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Kommentar

Djokovic schadet dem Tennis – aber er ist nicht nur Täter, sondern auch Opfer

Novak Djokovic wird die Einreise nach Australien verweigert, weil der Ungeimpfte die Auflagen nicht erfülle. Der Serbe geht mit Anwälten dagegen vor. Er ist in dieser Geschichte Opfer und Täter zugleich.
06.01.2022, 06:2506.01.2022, 06:56
Simon Häring / ch media

Am Mittwochmorgen um 08.15 Uhr Ortszeit wird bekannt: Novak Djokovic wird die Einreise nach Australien verweigert. Der Tennisspieler habe nicht glaubhaft darlegen können, dass er aus medizinischen Gründen Anspruch auf Befreiung von der Impfpflicht habe. Diese hatten ihm vor seiner Reise nach Melbourne zwei Expertengremien und Australiens Tennisverband zugesichert.

Doch die Grenzbehörden beurteilten die Sachlage anders. Die nächsten Stunden verbringt Djokovic in Hotelquarantäne, am Donnerstag soll er Australien verlassen. Seine Anwälte haben Berufung eingelegt.

Novak Djokovic im November in Turin.
Novak Djokovic im November in Turin.Bild: keystone

Djokovic wird die Geister, die er rief, nicht mehr los. Schon im Frühling 2020 hatte er sich als Impfskeptiker positioniert, als noch kein Vakzin gegen das Coronavirus Marktreife erlangt hatte.

In einem Gespräch mit einem selbst ernannten Alchemisten philosophierte sich der Tennisspieler in ein spirituelles Delirium, während dem er sagte, mit der Kraft des Geistes könne man die molekulare Zusammensetzung von Wasser verändern. Und giftiges Wasser in Wasser mit Heilkraft verwandeln. Wenn es um seinen Körper geht, hat Djokovic fast schon paranoide Züge.

Zuletzt vertrat er den Standpunkt, medizinische Angelegenheiten seien Privatsache. Aus welchem Grund er eine Befreiung von der Impfpflicht beantragt und erhalten hat, ist nicht bekannt. Möglicherweise wird sich Djokovic in den nächsten Tagen dazu äussern.

Doch mit seinem Gebaren hat er Australien provoziert. Die Behörden haben der Bevölkerung in den letzten zwei Jahren mehrfach lange und strikte Lockdowns verordnet, während 19 Monaten waren die Grenzen zu, Zehntausende Australier waren an der Rückkehr in ihre Heimat gehindert, Familien getrennt.

Das dürfte Djokovic zum Verhängnis geworden sein. Die Nachricht, dass der 20-fache Grand-Slam-Sieger dank medizinischer Ausnahmeregelung einreisen kann, stiess bei der Bevölkerung auf Unverständnis und hat für heftige Empörung gesorgt.

Die gewöhnlich unaufgeregte Zeitung «The Canberra Times» fasste die Stimmungslage wie folgt zusammen: «Sind wir entsetzt? Vielleicht. Wütend? Ja. Frustriert, enttäuscht, angewidert, das Gefühl, als hätten wir alle gerade eine massive Ohrfeige bekommen.» An Djokovic entzündet sich nun ein Konflikt, der schon lange geschwelt hat.

Der Subkontinent befindet sich derzeit in der intensivsten Pandemiewelle, am Mittwoch wurden 71'495 neue Infektionen gemeldet – und das bei 25.7 Millionen Einwohnern. Rekord. An Silvester wurden innert 24 Stunden so viele Ansteckungen gezählt wie im ersten Pandemiejahr 2020 zusammen. Premierminister Scott Morrison geniesst nur noch wenig Rückhalt, im Mai stehen Parlamentswahlen an. In seinem entschlossenen Vorgehen gegen Djokovic dürfte er eine Chance erkannt haben, bei seinen Landsleuten Applaus zu ernten und das Vertrauen in seine Politik wieder zu stärken.

Novak Djokovic ist ein Opfer dieser politisch motivierten Machtspiele. Vor ihm sind wohl bereits andere Sportlerinnen und Sportler eingereist, die ebenfalls von der Impfpflicht befreit worden sind. Der Verdacht drängt sich auf, dass an Novak Djokovic ein Exempel statuiert worden ist.

Held in Serbien, Bösewicht im Ausland

Unschuldig ist der beste Tennisspieler der Gegenwart daran allerdings nicht. Sein Verhalten während der Pandemie liess den Schluss zu, dass er glaubt, über den Dingen zu stehen. Im Sommer 2020 organisierte er auf dem Balkan die Adria-Tour, eine Turnierserie, die abgebrochen werden musste, nachdem es dort zu mehreren Ansteckungen mit dem Coronavirus gekommen war und die in Kroatien eine kleine Staatskrise ausgelöst hatte.

Ausserhalb Serbiens war er schnell als Bösewicht gebrandmarkt, in seiner Heimat aber sind ihm Respekt und Heldenverehrung gewiss. Das ging so weit, dass die Premierministerin Ana Brnabic die Verantwortung für das Fiasko bei der Adria-Tour auf sich nahm und Djokovic von jeder Schuld freisprach. In Serbien sind ihm Liebe und Zuneigung gewiss. Dort bewegt sich Novak Djokovic in einer Blase, in der sich die Welt auch dann noch um ihn dreht, wenn sie sich ausserhalb gegen ihn verschworen hat. Als er in Melbourne verhört wurde, telefonierte Präsident Aleksandar Vučić mit Djokovic und sendete wenig später eine diplomatische Protestnote aus.

Djokovic muss sein Schweigen brechen

Djokovics Karriere steht auf dem Prüfstand. Für ihn, der mehr gewonnen hat als jeder andere, den erfolgreichsten männlichen Tennisspieler der Geschichte, steht in den nächsten Tagen sehr viel mehr auf dem Spiel als sportlicher Ruhm. Wie er sich verhalten wird, entscheidet darüber, als was er in die Geschichtsbücher eingehen wird: Nur als Seriensieger, oder als einer, dessen Horizont nicht schon an Netzkante und Grundlinie endet?

Novak Djokovic wird sich den kritischen Fragen stellen müssen, er muss Empörung und Wut aushalten. Sportlich hat er in der Vergangenheit aus solchen Konstellationen Kraft gezogen. Doch nun steht mehr auf dem Spiel. Sein Fall wirft einen Schatten auf ein Turnier, das er vielleicht nicht einmal bestreiten kann. Mehr noch: Djokovic schadet dem Tennis, von dem er sagt, er liebe es über alles, wenn er sich dafür entscheiden sollte, seine Teilnahme mit aller Macht auf juristischem Weg zu erzwingen.

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Video: watson

Das ist das Dilemma, in dem er steckt: Nimmt er den Entzug des Visums hin, verlässt er Australien als Opfer. Bekämpft er es, wird er zum Täter.

Um weiteren, möglicherweise irreparablen Schaden von sich und dem Sport abzuwenden, muss Djokovic reinen Tisch machen, von seiner fast schon sturen Verschwiegenheit abweichen und offenlegen, weshalb er sich von der Impfpflicht hat befreien lassen. Nur so kann er den Verdacht aus der Welt räumen, dass ihm damit etwas deshalb zugestanden wurde, weil er reich und berühmt ist, wie die Süddeutsche Zeitung treffend schreibt.

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