Tränen nach Einfädler bei 1. Tor – für Lena Dürr wird der Slalom zur «Katastrophe»
Als Zweitletzte stand Lena Dürr im zweiten Lauf des Olympia-Slaloms noch oben. Gut zwei Zehntelsekunden Vorsprung nahm sie auf die Führende Camille Rast mit, gar 44 Hundertstelsekunden hätte sie verlieren dürfen, um eine Medaille auf sicher zu haben. Doch schon beim ersten Tor war es mit dem Traum aus und vorbei. Die 34-jährige Deutsche fädelte beim ersten Tor ein.
«Ein Albtraum, ein unfassbarer Albtraum», kommentierte Bernd Schmelzer bei der ARD und zeigte sich völlig fassungslos: «Das gibt es doch nicht. Das darf nicht wahr sein.» Bei der Wiederholung sagte der hörbar emotionale 60-Jährige: «Oh mein Gott. Ich glaube, wenn ich ehrlich bin: Schlimmer kann es nicht mehr werden.» Der Liechtensteiner Marco Büchel, der beim ZDF als Experte angestellt ist, zeigte sich ähnlich konsterniert: «Das darf nicht wahr sein! Solche Sachen passieren immer wieder. Aber nicht heute!»
Fast schon nüchtern betrachtete die Münchnerin, die soeben den grössten Erfolg ihrer Karriere verpasst hatte, die Situation. «Ich realisiere es gar nicht so», sprach Dürr ins ZDF-Mikrofon. Deshalb sei sie nach dem Ausscheiden noch eine Weile am Hang gestanden. «Man denkt: Jetzt gehe ich nochmal hoch und dann lassen sie mich nochmal rausfahren», so Dürr, der bewusst ist: «Es ist wohl der schlechteste Tag für so eine Aktion, aber ich habe es probiert.» Das letzte Mal sei ihr ein Einfädler vor 15 Jahren in einem FIS-Rennen passiert, erklärte sie in einem Statement des deutschen Skiverbands und fügte an: «Katastrophe.»
Die Deutsche gewann 2022 in Peking mit dem Team Silber, heute hätte sie nach WM-Bronze 2023 im Slalom aber ihre zweite Einzelmedaille an einem Grossanlass holen können. Schon im Riesenslalom war sie nach dem ersten Lauf Zweite und vergab eine Medaille dann in der Entscheidung. Dennoch versuchte Dürr erst das Positive zu sehen. «Alleine schon, an diesem Tag, der alle vier Jahre kommt, wieder da zu sein und oben zu denken: ‹Heute kann ich es schaffen und vorne mitfahren.› Das war für mich schon sensationell.»
Schliesslich hat sie im Weltcup keine einfache Saison. Zwar begann sie unter anderem mit einem vierten und einem zweiten Platz stark, kam dann aber in eine kleine Formkrise. Nachdem sie in den letzten vier Jahren im Slalom-Weltcup immer mindestens Fünfte war, steht sie aktuell auf dem neunten Platz. «Um Weihnachten herum wusste ich gar nicht, was ich hier eigentlich anstellen und wie ich das geniessen soll», sagt Dürr nun, «dann bin ich angereist und wusste, was zu tun ist.» Dies sei ein cooles Gefühl, «da zu sein, wenn es drauf ankommt».
Obwohl es in den beiden zweiten Läufen bei den Olympischen Spielen nicht so funktioniert habe, sei es ein «kleiner Sieg» für sie. Ein Zeichen, dass es sich lohnt, «sich immer wieder ranzubeissen und zu kämpfen. Dann wird man immerhin mit den Emotionen belohnt – nicht mit dem Ergebnis und den Medaillen, aber das Gefühl nach dem 1. Lauf ist es, was den Sport so unglaublich macht.»
Als sie dann auf die Zuneigung ihrer Kolleginnen angesprochen wird, kommen Lena Dürr aber doch noch die Tränen. Vor dem 2. Lauf habe sie noch mit Petra Vlhova gesprochen, die 2022 in Peking Slalom-Gold geholt hatte. Dürr führte damals nach dem 1. Lauf und verpasste die Medaille um sieben Hundertstelsekunden. Nun habe die Slowakin Dürr vor dem 2. Durchgang gesagt: «Darum geht es, diese Emotionen zu leben.» Nun würde Dürr «diese Emotionen komplett in alle Richtungen ausleben. Aber dann soll es wahrscheinlich so sein.» Trost finde sie darin, zu sehen, «wer alles mit mir mitfiebert und mir das gönnen würde. Vielleicht ist es das, was es ausmacht.»
Heute werde sie die Enttäuschung nicht aus dem Kopf bekommen. Doch sie habe drei Wochen Zeit bis zu ihrem nächsten Rennen. Jetzt wolle sie sich bei ihrer Familie Trost suchen. Ihre beiden Schwestern seien mit ihren Kindern in Cortina dabei. «Grüsse an Mama und Papa zu Hause. Ohne die wäre ich hier ganz sicher nicht», sagt Lena Dürr, während sie sich die Tränen aus dem Gesicht wischt.
