Das Interview ist beendet. Doch Sascha Ruefer hat noch nicht genug. Also reden wir weiter. Irgendwann schaut er auf die Uhr und erschrickt: Bald 11.30 Uhr. Um zwölf müsste er seinen Sohn Matti von der Schule abholen. Mit dem Auto braucht er mindestens eine halbe Stunde. Und die Fotos sind noch nicht gemacht. Jetzt wird auch Ruefer etwas nervös. Er tätigt einen Anruf, kann die Situation offenbar klären und wirkt bei den Aufnahmen wieder ziemlich gelöst.
Wie hoch ist Ihr EM-Fieber auf einer Skala von 1 bis 10?
Sascha Ruefer: Es steigt. Im Moment würde ich sagen: Mindestens bei 7, es wird aber noch höher.
Ist eine Fussball-Endrunde für Sie noch etwas Besonderes – oder inzwischen reine Routine?
Das wird meine 14. Fussball-Endrunde, die ich für SRF kommentieren darf. Die Freude, die Begeisterung sind noch genauso da. Das einzige, was Routine geworden ist, ist das Reisen.
Bei den letzten Turnieren, vor allem der WM 2022 in Katar, ging es im Vorfeld mehr um Politik als um Fussball. Sind Sie froh, dass es diesmal anders ist?
Natürlich haben wir uns vor Katar mit Themen wie Regenbogen-Binde auseinandergesetzt. Aber auch dort war es so: Sobald das Turnier begonnen hatte, lag der Fokus voll auf dem Fussball. Ich freue mich jetzt sehr, dass diese EM in unserer Nachbarschaft, in einem fussballverrückten Land stattfindet.
Lässt sich das Sommermärchen von 2006, diese wunderbare WM-Party in Deutschland, wiederholen?
Das geht nicht. 2006 war einzigartig, es gab keine Vorlage. Man hat einfach mal eine WM organisiert, und daraus ist das Sommermärchen entstanden, inklusive neuer Phänomene wie Public Viewing. Das lässt sich nicht kopieren.
2006 hat Deutschland die Leichtigkeit des Patriotismus entdeckt. 2024 ist die AfD im Hoch, wird da das Schwenken der Deutschland-Flagge verkrampfter sein?
Das glaube ich nicht. An einem Sportanlass eine Deutschlandfahne zu schwenken, ist nicht automatisch ein politisches Statement. Deutschland ist fussballverrückt, und ich spüre überall: Man freut sich enorm auf dieses Turnier.
Sind Sie in Ihrer langen Karriere am Mikrofon eher mutiger oder vorsichtiger geworden, weil Sie wissen, dass jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird?
Ich bin bedachter geworden. Weil ich älter geworden bin, aber vor allem wegen der sozialen Medien. Die haben alles verändert. Es braucht nicht viel, und ein Shitstorm tobt. Zugleich ist das TV-Publikum heute besser informiert als früher. Viele verfolgen auf einem zweiten Bildschirm Statistiken oder einen Liveticker. Ein Fehler des Kommentators wird sofort bemerkt.
Wenn Sie bedachter, ruhiger sein müssen: Widerstrebt das nicht Ihrem Naturell?
Euphorie und Freude dürfen bleiben, aber ich formuliere überlegter als früher. Mit 25 war ich anders drauf. Ich sage heute dann etwas, wenn es etwas zu sagen gibt. 2024 wird es mir nicht passieren, dass ich von der Corega-Tabs-Fraktion rede wie an der WM 1998 (lacht).
Zuletzt gerieten Sie in die Kritik, als Sie beim Länderspiel Schweiz – Estland den Ukraine-Krieg als «Zwist» bezeichneten und dem russischstämmigen Estland-Spieler Wassiljew «mutiges und sehr aufrichtiges Denken» attestierten, weil er weder für die eine noch die andere Partei sei.
In der Live-Situation kann es immer zu Ungenauigkeiten kommen. Solche Ungenauigkeiten haben früher weniger bewegt – heute sorgen sie schneller für Diskussionen. Zwist war das falsche Wort, obwohl wahrscheinlich jeder wusste, dass ich den Krieg meinte. Aber ja: Da war ich ungenau.
