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Homeless Wold Cup: Schweizer Surprise-Nati an der Strassenfussball-WM

Die Nationalmannschaft der Schweiz am Homeless World Cup 2023 in Sacramento
Die Nationalteams der Schweiz und Südkoreas.Bild: David Hess

Warum die reinste Form des Fussballs die beste Medizin ist

Weit abseits des Kommerzes wurde letzte Woche im sonnigen Südwesten der USA die reinste Form des Fussballs zelebriert: der Strassenfussball. Im Rahmen des Homeless World Cups duellierten sich in Sacramento Teams aus 31 Nationen bei einem Fussballturnier der etwas anderen Art.
23.07.2023, 07:4923.07.2023, 13:10
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Mit dabei war ein Mixed-Team aus der Schweiz. Anders, als es der Name des Turniers vermuten lässt, sind die Spielerinnen und Spieler der Schweizer Equipe nicht zwingend von Obdachlosigkeit, sondern in erster Linie von Armut und/oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Organisiert wird die Schweizer Auswahl vom sozialen Verein Surprise, der es sich auf die Fahne geschrieben hat, Menschen mithilfe des Strassenfussballs die Rückkehr «aus dem sozialen Abseits zurück aufs Spielfeld des Lebens» zu erleichtern.

Strassenfussball – wo nicht nur das Können, sondern auch der Wille zählt

Auf dieses «Spielfeld des Lebens» wagte sich auch die 20-jährige Celine. Obwohl sie noch nie in einem Verein Fussball gespielt hatte, schaffte sie die Selektion für die Surprise-Nati. Dabei war nicht nur ihr Können ausschlaggebend, sondern vor allem ihr Ehrgeiz, ihre Zuverlässigkeit und ihr Wille, in Sacramento dabei zu sein. Auch Janosch Martens, Leiter des Surprise-Strassenfussballs, betont, dass für eine Selektion «Eigenschaften wie Selbstständigkeit, Zuverlässigkeit und persönliche Resilienz» gefragt sind.

Für Celine ging mit der Teilnahme ein Traum in Erfüllung. Nicht nur, weil sie durch das Projekt ihre Liebe zum Fussball entdeckt hat, sondern auch, weil die USA auf der Liste ihrer Wunschdestinationen an oberster Stelle stand.

Die Schweizer Strassenfussball-Nationalmannschaft am Homeless Cup 2023 in Sacramento
Die Schweizer Nati im Hornet Stadium der California State University in Sacramento.Bild: David Hess

Auch im Strassenfussball macht Übung die Meisterin. Um in Sacramento mit den anderen Nationen mithalten zu können, begann die Schweizer Auswahl ein halbes Jahr vor Turnierbeginn mit den Trainings. Neben Trainingswochenenden standen auch Testspiele gegen Teams aus der Surprise-Strassenfussball-Liga und gegen die schweizerische Schriftsteller-Nationalmannschaft auf dem Programm. Unmittelbar vor dem Turnier verbrachte das Team zudem vier gemeinsame Trainingstage, auch um zu verhindern, dass jemand den Flug in die USA verschläft, wie Celine erzählt.

«Auf dem Kunstrasen war es so heiss, dass einem deutschen Spieler die Fussballschuhe wegschmolzen.»
Celine

Ein Erlebnis auf und neben dem Platz

In Sacramento ging es nicht nur auf dem Fussballfeld hitzig zu und her. Das Thermometer kletterte während des Turniers zeitweise auf fast 40 Grad. «Auf dem Kunstrasen war es so heiss, dass einem deutschen Spieler die Fussballschuhe wegschmolzen», erzählt Celine.

An einem Turnier, an dem nicht die sportliche Leistung im Vordergrund steht, darf natürlich der Spass nicht fehlen. So unternahm das Schweizer Team einen Ausflug in das nahegelegene San Francisco, brachte dem bulgarischen Team UNO bei oder besuchte einen Englischkurs, der auf dem Turniergelände angeboten wurde. Martens misst dem Geschehen abseits des Fussballplatzes eine wichtige Bedeutung bei, denn nicht selten können die Spielerinnen und Spieler dank der Teilnahme am Turnier zum ersten Mal in ihrem Leben ins Ausland reisen, fliegen oder im Meer schwimmen.

