Wegen Olympia hatte sie Albträume – jetzt weint Mikaela Shiffrin nur Tränen der Freude
Was für eine Machtdemonstration von Mikaela Shiffrin! Um anderthalb Sekunden und mehr distanzierte die US-Amerikanerin im Olympia-Slalom in Cortina die Konkurrenz. Die Schweizerin Camille Rast kam der 30-Jährigen noch am nächsten, Anna Swenn-Larsson aus Schweden verlor schon 1,71 Sekunden.
Besonders beeindruckend war Shiffrins 2. Lauf. Zwar setzte sie dort «nur» die zweitschnellste Laufzeit, doch liess sie sich keinerlei Nerven anmerken. Ihre Goldmedaille geriet nie in Gefahr, von oben bis unten bewahrte sie die Kontrolle und hielt Rast und Co. deutlich auf Abstand. «Gold zu gewinnen, ist ein Traum», sagte Shiffrin danach bei NBC und fügte an: «Es fühlt sich an wie ein sehr grosser Moment.»
Den Weltcup eingerechnet, hat Shiffrin nun acht von neun Slaloms in dieser Saison gewonnen. Vor allem wegen ihrer Vorgeschichte ist dies eine eindrucksvolle Leistung.
Die nächste Olympia-Enttäuschung drohte
So erlebte die fünffache Gesamtweltcupsiegerin vor vier Jahren in Peking ein echtes Debakel. Schon damals reiste sie als grosse Favoritin an die Winterspiele. Dann schied sie im Riesenslalom und im Slalom nach wenigen Toren aus und weinte bittere Tränen. Im Super-G verpasste sie als Neunte die Medaillen ebenfalls deutlich. Danach sprach sie über Albträume: «Es wiederholte sich immer wieder. Die ganze Nacht. Ich wachte auf und schlief dann wieder ein.» Immer wieder hätte sie dieselben Bilder gesehen. «Ich fiel beim fünften Tor aus. Überraschung! Es fühlte sich grauenhaft an.»
Auch in diesem Jahr begannen die Olympischen Spiele für Shiffrin nicht nach Wunsch. In der Team-Kombination lieferte ihr Abfahrts-Olympiasiegerin Breezy Johnson die bestmögliche Ausgangslage, doch Shiffrin vergab im Slalom noch die Medaille. Im Riesenslalom wurde sie nur Elfte. Schon vor den Winterspielen hatte sie gesagt: «Es lässt sich nicht verhindern, dass ich mit Angst starte.»
Nun drohte die nächste Enttäuschung bei den Olympischen Spielen – doch Shiffrin liess sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Irgendwann habe sie sich gesagt: «Hör auf zu träumen und fahr einfach Ski.» Dann krönte sie sich wie schon 2014 im Slalom und 2018 im Riesenslalom zur Olympiasiegerin.
Ihr Sturz hätte auch tödlich enden können
Damit lässt Shiffrin auch die Leidensgeschichte mit ihren Verletzungen in den letzten Jahren hinter sich. Im Januar 2024 zog sich Shiffrin in der Abfahrt von Cortina, wo sie nun Olympia-Gold holte, eine Bänderdehnung im Knie zu, woraufhin sie mehrere Wochen pausieren musste. Im November desselben Jahres zog sie sich im Riesenslalom in Killington eine tiefe Stichwunde am Bauch zu, die sie zwei Monate ausser Gefecht setzte. Dabei hatte sie Glück, denn der Sturz hätte auch tödlich enden können.
Aus diesem Grund litt Shiffrin an einer posttraumatischen Belastungsstörung und Angstzuständen, wie sie später schrieb. Nach ihrer Rückkehr auf die Ski habe sich «alles irgendwie schrecklich angefühlt». Erst mit der Zeit konnte wieder das richtige Gefühl und die Freude beim Skifahren wiederfinden.
Erst 5 Prozent ihres Buchs sei geschrieben
Von ihrer Angst ist aber längst nichts mehr zu spüren. Mit dem Olympia-Sieg erlebte die 108-fache Weltcupsiegerin – einsamer Rekord – in dieser Saison ein weiteres Highlight. Obwohl sie nach den Verletzungen der letzten Jahre keine Speedrennen mehr fährt, ist sie auf dem Weg zur sechsten grossen Kristallkugel, ihre neunte Slalomkugel hat sie bereits auf sicher.
Und Mikaela Shiffrin hat noch einiges vor. «Wir haben noch nicht einmal fünf Prozent des Buchs hinter uns», kündigte sie nach ihrem dritten Olympiasieg an. Das verheisst für die Konkurrenz von Mikaela Shiffrin – zumindest in ihrer Paradedisziplin – nichts Gutes.