War es ein Fehler, dass Sie den Spieler Wasiljew überhaupt thematisiert haben?
Nein. Ich habe mich vorher informiert und mich mit Menschen aus Estland ausgetauscht. Warum Wasiljew sein letztes Länderspiel nicht zu Hause austragen kann, sondern in Luzern, bedingt Kontext. Live hat man nur drei Sätze Zeit, um eine Geschichte zu erzählen. Aber hier hätte es fünf oder sechs Sätze gebraucht, um präzise zu sein.
Kann man in diesem Umfeld ein Spiel noch unverkrampft und frisch von der Leber kommentieren?
Auch beim Kommentieren von Fussballspielen sollte man denken. Denken hilft. Frisch von der Leber weg zu reden – das funktioniert zu Hause, aber nicht am TV. Das ist auch richtig so. Das Kommentieren ist nicht einfacher geworden, weil, wie Sie richtig sagen, heute viel mehr auf die Goldwaage gelegt wird. Deshalb achte ich heute mehr auf meine Sprache. Dass nicht mehr jeder Spruch geht, behindert mich in meiner Arbeit nicht.
Kommentieren Sie ein Spiel der Frauen anders als eines der Männer? Vorsichtiger?
Die WM der Frauen war für mich sehr spannend. Ich fragte mich tatsächlich eher als bei Männern: Ist dieser Vergleich passend?
Als Sie über die schnelle Spanierin Palluelo sagten, sie hätte Kerosin zum Frühstück getrunken, flog Ihnen das um die Ohren ...
Wo flog mir das um die Ohren? Nur auf Social Media. Davon lasse ich mich immer weniger beeindrucken. Für mich sind das eher asoziale Medien, und sie werden allgemein viel wichtiger gemacht, als sie sind.
Kritisieren Sie Frauen gleich hart wie Männer?
Man darf ein Spiel der Frauen nicht mit jenem der Männer vergleichen. Wenn man zwei Tage vor einer Partie der Frauen Real Madrid gegen Barcelona bei den Männern schaut, muss man einen anderen Massstab anwenden. Für mich ist es ein anderes Spiel. Etwas weniger Tempo und Kraft bei den Frauen, dafür mehr technische Finesse. Es ist eine andere Art, Fussball zu spielen.
Wenn Sie einer Fussballerin attestieren, sie sehe nicht austrainiert aus, müssen Sie mit einem Shitstorm rechnen. Bei einem Mann wäre das weniger heikel.
Gleichberechtigung bedeutet für mich auch, dass ich keinen Unterschied machen muss, um Probleme zu benennen. Wenn sich die Männer wie an der letzten EM die Haare färben, ist das für mich kein grosses Thema. Wenn sie aber kurz darauf 0:3 gegen Italien verlieren und man sich im Vorfeld der Partie nur mit Coiffeur-Besuchen auseinandergesetzt hat, muss ich das kritisieren. Bei den Frauen würde ich es in einem ähnlichen Fall auch tun.
Sie erlauben sich eine eigene Meinung. Wie zu Murat Yakin. Im Herbst proklamierten Sie die Absetzung des Nationaltrainers.
Das habe ich so nicht gesagt.
Sie haben Yakin infrage gestellt.
Ja. Man muss, soll und darf über den Nationaltrainer diskutieren.
Was finden Sie heute? Eine Umfrage von watson ergab, dass nur 25 Prozent der Befragten Yakin für den richtigen Trainer halten. Und Sie?
Es wäre anmassend, wenn ich einfach so plakativ über den Nationaltrainer urteilen würde. Meine Meinung tut nichts zur Sache. Fakt ist: Murat Yakin hat alle Ziele erreicht, darum ist er zu Recht im Amt geblieben. Ich bin aber auch der Meinung, dass das Zeugnis für den Trainer erst an der Endrunde verteilt wird. Danach gilt es zu definieren, wie es mit der Nationalmannschaft weitergehen soll.
Sie sagten einst, es sei nicht gut, dass Yakins Zukunft als Nationaltrainer ungeklärt sei. Nun sagen sie, das Zeugnis werde erst an der Endrunde verteilt. Ein Widerspruch!
