Franjo von Allmen: «Mit dem Alkohol verlieren die Fans manchmal den Respekt»
Auf was freut sich ein dreifacher Olympiasieger am meisten? «Auf Schlaf», sagt Franjo von Allmen, als er am Donnerstagmorgen nach einer langen Partynacht zum Interview erscheint.
Sie können nicht nur fantastisch Ski fahren, sondern offenbar auch singen.
Franjo von Allmen: Wie kommen Sie darauf?
Die Bar, in der Sie Ihre dritte Goldmedaille gefeiert haben, hat Videos geteilt, wie Sie Après-Ski-Hits zum Besten geben.
Immer diese Handyvideos.
Sie singen also normalerweise nicht so gerne?
Vielleicht mal unter der Dusche. Aber in der Öffentlichkeit – da ist jedem geholfen, wenn ich das nicht regelmässig mache. Zum Glück habe ich die Videos nicht gesehen.
Mögen Sie die Aufmerksamkeit?
Es ist irgendwo Part of the Game. Ein Stück weit leben wir im Skisport davon, dass wir diese Aufmerksamkeit haben. Dass die Leute Freude haben an uns, auch wenn sie uns treffen. Aber ganz ehrlich: Ich käme auch ohne zurecht.
Kommen Ihnen die Fans auch einmal zu nahe?
Ich sage es mal so: Zur späten Stunde wird es nicht besser. Wenn die Leute Alkohol getankt haben, verlieren manche die gesunden Grenzen und den Respekt.
Haben Sie Angst davor, was nach diesen Erfolgen alles auf Sie zukommt?
Nein, Angst nicht. Ich bin gespannt, was sich verändert. Aber schlussendlich bin ich immer noch der gleiche. Genau wie schon nach meinen zwei Weltmeistertiteln vor einem Jahr. Ich lasse es auf mich zukommen.
Mögen Sie Auftritte auf dem roten Teppich, zum Beispiel an einer Filmpremiere?
Meine Welt ist es nicht. Aber es ist interessant, solche Einblicke zu erhalten. Es sind Dinge, die ich nicht erleben würde, wenn ich nicht ein erfolgreicher Skifahrer wäre. Darum versuche ich, sie zu geniessen.
Nach der Abfahrt liessen Sie Ihre Goldmedaille einschliessen, damit sie nicht verloren geht. Wer bringt die drei Goldmedaillen jetzt sicher nach Hause?
Ab sofort bin ich selbst dafür verantwortlich (lacht).
Dass überhaupt die Gefahr bestand, die Medaille zu verlieren, begründeten Sie damit, dass Sie ein Chaot sind. Sind Sie das in allen Lebenslagen?
Das kommt ein wenig darauf an. Ich würde sagen: eine gesunde Mischung aus Chaot und Tollpatsch. Wenn jemand am Tisch etwas verschüttet, dann bin es oft ich. Das war früher schon so und ist es noch heute.
Und wie sieht es in Ihrem Zimmer aus: Liegen da überall Kleider am Boden?
Ich versuche schon, ein bisschen Ordnung reinzubringen. Aber wenn unter dem Bett Staub liegt, dann ist das halt so. Aber in der Garage habe ich zum Beispiel gerne Ordnung.
Woher kommt Ihre Faszination für Oldtimer?
Schwierig zu sagen. Ich glaube, ein Stück weit kommt sie von meinem Bruder. Er hat Landmaschinenmechaniker gelernt und sein Traumauto von Grund auf neu aufgebaut. Das hat mich inspiriert. Oder auch im Kollegenkreis, dass man gerne mit dem Auto, das man selbst «zwäg» gemacht hat, am Sonntag eine Ausfahrt macht.
Sie besitzen einen VW Golf der ersten Generation. Stehen noch andere Autos in Ihrer Garage?
Ja, ich habe noch zwei andere. Aber welche genau, das darf privat bleiben.
Wie organisiert ein Chaot seine Termine? Liegt Ihnen das?
Es ist der Horror. Im Planen bin ich miserabel. Darum bin ich froh, habe ich da Leute, die mir unter die Arme greifen.
Sie schrieben mit dem Gewinn von drei Goldmedaillen Geschichte: Ist Bormio jetzt Ihr neuer Lieblingsort?
Nein. Nein.
Haben Sie einen Lieblingsort?
Aufs Skifahren bezogen, ist es Wengen.
Und sonst?
Zu Hause in Boltigen. Das hat doch jeder so: Dort, wo man aufgewachsen ist, behält man seinen Ruhepunkt. Den Ort, an den man gerne zurückkommt, um dem ganzen Trubel ein wenig zu entfliehen.
Mögen Sie das Hotelleben?
Ich gewöhne mich daran. Meistens gehen die Kleider, wenn ich mal nach Hause komme, sofort in die Waschmaschine und dann direkt wieder in die Tasche. So stelle ich sicher, dass ich immer alles dabeihabe (lacht).
Was darf auf Ihren Reisen nie fehlen?
Eine Dartscheibe.
Und dann messen Sie sich mit Ihren Teamkollegen?
Genau, beim Dartsspielen verbringen wir am meisten Zeit miteinander.
Sonst sind Sie aber auch einer, der sich innerhalb des Teams mal zurückzieht. Wie wichtig ist Ihnen diese Ich-Zeit?
Sehr wichtig. Man ist zwei Drittel des Jahres zusammen unterwegs – da tut es gut, wenn ich mir meine Zeit nehmen kann. Es gibt Tage, an denen man keine Lust auf die Teamkameraden hat. Da hat aber auch jeder Verständnis.