«Bewegung und Sport sind so viel mehr als ‹nur gesund› für sozial benachteiligte Menschen: Nebst körperlicher Fitness bringen sie Struktur im Alltag und verlangen die Fähigkeit, sich auf Verpflichtungen und zwischenmenschliche Interaktionen einlassen zu können.»
Janosch Martens

Im Zentrum stand am Turnier natürlich trotzdem der Fussball. Bis zu zwei Spiele bestritt die Nati pro Tag – eine Herausforderung für Personen, die es sich nicht gewohnt sind, jeden Tag Sport zu machen. In offiziellen Nati-Trikots duellierten sich jeweils vier Schweizer/-innen auf dem Kleinfeld mit vier Spieler/-innen einer anderen Nation. Beim Spiel zwischen der Schweiz und Schweden sah das in etwa so aus:

Nach einer erfolgreichen Vorrunde war dann im Halbfinal gegen ebendieses Schweden Schluss für unsere Nati (ja, auch im Strassenfussball scheint die Schweiz mit Schweden so ihre Mühe zu haben). Sowohl in der Hauptkategorie der Mixed-Teams als auch in der Hauptkategorie der Frauenteams standen sich im Final Chile und Mexiko gegenüber, bei den Mixed-Teams mit dem besseren Ende für Chile, bei den Frauen für Mexiko.

Fussball als Medikament ohne Nebenwirkungen

Aber was für ein Sinn hat ein Turnier, bei dem die fussballerischen Fähigkeiten zweitrangig sind? Martens sieht die Sinnhaftigkeit nicht nur in der gesundheitspräventiven Funktion von Sport an sich, sondern auch in der Erlangung von wichtigen Soft Skills: «Bewegung und Sport sind so viel mehr als ‹nur gesund› für sozial benachteiligte Menschen: Nebst körperlicher Fitness bringen sie Struktur im Alltag und verlangen die Fähigkeit, sich auf Verpflichtungen und zwischenmenschliche Interaktionen einlassen zu können.»

«Wie es der Name schon sagt, sind die Menschen, die am Homeless World Cup teilnehmen, nicht nullachtfünfzehn. Alle wurden so akzeptiert, wie sie sind.»
Celine

Trotz der Enttäuschung über die knappe Niederlage (3:4) im Halbfinal überwiegen die positiven Erinnerungen an das Erlebte. Celine schätzte neben dem Zusammenhalt im Schweizer Team vor allem den Austausch mit den anderen Nationen. Die Gegner auf dem Platz wurden zu Freundinnen abseits des Spielfelds: «Wie es der Name schon sagt, sind die Menschen, die am Homeless World Cup teilnehmen, nicht nullachtfünfzehn. Alle wurden so akzeptiert, wie sie sind.»

Die Schweizer Strassenfussball-Nationalmannschaft am Homeless World Cup 2023 in Sacramento
Im Schweizer Team herrscht eine gute Stimmung.Bild: David Hess

Wichtige Erkenntnisse aus dem Turnier will Celine auch in ihrem Leben abseits des Fussballplatzes umsetzen. Sie kämpfe oftmals mit einem geringen Selbstbewusstsein, erklärt sie. So habe sie es auch sehr persönlich genommen, wenn sie vom Trainer rausgenommen wurde. «Durch Gespräche mit dem Coach konnte ich dann aber nachvollziehen, weshalb er mich in bestimmten Situationen vom Feld nahm. Daraus habe ich gelernt, dass es oftmals gar nichts mit mir als Person zu tun hat. Diese Erfahrung hilft mir, auch im Leben nicht alles persönlich zu nehmen.»

Die Mitglieder der Schweizer Nati dürfen nur ein Mal im Leben am Homeless World Cup teilnehmen. Was ihnen nach diesem einzigartigen Erlebnis bleibt, ist die schöne Erfahrung, für einmal im Mittelpunkt zu stehen.

Homeless World Cup
Der Homeless World Cup findet jedes Jahr in einem anderen Land statt. Organisiert wird er von der Homeless World Cup Foundation. Das globale Netzwerk arbeitet mit lokalen Partnern aus den über 70 Mitgliedstaaten zusammen und setzt sich zum Ziel, «obdachlose Menschen mithilfe des Fussballs dazu zu inspirieren, ihr eigenes Leben sowie die Wahrnehmung und Einstellung der Gesellschaft gegenüber Menschen, die obdachlos sind, zu verändern».
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3 Kommentare
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D.Boomer
23.07.2023 08:28registriert Mai 2021
Eine grossartige Sache!

Nicht nur weil dies vielen Menschen ein einmaliges Erlebnis und Möglichkeiten bietet..

Es tut auch gut, nebst all dem Horror den man tagtäglich liest einen solchen Artikel zu sehen und danach ein gutes Gefühl zu verspüren.

Gerne mehr davon 👍
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