Nein, ist es nicht. Der Verband hat nach vertiefter Analyse entschieden, dass man mit Yakin weitermachen wolle. Yakin aber lehnt das Angebot wegen Bedingungen im Vertrag ab und sagt: Wir reden nach der EM. Ich kann Yakin aufgrund der Vorkommnisse verstehen. Trotzdem ist es nicht gut, dass der Verband die wichtigste Personalie offenlässt und sich so in Abhängigkeit begibt. Warum schafft man keine klaren Verhältnisse? Das verstehe ich nicht.
Was verstehen Sie nicht?
Ich verstehe nicht, dass man diese Baustelle nicht längst geschlossen hat. Ich verstehe Yakin nicht: Was soll er denn nach der EM wissen, was er jetzt noch nicht weiss? Und ich verstehe den Verband nicht, der sogar sagt: «Wir haben keinen Plan B.» Das ist eine beunruhigende Aussage. Der Ist-Zustand schafft Nährboden für Meinungen, Spekulationen und drum auch Unruhe. Ich find das nicht gut.
Wann ist das EM-Zeugnis für die Schweiz gut – und wann ist es sehr gut?
Der Achtelfinal ist absolute Pflicht. Zumal ja noch vier Gruppen-Dritte weiterkommen. Wenn die Nati das nicht schafft, hat sie wirklich versagt.
Das klingt streng.
Schauen Sie sich diese Mannschaft an. Kaum eine Nati fuhr mit so vielen erfahrenen Spielern an eine Endrunde. Drei Spieler haben je über 100 Länderspiele, viele machten an mehreren Endrunden mit. Und: Mehrere Spieler haben eben mit ihren Vereinen Titel gewonnen. Yann Sommer mit Inter Mailand, Manuel Akanji mit Manchester City, Granit Xhaka mit Leverkusen. Das gab's in dieser Dichte noch nie.
Heisst: Der Achtelfinal wäre auch noch zu wenig?
Das kommt dann schon auf den Gegner an. Im Achtelfinal würde die Nati wohl auf einen «Grossen» treffen. Mit ihrem Goalie, ihrer Defensive und ihrem Mittelfeld kann sie auch gegen eine Top-Mannschaft bestehen - in der K.-o.-Phase ist alles möglich. Sofern sie Lösungen für das Offensivspiel findet.
Ist Sommer oder Kobel der bessere Torhüter?
Beide sind spitze. Wahrscheinlich auf demselben Level. Yakin setzt – wohl mit einem Bauchentscheid – auf Sommer. Ich kann das gut verstehen. Es war wichtig, dass er sich früh festgelegt hat.
In der Bevölkerung halten die meisten Granit Xhaka für den besten Schweizer Spieler, wie die watson-Umfrage zeigte. Zu Recht?
Ja. Er ist der wichtigste Spieler der Nati. Ich bin tief beeindruckt davon, was Granit in Leverkusen geleistet hat. Er ist ein echter Leader und spielt seine Rolle nicht nur – er lebt sie. Seine Entwicklung auch als Persönlichkeit ist toll.
Vor einem Jahr gab es Wirbel über eine geleakte Aussage von Ihnen: Sie hätten sich angeblich rassistisch über Xhaka geäussert, im Rahmen der Nati-Serie «Pressure Game». Sie haben den Vorwurf dann widerlegt. Belastet das Ihr Verhältnis zu Xhaka noch?
Wir haben uns in La Manga in Spanien zu einer Aussprache getroffen. Ich fuhr auch deswegen im Frühling ins dortige Trainingslager. Es war mir ein Anliegen, dass keine Missverständnisse im Raum stehen bleiben. Zwischen Granit und mir ist alles ausgeräumt. Wir begegnen uns mit Respekt, am Schluss haben wir uns die Hand gegeben.
Sie mussten damals fürchten, dass Sie plötzlich mit dem Rassismus-Stempel gebrandmarkt sind. Ist da was hängen geblieben?