Sie teilen sich das Zimmer im Weltcup mit Lars Rösti. Wie zieht man sich da zurück?
Es gibt Tage, da sprechen wir einfach nicht viel zusammen.
Wirklich?
Irgendwann hat man ja auch alles erzählt (lacht). Das ist doch überall so, nicht nur beim Skifahren: Wenn man sich tagtäglich sieht, gibt es Momente, in denen man die Schnauze voll hat voneinander. Gerade wenn es Richtung Frühling geht, freue ich mich auf den Abstand zum Team im Sommer. So kann man sich dann im Herbst auch wieder aufeinander freuen.
Wie lösen Sie Konflikte innerhalb des Teams?
Konflikte gibt es bei uns sehr selten. Wir sind gestandene Leute, man kann sagen, wenn einen etwas stört. Und wenn einer gerade keine Lust hat auf Gesellschaft, muss man ihm beim Frühstück ja nicht ins Müesli gaffen.
Normalerweise steht Marco Odermatt im Fokus der Öffentlichkeit. An den Olympischen Spielen waren Sie es. Wie erlebten Sie «Odi» in diesen Tagen?
Man hat schon gemerkt, dass ihm die Olympischen Spiele wichtig sind. Das sind sie aber für jeden, der hier ist. Er hat versucht, sein Ding zu machen. Ich habe versucht, mein Ding zu machen. Gleichwohl kann man sich nach dem Rennen für den anderen freuen.
Auch wenn man selbst enttäuscht ist?
Ich erlebe es eher so, dass es mir wehtut, wenn ich sehe, wie einer niedergeschlagen ist, wie beispielsweise Alexis Monney (er gewann keine Medaille; die Red.). Es ist manchmal eine Gratwanderung zwischen der eigenen, riesigen Freude und dem Blick auf enttäuschte Kollegen.
Wie Odermatt profitieren Sie vom Förderprogramm von Red Bull. Die Aufnahme ins Team des Getränkegiganten gilt im Skisport als Ritterschlag. In welchen Bereichen profitieren Sie am meisten?
Das sind viele Sachen. Wo ich es während der Saison am meisten spüre, ist bei den Reisen.
Weil Sie auf die firmeneigenen Flugzeuge und Helikopter zurückgreifen können?
Genau. Ob man sechs, sieben Stunden im Auto sitzt oder zwei Stunden mit dem Helikopter unterwegs ist, macht schon einen Unterschied in Bezug auf die verbrauchte Energie. Davon kann man in den Rennen zehren.
Wie funktioniert das? Fliegen Sie mit anderen Athleten oder können Sie sich selbst einen Helikopter bestellen?
Wenn ich allein irgendwohin müsste, wäre es möglich. Zumindest, wenn es einen Vorteil brächte. Als wir nach Weihnachten für die Rennen nach Livigno geflogen sind, brauchten wir nicht alle einen separaten Helikopter. Da haben Marco Odermatt, Loïc Meillard und ich schon Platz nebeneinander (lacht).
Wo landet der Helikopter in Boltigen?
Direkt neben dem Haus (lacht).
Wirklich?
Mit dem Helikopter kann man ja fast überall landen.
Und wie reagieren die Nachbarn, wenn Sie mit dem Helikopter nach Hause kommen?
Wir haben nicht so viele Nachbarn (lacht). Aber die, die wir haben, sehen es locker. Aber es ist schon immer noch gewöhnungsbedürftig für mich. Da bist du an Weihnachten mit der Familie am Essen und eine Stunde später kommt der Helikopter und holt dich ab. Das ist surreal.
Kommen Sie sich manchmal blöd vor?
Ja, schon. Das ist nicht die Welt, in der ich aufgewachsen bin.
Als Kind träumten Sie nicht von einer Karriere als Skifahrer. Hatten Sie Idole?
Das Fanboy-Sein hatte ich nie. Ich habe ein einziges Autogramm als Kind geholt. Das war am Beachvolleyball-Turnier in Gstaad von Nils Mani (ehemaliger Skifahrer; die Red.). Und auch da hat mich meine Mutter eigentlich fast dazu gezwungen (lacht). Ich war keiner, der Autogramme jagte.
Sie lebten lieber in Ihrer eigenen Welt?
Skirennen haben wir schon geschaut. Das hat man mitbekommen. Aber wenn ich nun ständig irgendwelche Namen von früheren Skistars höre, kenne ich sie oft gar nicht. Das ist für mich nicht so relevant.
Sie kannten Toni Sailer und Jean-Claude Killy also nicht? Die einzigen beiden Skifahrer, die vor Ihnen drei Medaillen an den gleichen Olympischen Spielen gewonnen haben.
Wenn ich es jetzt nicht immer wieder gehört hätte, wohl nicht (schmunzelt). Ich wurde oft gefragt, wie wichtig es für mich sei, zu diesen Namen aufzuschliessen. Und wenn ich ehrlich bin: überhaupt nicht. Ich versuche, den Moment zu geniessen. Und was auf dem Papier steht, ist ein anderes Paar Schuhe.
Und was gönnen Sie sich nun persönlich, wenn Sie nach Hause kommen?
Viel Schlaf.
Keinen weiteren Oldtimer?
So weit bin ich mit den Gedanken noch nicht.
Das nötige Kleingeld dürfte bald vorhanden sein. Das Interesse von Sponsoren ist riesig.
Mein Manager hat mir ein Foto seines E-Mail-Posteingangs geschickt. Der war ziemlich voll.
