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Marc Lüthi (Manager und Mitbesitzer SC Bern) und Peter Zahner (Manager ZSC Lions).
Marc Lüthi (Manager und Mitbesitzer SC Bern) und Peter Zahner (Manager ZSC Lions).Bild: freshfocus
Eismeister Zaugg

Die Hockey-Klubbosse in Bern und Zürich werden wieder zu mächtig

Vor zwei Monaten hat Verbandsgeneral Florian Kohler (44) mit seinem Rücktritt alle überrascht. Nach wie vor gibt es viele unbeantwortete Fragen. Was war eigentlich los? Wie geht es beim Verband weiter? Und was macht Florian Kohler jetzt?
31.01.2019, 02:0331.01.2019, 13:48

Im Sommer 2013 macht Präsident Marc Furrer Florian Kohler zum Geschäftsführer des Eishockey-Verbandes (Swiss Ice Hockey). Florian Kohler? Der damals 38-Jährige war seit 2009 Leiter der Sportproduktion beim staatstragenden Fernsehen. Bei seiner Vorstellung wird in erster Linie erwähnt, dass er mit der TV-Frau Steffi Buchli verheiratet ist. Niemand geht davon aus, dass jetzt eine neue Ära beginnt.

Aber keiner hat es in der langen Geschichte des Eishockey-Verbandes fertiggebracht, in so kurzer Zeit so viele gegen sich aufzubringen. Bevor Florian Kohler kommt, sind die Geschäftsführer mehr Verwalter als Macher. Die Politik machen die Mächtigen der Klubs. Sie sitzen im 21. Jahrhundert in der Regel in Bern, Davos oder Zürich, manchmal gehen sie heilige oder unheilige Allianzen miteinander ein, um ihre Interessen durchzusetzen. Ein Verbandsgeschäftsführer als Macher? Geht nicht.

Florian Kohler.
Florian Kohler.Bild: KEYSTONE

Geht doch. Florian Kohler setzt sich durch. Er mischt die Verbandsadministration auf. In den Medien wird hin und wieder aufgelistet, wer nun alles die Verbandsbüros freiwillig oder unfreiwillig verlassen hat. Florian Kohler hat dazu einmal gesagt: «Ich hatte eine Vision und eine Linie und einige haben diese Vision nicht geteilt.» Und bei anderer Gelegenheit brachte er das Beispiel vom Zug, der nun schneller fahre und einige eben vom Wagen fallen.

Die Personalrochaden der «Ära Kohler» sorgen letztlich für einen Generationenwechsel, der unser Eishockey dynamisiert und sowohl international als auch in den heimischen Ligen besser gemacht hat.

Unter Florian Kohler werden alle Schlüsselpositionen – Liga-Direktor, Schiedsrichter-Chef, Sportdirektor, Marketingchef, Chef der Regionalligen, Kommunikationschef, Nationaltrainer, Einzelrichter – neu besetzt. Einzelne Abteilungen werden neu strukturiert.

Sportlich am spektakulärsten wirkt sich die Philosophie «Swissness» aus: Schweizer sollen eine Chance bekommen. Mit der Rückendeckung von Florian Kohler setzt der neue Sportdirektor Raeto Raffainer Nationaltrainer Patrick Fischer auch gegen Widerstände der Klubbosse durch und hält ihn in der stürmischen Anfangszeit im Amt. 2018 verpasst die Nationalmannschaft mit Patrick Fischer den WM-Titel im Finale erst durch ein verlorenes Penalty-Schiessen gegen Schweden.

Patrick Fischer.
Patrick Fischer.Bild: KEYSTONE

Gar ein Quantensprung gelingt beim Verkauf der TV-Rechte für die Liga und die Nationalmannschaft. Florian Kohler erhöht diese Einnahmen von etwas mehr als zehn auf heute über 35 Millionen Franken. Der Verband ist unter seinem Management so stark und wirtschaftlich und sportlich so erfolgreich wie nie in seiner Geschichte. In seinem 6. Amtsjahr sind die Kritiker verstummt. Die Klubbosse parieren mehr oder weniger.

Am 16. November 2018 überrascht der Geschäftsführer mit seiner Demission alle. Selbst die grossen Zampanos Peter Zahner (Manager ZSC Lions) und Marc Lüthi (Manager und Mitbesitzer SC Bern), die eigentlich alles wissen und an jeder politischen Hockey-Intrige beteiligt sind, haben nichts geahnt. Ein sicheres Zeichen dafür, dass Florian Kohler tatsächlich aus freien Stücken den Job aufgegeben hat und nicht das «Opfer» eines Machtkampfes oder von Kompetenz-Überschreitungen geworden ist. Es wäre auf dem Planeten Schweizer Eishockey absolut unmöglich gewesen, einen Machtkampf oder irgendwelche «Mischlereien» geheim zu halten.