Ich habe niemanden getroffen, der bei mir irgendetwas Rassistisches erkennen würde. Diese Denkart ist mir völlig fremd, und das wissen die Leute. Aber klar, wenn man meinen Namen googelt, kommen die Rassismus-Storys weit oben – so funktioniert die Medienlogik.
Was haben Sie aus der ganzen Affäre gelernt?
Einiges. Alle Medien sind unter Druck. Sie brauchen Geschichten mit prominenten Namen. Es geht sehr schnell, bis jemand vorverurteilt ist. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, generell zurückhaltender zu sein.
Es hiess, Sie überlegten sich eine Klage gegen die «Wochenzeitung», die die Affäre ins Rollen brachte. Haben Sie sie eingereicht?
Nein, beim SRF haben wir über diese Möglichkeit gesprochen, auch Direktorin Nathalie Wappler war dabei. Man überliess mir den Entscheid. Ich wollte die Vorwürfe einerseits nicht auf mir sitzen lassen, andererseits kam ich zum Schluss, die penible Berichterstattung sei durch die Widerlegung der Vorwürfe bereits erledigt.
Es gab Gerüchte, der Fussballverband SFV arbeite darauf hin, dass Sie beim SRF die Nati-Spiele nicht mehr kommentieren. Was ist da dran?
Mein Arbeitgeber ist die SRG und nicht der SFV. Daher interessiert mich das nicht.
Ein SRF-Journalist fragte Yakin letzte Woche an einer Pressekonferenz: «Ist die Nati endlich albanisch genug?» Es stellte sich heraus, dass er für das Satireformat «Studio 404» arbeitet. Was halten Sie von der Aktion?
Gar nichts. Persönlich fand ich die Frage deplatziert und auch nicht lustig. Schon gar nicht vor einer EM und schon gar nicht, weil das Thema in früheren Jahren immer wieder für Kontroversen sorgte, und jetzt herrscht dazu endlich Ruhe. Ich habe mich fremdgeschämt.
Sie arbeiten seit dreissig Jahren fürs SRF. Lange Zeit war diese Institution unbestritten, in den letzten Jahren wurde sie politisch vermehrt infrage gestellt. Macht Ihnen das Sorge?
(Zögert.) Es beschäftigt mich – als langjähriger Angestellter, aber auch als jemand, der beobachtet, wie sich in den sozialen Medien die Fake News jagen und wie die Desinformation weltweit auf dem Vormarsch ist.
Eine Halbierung der SRG, wie sie eine Initiative verlangt, käme da zur Unzeit?
Schauen Sie, zu politischen Themen halte ich mich öffentlich grundsätzlich raus. Dass man über den Auftrag der SRG diskutiert, finde ich legitim, und die Diskussion wird ja auch regelmässig in politischen Gremien geführt, aber beruhend auf Fakten und nicht so, wie das jetzt passiert. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschen in der Schweiz wissen, wie wichtig ein unabhängiges Medium wie die SRG in Zeiten von Social Media und Fake News ist und dem Bundesrat bei der Definition und Finanzierung des Leistungsauftrags vertraut.
Sie haben noch in eine andere Branche diversifiziert: in die Gastronomie, zusammen mit Ihrer Partnerin, der Musikerin Eliane Müller.
Das ist ein Projekt, bei dem sich vor allem Eliane engagiert. Unsere Weinerei in Geuensee funktioniert und macht Freude. Das Projekt gefällt uns auch darum, weil es uns anders fordert als unser sonstiges Berufsleben: An uns wurde immer Dienst geleistet. Ist alles bereit in der Garderobe, kann ich noch was helfen? Bei dem Projekt sind wir diejenigen, die selber anderen einen Dienst erweisen. Das hilft, gewisse Realitäten zu erkennen und demütig zu bleiben.
Heisst: Der Ruefer muss endlich mal richtig arbeiten!
Kisten schleppen … ja, das gehört dazu.
Sie haben einmal gesagt, eine Familie zu gründen, sei ein Thema. Es gab schon Fussballer, die während einer EM heimreisten, weil eine Geburt nahte …
Das wird bei mir 2024 sicher nicht der Fall sein. Alles andere ist Privatsache. (aargauerzeitung.ch)