Zuerst ein kleiner Exkurs in die Vergangenheit: Wir befinden uns an der Fussball-WM 1994 in den USA. Im Achtelfinal trifft Rumänien auf Argentinien und liefert sich einen 5-Tore-Krimi, der von «Guardian»-Journalist Craig McCracken einmal als «beste WM-Partie der Geschichte» bezeichnet wurde. Rumänien gewann damals mit 3:2, scheiterte dann aber im Viertelfinal im Penaltyschiessen an Schweden. Im selben Turnier feierte derweil die Schweiz dank Toren von Sutter, Chapuisat und Knup einen epochalen Sieg über die starken Rumänen.
Der Trainer, der die Mannschaft 1994 in den WM-Viertelfinal coachte, hiess Anghel Iordanescu. 1998, ebenfalls mit Iordanescu, schaffte es Rumänien erneut an die WM. Es sollte bis heute der letzte Auftritt auf der ganz grossen Bühne bleiben.
Ein bisschen besser liest sich Rumäniens EM-Bilanz der Neuzeit. Doch auch beim europäischen Kräftemessen waren die Osteuropäer 2016 in Frankreich – ebenfalls mit Anghel Iordanescu als Trainer – zum letzten Mal vertreten. Den einzigen Punkt des Turniers holten die Osteuropäer damals bei einem 1:1-Unentschieden gegen die Schweiz.
Seit 2022 steht bei den Rumänen erneut ein Iordanescu an der Seitenlinie. Edward Iordanescu war 16 Jahre alt, als sein Vater mit der Nationalmannschaft den WM-Viertelfinal erreichte, und verfolgte den Triumph live im Stadion mit. Seit Iordanescu Junior die Mannschaft vor zwei Jahren übernommen hat, herrscht in Rumänien nach Jahren der fussballerischen Erfolglosigkeit so etwas wie vorsichtige Aufbruchstimmung.
Als er die Mannschaft übernommen habe, so Edward Iordanescu, «hatte sie nicht das richtige Mindset». Die Spieler hätten nicht alles für ihr Team gegeben und es habe ihnen sowohl an Vertrauen in sich selbst als auch in die Mannschaft gefehlt, meint der 46-Jährige gegenüber dem «Guardian». Sein Vater erlebte mit der erfolgreichen Mannschaft gewissermassen das Gegenteil: «Die Spieler waren sehr professionell und engagiert. Fussball stand für sie an erster Stelle», erzählt der heute 74-Jährige.
Vater Iordanescu hatte das Team zum ersten Mal drei Jahre nach dem Fall des Diktators Nicolae Ceaușescu und mit ihm des kommunistischen Regimes übernommen. Analog zu etwa der DDR genoss der Fussball auch im sozialistischen Rumänien einen hohen Stellenwert und wurde kräftig gefördert. Dies gipfelte in Steaua Bukarests Sieg im Europapokal der Landesmeister im Jahr 1986.
Seither ging es stetig bergab mit dem rumänischen Fussball. «Der Fussball entwickelte sich rasant und wir konnten nicht mithalten», erklärt Iordanescu Senior. «Wir hinkten hinterher, es gab eine grosse Lücke zwischen uns und dem Rest Europas». Diese Lücke will sein Sohn nun langsam wieder schliessen. Gegen die favorisierten Ukrainer, die ihrerseits mit einer ganz speziellen Geschichte im Gepäck an die EM reisen, wäre ein Sieg Rumäniens bereits so etwas wie die erste kleine Überraschung des Turniers.
In der EM-Qualifikation konnte Rumänien Selbstvertrauen tanken. Zwar waren die Gegner keine Hochkaräter, doch den Rumänen gelang es relativ überraschend, sich vor der Schweiz als Gruppenerster für das Turnier in Deutschland zu qualifizieren.
Ein weiterer Hoffnungsschimmer: Mit Ianis Hagi hat Rumänien einen weiteren Spieler in seinen Reihen, dessen Vater am Triumph von 1994 beteiligt war. Gheorge Hagi, der unter anderem bei Real Madrid und Barcelona auf dem Platz stand, war Teil des Teams, das in den USA Argentinien besiegte.
1994 - Gheorghe Hagi, a key figure of the Romanian National Team at that year's World Cup, being coached by Anghel Iordănescu.
— Sivan John 🇦🇷 ⭐⭐⭐ (@SivanJohn_) June 17, 2024
2024 - Now it is their sons (Ianis & Edward) who are taking over the respective role for the Tricolorii at this EURO.
Feeling old already? pic.twitter.com/qfw0LXHnLJ
Für Edward Iordanescu ist das Spiel gegen die Ukraine wegweisend: «Wir brauchen diesen Erfolgsmoment. Wir müssen das Vertrauen zurückgewinnen, den Rückhalt unserer Fans, wir müssen wieder begreifen, dass wir mit den Besten mithalten können. An Talent hat es uns nie gemangelt. Aber lange Zeit wussten wir nicht so recht, was damit anzufangen.»
(kat)