Wie stets bei einem so bedeutsamen Wechsel auf der Kommandobrücke schiessen die Spekulationen trotzdem ins Kraut. Genüsslich wird etwa kolportiert, in den Verbandsbüro habe jemand nach der Kündigung des Chefs gesagt, dummerweise sei das Wetter garstig. Sonst könnte man jetzt eine Gartenparty veranstalten. Logisch: Wenn ein so fordernder Chef geht, wird gefeiert.

Nun hat also eine neue Ära begonnen. Nach den teilweise stürmischen Jahren geht es wieder ruhiger zu und her. Die neue Zeit wird durch den neuen Verbands-Präsidenten Michael Rindlisbacher vortrefflich personifiziert. Nur ja keine Aufregung mehr! Der langjährige Freund des grossen SCB-Vorsitzenden Marc Lüthi gilt als freundlicher, korrekter Opportunist. Als Mann der Kommissionen und Kompromisse.

Wer sagt, dass der neue Präsident die Dynamik und das Tempo des Machers Florian Kohler auf Dauer nicht goutiert und ihn nicht mehr durch alle Böden hindurch gestützt hätte, ist kein Schelm. Und so ist es nur logisch, dass Florian Kohlers Angebot, im OK der Eishockey WM 2020 in Zürich und Lausanne zu verbleiben, von Michael Rindlisbacher nicht angenommen worden ist. Eine Ära ist zu Ende. Definitiv.

Nach wie vor hat der Verband keinen Nachfolger für «General Kohler» präsentiert. Noch ist offen, wie die Geschäftsstelle im heraufziehenden Zeitalter der Beschaulichkeit und Besitzstandwahrung geführt werden soll.

Raeto Raffainer.
Raeto Raffainer.Bild: KEYSTONE

Wieder mit einem wirkungsmächtigen Manager, der alles zu hinterfragen wagt und den Klubbossen auf Augenhöhe entgegentritt? Gewährsleute berichten, einflussreiche Klubgeneräle entlang der A1 seien der Meinung, man müsse Florian Kohler eigentlich gar nicht ersetzen. Es genüge, einen Administrator zu verpflichten, die Position von Ligadirektor Denis Vaucher aufzuwerten und Sportdirektor Raeto Raffainer nicht zu verärgern. So könne man ordentlich Geld sparen.

Eine solche Lösung mit einem freundlichen, schwachen Präsidenten und einer Verbands-Administration ohne starken Chef wie Florian Kohler einer war – das wäre ganz im Sinne der Klubbosse in Bern, Zug, Davos und Zürich. Bei einem «Macht-Vakuum» in der Zentrale haben sie mehr Einfluss auf die Verbandsgeschäfte und Geldflüsse.

Eine solcher Zustand wäre für die Entwicklung unseres Hockeys allerdings gefährlich. Die Erfahrung lehrt: Ist der Verband schwach und haben die Klubs zu viel Macht, dann wird am falschen Ort gespart. Beispielsweise bei den Junioren-Nationalteams und Ausbildungskonzepten. Damit mehr Geld in die Klubkassen und dort direkt in die Spielersaläre fliesst.

Florian Kohler blickt inzwischen gelassen auf die sechs Jahre beim Verband zurück. Er begründet heute seinen Rücktritt noch genau gleich wie vor zwei Monaten: Es sei der richtige Zeitpunkt zum Rücktritt gewesen. «Nach einer Zeit der Neuaufstellung kommt jetzt eine Phase der Konsolidierung.»

Wo er recht hat, da hat er recht: Er geht mit einer exzellenten Visitenkarte. Es ist praktisch unmöglich, dass sein Nachfolger sportlich und wirtschaftlich noch erfolgreicher sein kann. Es ist eine Kunst, den richtigen Zeitpunkt für den Rücktritt bzw. den Stellenwechsel zu finden.

In welche Richtung sich unser Eishockey nun auf Verbandsebene entwickeln wird, insbesondere wie die Herausforderungen der Digitalisierung gemeistert werden können und ob es in zwei Jahren noch einmal gelingt, mit den TV- und Vermarktungsrechten mehr als 35 Millionen Franken herauszuholen oder auslaufende Verträge mit langjährigen Verbands-Sponsoren wie der «PostFinance» zu erneuern (oder Ersatz zu finden) – das wagt er nicht zu sagen. Es ist nicht mehr seine Sorge.

Eine neue berufliche Herausforderung hat Florian Kohler nach wie vor nicht angenommen. Er sagt, er interessiere sich für Start-Up Unternehmen. «Ob ich eher im Mandat oder wieder in einer Festanstellung tätig sein werde, ist offen.» Auch lässt er offen, ob er erneut im Sport-Business oder in einer anderen Branche einsteigen wird.

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