Du bist Fussballer und plötzlich heisst es auf dem Sportplatz, wo du dir schon als C-Junior das Knie aufgeschürft hast: Argentinien – Frankreich. Und der Sieger erhält den goldenen WM-Pokal.
Du spielst Tennis und plötzlich wird auf dem Platz in deinem Dorf ein Grand-Slam-Turnier ausgetragen und du hörst Rafael Nadal und Carlos Alcaraz stöhnen.
So geht es mir als angefressenem Rennvelofahrer gerade. Am Samstag beginnt das Frauen-Rennen in Uster, am Sonntagmorgen wird dann das Männer-Rennen in Winterthur gestartet.
Die Fahrer drehen eine Schleife durchs Zürcher Weinland, kommen nochmals in die Stadt, die sie dann via Kyburg verlassen. Von Sennhof dort hinauf – ein «Sauhund», um es mit Alex Zülle zu sagen, der einst den Albulapass so bezeichnete.
Natürlich ist der knackige Aufstieg mit dem wunderbaren Bündner Pass nicht zu vergleichen. Aber mit einer Durchschnittssteigung von 10,2 Prozent auf 1,3 Kilometer ist er für Hobbyfahrer eine Herausforderung. Eine, während der man sich im Wiegetritt vielleicht kurz mal vorstellt, einer der Besten der Welt zu sein, der gerade bei Flèche Wallone die (noch viel steilere) Mur de Huy erklimmt.
Tadej Pogacar wird entlang des Poloparks in Ohringen fahren – wie oft kam ich dort wohl mit dem Rennvelo vorbei? Remco Evenepoel wird noch schneller von Humlikon nach Dorf hinunterrasen und Marc Hirschi wird in Buch am Irchel mit Sicherheit weniger leiden als ich bei dieser ekligen Rampe am Volg vorbei.
Wenn ich mir das alles so vorstelle, dann kann ich nicht anders, als es mit kindlicher Freude zu feiern.
Nüchtern betrachtet habe ich natürlich rein gar nichts davon, dass auf «meinen» Strassen ein Weltmeister erkoren wird. Aber das Dasein als Sport-Fan war noch nie eine nüchterne Angelegenheit.
Und so werde ich bei Weitem nicht alleine sein mit meinen Gefühlen, zu denen bei aller Vorfreude auch die Trauer über den Unfalltod der 18-jährigen Juniorin Muriel Furrer gehört. Tausende andere «Gümmeler» freuten sich seit Langem darauf, dass es auf «ihren» Strassen in Winterthur, im Weinland und auf dem City Circuit in und um Zürich ums Regenbogentrikot geht. Es gibt im Leben bestimmt Schlimmeres, als sich über vermeintliche Kleinigkeiten zu freuen.
Nun haben wir bloss noch das «Problem», dass wir die Strecke fast zu gut kennen und uns mit dem Entscheid schwertun, wo wir an der Strasse stehen und die Profis anfeuern wollen. Ein schönes Problem und eines, das spätestens bis zum Rennstart um 10.30 Uhr beim Sulzer-Hochhaus gelöst sein wird.
Zu guter Letzt: Der Sonntag wird der letzte Tag dieser Rad-WM sein, an dem viele Strassen gesperrt sein werden. Andere Verkehrsteilnehmer, da bin ich mir sicher, werden daher den Montag mindestens so sehr feiern.