Cucurella kritisierte den Entscheid der Vereinsführung im Gespräch mit The Athletic: «Der Weggang Marescas hatte einen grossen Einfluss auf uns. Der Klub hat die Entscheidung getroffen, ich hätte nicht so entschieden. Eine solche Veränderung nimmt man am besten am Ende der Saison vor.»
Cucurella ging aber noch weiter. Nach den deutlichen Pleiten im Champions-League-Achtelfinal gegen PSG (0:3 und 2:5) machte der spanische Europameister die Transferpolitik des Klubs dafür verantwortlich. Er verstehe, dass es Teil der Strategie sei, junge Spieler zu verpflichten und sie womöglich gewinnbringend zu verkaufen. «Aber für uns Spieler, die noch immer hier sind und Grosses erreichen wollen, sind solche Momente entmutigend», so der 27-jährige Aussenverteidiger.
Wer in der Premier League und der Champions League um Titel kämpfen will, brauche mehr als nur einen Kern an guten Spielern, wie ihn Chelsea aktuell habe. Junge Spieler würden die Situation eher verkomplizieren, stellt Cucurella klar. «Es braucht Spieler, die solche Situationen bereits erlebt haben.»
Bedrohliche Finanzsituation
Ein Blick in die Zukunft könnte Cucurella zusätzlich beunruhigen. Chelsea schrieb in den letzten Jahren fast immer hohe Verluste. Dafür sind auch die hohen Transferkosten verantwortlich. Unter Boehly und Co. gaben die Blues fast 800 Millionen Euro mehr für Spieler aus, als sie einnahmen. Jährlich müssen sie Ausgaben in Höhe von rund 200 Millionen Euro amortisieren.
Weil sie gegen das Financial Fair Play der UEFA verstossen haben, dürfen sie in der nächsten Saison keinen Verlust machen, ansonsten droht ein Ausschluss aus dem Europacup. Eigentlich wären deshalb die Einnahmen aus der Champions League essenziell – in der nächsten Saison dürften diese aber ausbleiben. Und weder in der Europa League noch der Conference League ist das auch nur ansatzweise zu kompensieren. Das könnte dazu führen, dass Chelsea einige seiner besten Spieler verkaufen müsste.
Erschwerend kommt für die Londoner hinzu, dass ihre kommerziellen Einnahmen deutlich geringer sind als bei anderen Topklubs in England und Europa. Unter anderem konnten die Einnahmen aus dem Trikot-Deal im Vergleich deutlich weniger gesteigert werden als zum Beispiel bei Bayern. Fast alles geht bei Chelsea derzeit also den Bach runter.
Wütende Fans
Wenig überraschend hatten die Chelsea-Fans schon vor der Entlassung Liam Roseniors keinen Bock mehr auf BlueCo und ihren Trainer. Vor dem Spiel am Wochenende, das gegen Manchester United 0:1 verloren ging, protestierten viele Fans gemeinsam mit einigen Leidensgenossen aus Strassburg. «BlueCo raus» oder «Wir wollen unser Chelsea zurück» war dort zu hören.
Chelsea and Strasbourg fans held a joint protest over their Blueco ownership ahead of the Blues’ game vs Man Utd at Stamford Bridge this evening. pic.twitter.com/nWMLWCIQKM
— Football on TNT Sports (@footballontnt) April 18, 2026
«Wir sind sehr enttäuscht von der Richtung, die der Verein derzeit einschlägt», sagte der Verantwortliche der Vereinigung, die den Protest organisierte. «Das aktuelle Modell verlangt uns Fans eine Menge Geduld und Vertrauen ab, doch ist kein klarer Plan ersichtlich», heisst es in einem offenen Brief einer Fan-Vereinigung.
Sie schreien schon nach Ex-Besitzer Roman Abramowitsch, unter dem die Blues fünf Meisterschaften und zwei Champions-League-Titel feierten. Aufgrund seiner Nähe zu Wladimir Putin musste er den Klub nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine aber aufgeben.
Mitbesitzer Behdad Eghbali versuchte aus der Ferne zu beschwichtigen. «Wir interessieren uns für die Meinung der Fans», liess er aus Los Angeles verlauten. Die Verantwortlichen wüssten, dass die Leistungen besser werden müssten. «Es gibt einen Plan und wir versuchen ihn zu verbessern und anzupassen, wenn er nicht funktioniert», so Eghbali, der eine klare Botschaft für die Fans hatte: «Wir stehen zu unserer Sache.» Die Besitzer hätten vieles richtig gemacht und jetzt gehe es darum, «mehr fertig geformte Spieler zu holen, um das Projekt auf die nächste Stufe zu heben».
Das Wort «Projekt» dürfte bei der Fan-Vereinigung, die den Protest organisiert hat, kaum für Freudensprünge sorgen. Diese heisst nämlich «Not A Project CFC» – der Chelsea Football Club sei ebendies in den Augen der Fans also nicht.
